Großfamilie : Weiterschwimmen, Amerika kommt gleich

Die großen Familien sterben aus in Deutschland. Gerlinde Unverzagt hat vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne. Aber wie erzieht man die?

Deike Diening

Immer, sagt die Mutter auf ihrem Balkon, ist die Beziehung zu einem Kind ja auch eine Liebesgeschichte. Um sie herum erröten die Tomaten ihrer Tochter. „Nur mit einem entgegengesetzten Ziel.“ Man dürfe sich nämlich nicht so verhalten, dass man einander immer unentbehrlicher werde, sondern so, dass die Kinder am Ende ohne einen auskommen.

Gerlinde Unverzagt – Name von der Redaktion nicht geändert – nippt an einer Tasse Kaffee zwischen krauser Petersilie und Lavendel, über ihr nur noch der Himmel, ihre vier Liebesgeschichten währen nun schon 11, 13, 16 und 18 Jahre, und sie selbst, 48, ist plötzlich zu einem gesellschaftlichen Ideal geworden.

Denn aus welchen Gründen auch immer stellen die Paare dieses Landes nach 1,37 Exemplaren das Kinderkriegen ein. Das Problem mit den fehlenden Kindern sei ja nicht, dass die Leute keine Kinder wollen, sagt die Politik, sie hätten nur so schrecklich wenige. Gerlinde Unverzagt hat dagegen einfach gemacht, wozu sich kaum einer entschließen kann, wovor sich viele fürchten, was deshalb bald noch mehr gefördert werden soll, man weiß nur noch nicht, wie. Sie hat sich gar nicht gefragt, ob sie denn noch ein weiteres Kind möchte. Sie hat sich gesagt: wenn eines kommen will, schicke ich keines weg. Es kamen fantastische vier. Seither sagt sie, wo Kirschen sind, da gibt es Körbe.

Die Kinder brauchten nicht lange, um zu begreifen, dass sie etwas Besonderes waren. Sie sahen schnell, dass andere höchstens ein Geschwisterkind hatten. Von allem, was etwas kostete, hatten sie selbst weniger: weniger Klamotten, weniger Nachhilfe. Von vielem anderen aber mehr: mehr Spielkameraden, mehr Auseinandersetzungen. Vielleicht ist das, was nichts kostet, in großen Familien das Wertvollste, dieses besondere Binnenklima, das entsteht, wenn Kinder nicht nur Eltern haben, sondern auch einander. Denn es sieht ja nur so aus, als sei Gerlinde Unverzagt allein erziehend. Man sagt das so, wenn kein Mann im Haus ist. Tatsächlich aber erziehen sich die Kinder auch gegenseitig. Der eine lernt vom anderen. Der andere lässt sich von einem was sagen. „Und irgendwann“, sagt die Mutter, „tritt der Spaß in den Vordergrund.“

Hinter der Balkontür steht ihr Schreibtisch, an dem sie in den letzten Jahren viele Erziehungsbücher geschreiben hat, und unter einem schnell enttarnten Pseudonym die Polemik „Das Lehrerhasserbuch“. Sie füllt eine Kolumne in der Zeitschrift „Spielen und Lernen“, und die Berliner kennen ihre Stimme von Radio Eins, wo sie in loser Folge mit Erziehungsthemen zu Gast ist. Um das Pensum zu schaffen, das die Familie ernährt, musste sie mindestens so erfinderisch werden wie ihre Kinder. Als sie einmal einen Text beenden musste, brachte sie sie zur Kinderbetreuung ins KaDeWe. Ihre Schwester, die zur gleichen Zeit einen Säugling hatte, passte auch mal eine Weile auf. Irgendwann fanden sie raus, dass das Kind der einen auch die Brust der anderen nimmt. Das war genial.

Sonst haben Sie keine Hobbys?, hat ein Taxifahrer mal gesagt. Es ist ja noch nicht lange so, dass eine Familie mit vielen Kindern als gesellschaftliches Ideal gilt. Ihr Mann ist wohl katholisch, fragte eine Frau im Supermarkt. Weiterschwimmen, dachte sie. Amerika kommt gleich.

Vor neun Jahren, als sie den Vater der Kinder „um seinen Abschied gebeten“ hat, da waren sie nur noch fünf. Die Logistik rückte in den Vordergrund. Es wird nur noch Wäsche gewaschen, die in der Tonne liegt. Die müssen die Kinder selbst hineinwerfen. Wer beim Einkauf eine Plastiktüte braucht, weil er den Beutel vergessen hat, kriegt die 15 Cent vom Taschengeld abgezogen. Niemand muss diesen Kindern erklären, was Ressourcenknappheit ist.

Und es gibt Ämter in dieser Familie, die gibt es nirgends sonst. Die 13-jährige Lichtwärterin sorgt dafür, dass bei Verlassen eines Raumes das Licht gelöscht und auch die Musik ausgeschaltet wird. 50 Euro Stromrückzahlung hat sie im letzten Jahr erwirkt. Der Älteste ist inzwischen für Luft, Wasser und Öl beim Auto zuständig. Seine Mutter mimt dann pädagogisch wertvoll die Ahnungslose.

Über die Jahre hat sie entdeckt, dass sie Konflikte am besten löst, indem sie Erwartungen systematisch enttäuscht. Als dem Sohn plötzlich mit 12 Jahren „das Testosteron aus dem Schulranzen lief“, da hörte er immer laut „Motherfucker“. Sie hat es gehasst. Er hat es gewusst. Aber als sie es plötzlich im Autoradio selbst auflegte – „cooles Lied, oder?“ – hat er es nie wieder gespielt. „Durch dick und dünn ist okay“, sagt die Mama dann, „aber nicht durch dick und doof“.

Für kurze Zeit haben sie einen Hund. Als sich niemand mehr kümmern will, droht sie, ihn vor einem chinesischen Restaurant anzubinden. Aber erst, als sie ihn wirklich weggibt, glaubt man ihr, dass sie durchsetzt, was sie ankündigt.Tägliche Einzelfallentscheidungen, Erziehung ist ihre Summe. Es komme nicht auf den Inhalt der Regeln an, sagt sie, sondern auf ihre Durchsetzung. Und dass man darüber den Rest nicht vergisst, der ja das Eigentliche ist.

Aber sind vier Kinder für eine Person nicht wie acht für zwei? Gerlinde Unverzagt kippelt auf ihrem Stuhl zwischen Zimmer und Balkon. „Nein“, sagt sie dann. Man vertut sich da. Einer mehr bedeutet ja nicht automatisch die Hälfte der Arbeit. Es gebe Männer, die seien selbst wie Kinder mit ihren schwankenden Stimmungen. Und dann rennen die Kinder von einem zum anderen, der eine sagt ja, der andere nein. Man muss geschlossen auftreten, prompt hat man alle Schwierigkeiten einer großen Koalition.

Ihre Kinder lernten also kochen in Portionen für fünf. Ständig änderten sich Alter, Schuhgrößen, Vorlieben, Fähigkeiten, Rollen, Rituale. Aus dem „Schweinetag“, an dem alle mit Fingern essen durften, ist der „Schlampentag“ geworden, da gibt es drei Schundserien hintereinander. Alle liegen auf dem Küchensofa, die Mädchen flechten sich die Haare, und die Mutter mag dieses zwanglose Beieinandersein. Denn „im Schutz eines Films“ wird auch mal über Sachen geredet, die sonst nicht rauskommen. Das sind Momente, in denen sie auf ihre Kinder hören kann, ohne dass die wissen, dass sie zu ihr sprechen.

Jetzt schreibst du uns schon wieder auf, sagen die, wenn die Mama dem Familienleben mit Block und Bleistift hinterherläuft. Sie tauchen in ihren Büchern auf. Sie sind auch stolz darauf. „Was mit den Kindern alles passiert ist in den Jahren – ich bin nur älter geworden,“ sagt Gerlinde Unverzagt. Das stimmt natürlich nicht. Denn als ihr Leben ein Wimmelbild wurde, wurde auch sie noch einmal erzogen. Alles wurde intensiver. Sie trödelt nicht mehr. Immerhin dreimal die Woche hat sie es ins Fitnessstudio geschafft, sie hat Italienisch gelernt und ein paar Freundschaften gepflegt. Aber sonst, nein, sonst hat sie keine Hobbys.

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