• GROSSER KLINIKVERGLEICH VON TAGESSPIEGEL UND GESUNDHEITSSTADT BERLIN Abschlussfolge: Vom Halbgott zum Dienstleister

GROSSER KLINIKVERGLEICH VON TAGESSPIEGEL UND GESUNDHEITSSTADT BERLIN Abschlussfolge : Vom Halbgott zum Dienstleister

Die Rolle der Ärzte ändert sich – ob in Krankenhaus oder Praxis. Die Medizin stellt sich zunehmend dem öffentlichen Qualitätsvergleich. Das Ziel ist mehr Orientierung für die Kunden, also die Patienten.

Ingo Bach

Vom Halbgott in Weiß, dessen Entscheidungen Gesetz waren, hin zum Dienstleister, der sich einem Qualitätsvergleich stellen muss – die öffentliche Wahrnehmung des Arztes hat sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig verändert.

Auch in Berlin wird die Krankenhauslandschaft zunehmend transparent. In der heute endenden diesjährigen Klinikserie von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin stellten sich zum Beispiel erstmals die Psychiatrien, die Hals-Nasen-Ohren-Abteilungen und die Geriatrien dem Vergleich. Zusammen mit der vor einem Jahr erschienenen Klinikführer-Serie liegen damit Analysen für insgesamt 41 Krankheitsbilder vor, die jährlich zusammen rund 210 000 Mal in den Krankenhäusern der Hauptstadt operiert und therapiert werden.

Mittlerweile gibt es in Deutschland immer mehr ähnliche regionale Klinikvergleiche, etwa für Bremen, Hamburg und für Sachsen. Sie alle basieren zum großen Teil auf den Qualitätsdaten der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) in Düsseldorf, die etwa Komplikationsraten bei Operationen, Todesfälle oder die Anzahl von Klinikinfektionen dokumentiert.

Im Jahr 2006, als Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin den Klinikführer zum ersten Mal veröffentlichten, waren die BQS-Ergebnisse noch streng geheim – die Berliner Häuser stellten ihre Daten damals erst nach intensiven Debatten freiwillig zur Verfügung. Inzwischen sind alle Krankenhäuser in Deutschland gesetzlich dazu verpflichtet, ausgewählte BQS-Daten offenzulegen.

Nicht überall findet das Beifall. Zu den Kritikern gehört zum Beispiel Martina Dombrowski, Chefärztin der Gynäkologie im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau. Die BQS-Daten würden für den internen Gebrauch in den Kliniken erhoben und seien für Laien nur schwer verständlich, sagte sie Ende Juni auf einer Diskussionsveranstaltung in der Urania. Außerdem sei es viel besser, statt vermeintlich gute oder schlechte Häuser über die BQS-Daten öffentlich definieren zu wollen, die Behandlungsqualität für alle Kliniken gleichmäßig zu erhöhen. „Der Patient muss die Garantie haben, in jeder Klinik gut behandelt zu werden.“

„In Deutschland befinden wir uns dabei in einem Diskussionsprozess“, sagte der Berliner Gesundheitsstaatssekretär Benjamin-Immanuel Hoff (Linkspartei) auf derselben Veranstaltung. „Die Ärzte müssen sich an ihre neue Rolle gewöhnen, denn ihre Leistungen werden jetzt durch solche Qualitätsvergleiche unter die Lupe genommen.“ Und dazu gehörten auch Transparenz und Wettbewerb.

Dieser Prozess der Gewöhnung ist im Klinikbereich schon relativ weit vorangeschritten. Die Häuser sind mit dem Messsystem der BQS und den gesetzlichen Qualitätsberichten Vorreiter in der Transparenz. Doch weitere Bereiche in der Gesundheits- und Pflegeversorgung folgen derzeit.

Im Rahmen der am 1. Juli in Kraft getretenen Pflegereform müssen zum Beispiel die Pflegeheime ab dem kommenden Jahr in „verständlicher, übersichtlicher und vergleichbarer“ Form im Internet über die Qualität in ihrem Haus informieren. Dazu zählt auch die Veröffentlichung von Prüfungsergebnissen des medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Über die genaue Form einer zusammenfassenden Qualitätsbewertung – zum Beispiel als Schulnotensystem oder als Ampeldarstellung – wird derzeit noch heftig diskutiert.

Die Berliner Pflegeheime sind hierbei bundesweit Pioniere. Schon Ende vergangenen Jahres veröffentlichte der Tagesspiegel ausgewählte Ergebnisse aus den MDK-Berichten von rund 100 Pflegeheimen, die diese Daten freiwillig zur Verfügung stellten. Diese Angaben flossen ein in den „Pflegeheimführer Berlin 2008“, der im vergangenen März erschienen ist.

Auch für die ambulante ärztliche Versorgung durch niedergelassene Mediziner wird etwas getan. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sucht nach Indikatoren, mit denen sich die Qualität im ambulanten Sektor messen und vergleichen lässt. Dabei geht es zum einen darum, langfristig den Ärzten, die eine bessere Qualität abliefern, auch höhere Honorare zu zahlen. Und zum anderen darum, die vom Gesetzgeber geforderte Transparenz für die Kunden – also die Patienten – zu gewährleisten. Ende 2008 soll die entsprechende Pilotprojektgruppe der KBV Vorschläge für solche Qualitätsparameter vorlegen. Diese könnten dann Grundlage für öffentliche Qualitätsvergleiche sein.

Ein anderer Weg zu mehr Transparenz in der Arztpraxis soll über Qualitätszertifikate nach dem Vorbild eines TÜV-Siegels führen. Doch sei es für Laien schwer zu beurteilen, welche Aussage sich eigentlich dahinter verberge. Auf einer Veranstaltung der KBV vor einigen Wochen brachte die Berliner KV-Chefin Angelika Prehn die mögliche Reaktion von Patienten beim Arzt so auf den – berlinischen – Punkt: „Wat haben Sie denn da wieder für ’n Bierdeckel uffjehängt?“

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