Zeitung Heute : Großer Krieg ist kein Konzept

WALTHER STÜTZLE

Niemand hat eine überzeugende Strategie.Auch nicht Madeleine Albright.Die Stärke Amerikas und die Schwäche Europas hat Washington zur Politik des Alleingangs verleitet.VON WALTHER STÜTZLEDer Aufmarsch geht zügig vonstatten.Soldaten, Schiffe, Flugzeuge rücken Saddam Hussein näher.Zur Waffendemonstration der USA hat sich ein britischer Flugzeugträger dazugesellt.Und ein Heer von Fernsehreportern.Sie wollen dabeisein, wenn Salven gegen Bagdad die unheimliche Stille über dem Persischen Golf brechen.Es riecht nach Krieg im Nahen Osten.Die Sensationslust einiger Kamerabetreiber kann den Ausbruch offenbar gar nicht erwarten.Doch außer Madeleine Albright spricht keiner davon.Und sie schlägt leider den falschen Ton an.Ihre Kraftvokabeln sind nicht dazu angetan, der Politik den Vorrang zu garantieren, der ihr gebührt.Und den wahrzunehmen überdies ihre Pflicht ist.Krieg zu führen ist nicht die Aufgabe, sondern Frieden zu sichern.Gewiß nicht um jeden Preis.Aber was änderte sich eigentlich, würde jetzt gegen den Irak losgeschlagen? Es spricht für Bill Cohen, den Pentagon-Chef, so zu fragen.Seine Frage ist zugleich auch die Antwort: Nichts würde sich ändern, es sei denn, Saddams Schreckensherrschaft könnte beendet werden.Kann sie? Saddam Hussein ist ein Mannsbild an Feind.Was Madeleine Albright bekämpft, muß sie weder erfinden noch übertreiben.Saddams Spezialität ist es, Kriege zu führen, Kriege zu verlieren, und dennoch an der Macht zu bleiben.Der Herr von Bagdad gehört zu jener gottlob seltenen Spezies Mensch, die Massenvernichtungswaffen nicht nur besitzt, sondern auch einsetzt.Im Krieg gegen den Iran hat er - ungeachtet gegenteiliger Vertragsverpflichtung - Chemische Waffen benutzt.Auch gegen die eigene Bevölkerung.Dem totalen C-Waffenverbot von 1993 ist der Irak bis heute nicht beigetreten.Erinnerlich ist auch, daß der Diktator die Konvention von 1972 über das Verbot biologischer Waffen zwar unterschrieben, dann aber gründlich gebrochen hat.Selbst nach verlorenem Golf-Krieg und UN-verfügter Totaldurchsuchung des Landes und Zwangsabrüstung, soll Saddam noch ein Vielfaches jener Menge an B-Waffen besessen haben, die ausreichte, um zum Beispiel Israel die Atemluft zu rauben.Kurz: Saddam Hussein ist der Prototyp eines Feindes.Doch was ist zu tun? Niemand hat eine überzeugende Strategie.Auch nicht Madeleine Albright.Die Stärke Amerikas und die Schwäche Europas hat Washington zur Politik des Alleingangs verleitet.Laut Albright geht es um den Schutz der Menschen.Darum geht es auch, aber nicht nur und nicht in erster Linie.Anderenfalls wäre längst ein Weg gefunden worden, die verheerenden Konsequenzen des Embargos für die Bevölkerung des Irak zu mildern.Tatsächlich geht es ganz wesentlich um strategische Ölinteressen der USA.Noch ist die arabische Halbinsel die wichtigste überseeische Energie-Rohstoff-Quelle Amerikas.Zwischen den noch randvollen zentralasiatisch-transkaukasischen Öl-Quellen rund ums Kaspische Meer und jenen in Arabien liegen ausnahmslos leicht entzündliche Konfliktherde.Ein Blick auf die Karte ist erhellend.Das Netanjahu-geplagte Israel, die nach innen friedensunfähige Türkei und die reformfeindlichen ölreichen Feudalstaaten gehören dazu.Für ruchlose Spieler-Naturen wie Saddam öffnet sich hier ein weites Feld zum Zündeln und Brandstiften.Amerika muß nichts mehr fürchten als einen Flächenbrand im Nahen Osten.Einmal angezündet ginge alles in Flammen auf, was in den Jahren nach dem Golf-Krieg mühsam, Stück für Stück, an Stabilität gewonnen werden konnte.Washingtons Sorge ist also berechtigt.Aber das erkennbare Feuerabwehr-Konzept überzeugt nicht.Vonnöten ist dreierlei: Ausschöpfung aller diplomatischen Möglichkeiten; öffentliche Darstellung der Irak-Verstöße gegen das Abrüstungsgebot; gründliche Beratung im UN-Sicherheitsrat und keine Gewaltanwendung gegen Saddam ohne neues Mandat.Dabei darf Washington auf Europa nicht zählen.Die EU versagt auch in dieser Krise.Rats-Präsident Tony Blair hat sich mit vorauseilendem Gehorsam auf die Seite der USA geschlagen.Bonn ist für Amerika, aber gegen die amerikanische Irak-Politik.Frankreich verfolgt ein beherztes Sowohl-als-auch.Undsoweiterundsofort.Kurz: Obwohl Krieg droht, stecken weder die Chefs in der EU noch ihre Außenminister die Köpfe zusammen.Erst im Jammern über den verspielten Frieden wird man sie vereint sehen.Saddam hat Grund, nur Amerika zu fürchten.Das muß dem Frieden zugute kommen.

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