Zeitung Heute : Großstadtliteratur - ohne Zentrum

Römische Autoren lesen in der Literaturwerkstatt Berlin Daß Berlin eine "erzählte Stadt" so recht nicht werden mag, ist den Hiesigen immer wieder ein Problem: Warum nur will es nicht klappen mit dem vielbeschworenen Metropolenroman von der Spree? Vielleicht, weil man vom Roman etwas verlangt, das er in unserem Jahrzehnt nicht mehr bieten kann: die Inszenierung der Stadt als sinnstiftendes Zentrum.Römische Schriftsteller haben für den Umgang mit dem Thema Stadt im Spannungsfeld zwischen Sinnsuche und Kontingenz Modelle gefunden, die durchaus zur Nachahmung empfohlen werden könnten.Wie die aussehen, kann man in dieser Woche in der Literaturwerkstatt Berlin erfahren. Die Organisatorinnen der Reihe "Lettere da Roma", Sandra Luzina für die Berliner und Maria Ida Gaeta für die römische Seite, haben sich bei der Wahl des Titels elegant Spielraum geschaffen, lassen sich doch unter dem Motto "Briefe aus Rom" auch Texte präsentieren, die unabhängig vom beschriebenen Sujet mit Rom allenfalls als Ort des Schreibens zu tun haben.Insgesamt zehn dort lebende, aber nicht unbedingt dort geborene Autorinnen und Autoren sind diese Woche zur Lesung geladen, darunter die hierzulande nach ihrem Erfolg mit "Schokolade bei Hanselmann" bereits bekannte Rosetta Loy, die Mittwoch abend vor allem zu ihrem literarischen Leitthema, der auch in Italien lange verschütteten jüdischen Tradition, befragt wurde. Aber auch jüngere Autoren, deren Bücher gerade übersetzt werden, sind vertreten: etwa Niccolò Ammaniti, ein sehr trashig collagierender Schriftsteller, dessen Werk demnächst bei Goldmann erscheint, oder Francesco Piccolo, der eine etwas dezentere Gangart bevorzugt und im Alexander Fest Verlag herauskommt.Diese beiden werden heute abend in Pankow lesen, bevor die Reihe am morgigen Freitag mit römischer Lyrik von Valerio Magrelli, Antonella Anedda und Silvia Bre endet.(Diese Lesung findet im Italienischen Kulturinstitut statt, Beginn ist jeweils um 20 Uhr.) Den Reigen eröffnet hatte am Montag Mario Portunato, der das Eingangskapitel eines in zwei Monaten auf deutsch vorliegenden Romans "Die Kunst leichter zu werden" vortrug; ihm folgte Elisabetta Rasy, deren autobiographisch geprägter Roman "Posillipo" in Neapel beginnt.Dort wuchs sie in eine polyglotte Familie hinein, in der italienisch, französisch oder neapolitanisch gesprochen wurde, und als sie mit zehn Jahren nach Rom kam, empfand sie die "hohle Sprechweise der neuen Schulkameradinnen, die aus den umliegenden Regionen nach Rom gekommen waren, um auch sprachlich zu Stadtbewohnern zu werden", wie einen Schock. Diesen Faden spann Gert Mattenklott von der FU Berlin als der Moderator des Abends in der anschließenden Diskussion weiter, indem er auf die Bedeutung abhob, die die Stimme der Stadt für alle Neuankömmlinge habe: Wer heimisch werden will, muß eine neue Sprache finden, und bei diesem Prozeß spielt auch Literatur eine gewichtige Rolle. Am zweiten Abend las zunächst Francesco Costa aus seinem Debütroman "Der Fuchs mit den drei Pfoten" (im Herbst bei Fischer), anschließend Marco Lodoli, der drei seiner (auf deutsch im Residenz Verlag vorliegenden) Romane zu einer Rom-Trilogie zusammengefaßt hat.Mit Seitenblick auf Dantes "Göttliche Komödie" läßt er seine Protagonisten die Hölle eines tödlichen Marathonlaufes, das Fegefeuer anarchischer Absurditäten und das Paradies unwirklichen Glücks durchleben.Lodoli erzählt Geschichten von Randfiguren, deren Existenzen voll grotesker Komik sich in einer vage assoziierten römischen Peripherie entwiêkeln und auch nur dort entwickeln können: "Geschichten von Leuten, die mit ihren festgefügten Lebensläufen im Zentrum leben, könnte ich nicht erzählen", erklärt er."Die Peripherie ist für mich wie der Wilde Westen - wenn ich meine Charaktere dorthin aufbrechen lasse, kann einfach alles passieren." Die Auseinandersetzung mit den Rom-Mythen klassischer Autoren oder mit den explizit gegen diese Mythen gesetzten Vorstadtromanen eines Pier Paolo Pasolini hingegen reize ihn nicht. Die von Helene Harth von der Universität Potsdam moderierte Diskussion gewann zunehmend an Tempo, als aus dem Publikum die Frage kam, ob der Leichtigkeit und Verspieltheit, mit der Francesco Costa und Marco Lodoli so Grundsätzliches wie Liebe, Tod, Scheitern behandeln, nicht das Prinzip der Rationalität und jegliches Ethos geopfert würden? Heftig widersprachen die Autoren: Moralischer, auch politischer Anspruch auf der einen und Leichtigkeit der Form auf der anderen Seite müßten sich ja nicht ausschließen.Davon abgesehen sei es gerade ihr Ziel, die von ihnen imaginierten Welten nicht als allein rational bestimmt zu schildern. Hinter der Frage aus dem Publikum stand womöglich die eingangs erwähnte Sehnsucht nach einer Literatur, die dem Stadtmenschen sein als chaotisch wahrgenommenes urbanes Umfeld noch einmal mit klaren Hierarchien ordnen möge, mit einem sinnstiftenden Zentrum in der Mitte.Dabei lassen sich gerade die Bücher Marco Lodolis als Beleg dafür verstehen, daß Stadtromane heute durchaus wieder Folie für anregende Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen der Moderne sein können - wenn sie sich denn freimachen von der Obsession, die verlorene Mitte wiederfinden oder gar wiedererschaffen zu wollen. Im Oktober nun werden Berliner Autoren zum Gegenbesuch nach Rom reisen, und man darf sich fragen, welche Vision von der Stadt als literarischem Raum sie am Tiber vertreten werden.

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