Zeitung Heute : Großes Kino ist einfach

ALICE AGNESKIRCHNER

Filme von Jan Sverak in BerlinALICE AGNESKIRCHNERZwei Männer, eine Frau, ein zum Cabrio umfunktionierter Gebrauchtwagen, ein Sommer, in dem die Sonne die hügelige Wald- und Fluren-Landschaft Böhmens durchflutet hat, die Ahnung von Erotik - ein tschechisches Road-Movie.Es gibt viel fetzige, tschechische Musik, die alle seit "Easy Rider" klassisch gewordenen Sehnsüchte besingt: Nur irgendwohin, wo es besser ist, wo die Einengungen des Alltags nicht auftauchen können.Radek, Franta und Ana suchen nach dem echten Leben oder wenigstens dem, was man dafür hält, wenigstens diesen einen Sommer lang: "Die Fahrt" - Regie: Jan Sv«erák.Insidern ist der 32jährige Tscheche seit 1986 mit seinen studentischen Dokumentar- und Spielfilmen aufgefallen, einer breiteren Öffentlichkeit wurde er erstmals 1996 mit "Kolya" bekannt. Ganz großes Kino war noch nie durch Action, Sex und Crime definiert, ganz großes Kino lebt von seinen Figuren.Damit diese auf der Leinwand lebendig werden, muß der Regisseur sie einfach gut finden, egal was sie gerade anstellen.Charlie Chaplin hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß sein Tramp ein klasse Typ ist, und wenn er noch so oft verliert.Sv«erák zweifelt auch nie an seinen Figuren.Egal ob Radek, Ana und Franta sich wechselseitig korrekt verhalten oder nicht, sie bleiben die Menschen, denen wir uns nahe fühlen, weil wir verstehen können, was sie bewegt. Das ist so, weil Sv«erák die Stärken und Schwächen seiner Figuren - mit viel Genauigkeit und Menschenkenntnis - glaubwürdig herausarbeitet.Das macht diese Filme so besonders.Zugleich setzt Sv«erák die Figuren in einen genau definierten Rahmen, den er nicht effekthascherisch verläßt.Er beschränkt sich auf das Kriegsende an einer Schule - am Stadtrand von Prag um 1945/46 - "Die Volksschule", auf die virtuelle zukünftige Realität von Menschen - "Akkumulator I", auf das sommerliche Böhmen - "Die Fahrt", und schließlich das Nachwende-Prag - "Kolya".Dabei gibt es keine Einstellung, die einfach nur irgendwas irgendwie zeigen will, genausowenig Szenen, die zusammenhanglos mit der Geschichte auftauchen. In Berlin sind jetzt die drei Filme zu sehen, die Sverak nach seinem Abschluß der Dokumentarfilmklasse an der Prager Filmakademie FAMU und vor "Kolja" gedreht hat, sowie zwei dokumentarische Spielfilme, die er während seines Studiums gemacht hat."Die Ölfresser" ist eine fiktive Reportage über eine Expedition zu Kleinsttieren, die nur in einer Atmosphäre von Öl und Kohlenmonoxid überleben können."Odyssee II" zeigt den Kontrast zwischen dem Leben auf dem Land und in einer Hochhaussiedlung aus der Perspektive einer Bäuerin.Jeder Film unterscheidet sich in Genre und Herangehensweise."Akkumulator 1" war der teuerste tschechische Nachwende-Film, mit Horrorvisionen, Zukunftsphantasien und irrealen Handlungen, "Die Fahrt" der billigste, mit einer einfachen Geschichte, die irgendwo beginnt und irgendwo endet."Die Volksschule" ähnelt "Kolja" am meisten, für beide Filme hat der Drehbuchautor und Schauspieler Zdenek Sverak - der Vater des Regisseurs - das Buch geschrieben und die Hauptrolle übernommen."Diese Filme sind mehr die Filme meines Vaters, in "Akkumulator" und "Die Fahrt" probiere ich mich mehr aus, versuche die Grenzen des Genres zu erforschen, aber ich ordne meine Regieanstrengungen immer meiner Geschichte und meinen Figuren unter." Jan Sverak hat eine für seine Generation ungewöhnlich traditionelle Vorstellung von Regie: Es ist sein Beruf, eine Geschichte aus dem Blickwinkel der handelnden Personen zu erzählen.Uneitel und präzise. Vom 23.bis zum 27.9., Babylon Mitte, Moviemento und Tschechisches Zentrum 

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben