Zeitung Heute : Großstadtpartei a.D.

CARSTEN GERMIS

Die Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart zeigt: Der Wandel der Städte von Industrie-zu Dienstleistungszentren zerschlägt die traditionellen sozialdemokratischen Wählermilieus VON CARSTEN GERMIS

Wer in den 60er Jahren danach fragte, woran in Deutschland eine Großstadt zu erkennen sei, der konnte mit zwei klaren Merkmalen als Antwort rechnen: Mehr als 100.000 Einwohner und ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister.Heute sieht das anders aus, sind die Ballungsräume schon lange keine Domäne der SPD mehr.Siehe Stuttgart: 13,5 Prozent errang ihr offizieller Bewerber Rainer Brechtken dort bei der Oberbürgermeisterwahl, nach bereits enttäuschenden 22,6 Prozent im ersten Durchgang.Vernichtend für die einstige Großstadtpartei. Sicher haben bei diesem Desaster vom Sonntag auch Besonderheiten der schwäbischen Hauptstadt eine Rolle gespielt.Die Sozialdemokraten, im Südwesten ohnehin in einer Schwächephase, hatten einen Gegenkandidaten aus den eigenen Reihen, den Pforzheimer SPD-Oberbürgermeister Joachim Becker.Der holt sich Publizität gern mit Parolen aus dem Lager der politischen Rechten, was wenig zu einem geschlossenen sozialdemokratischen Erscheinungsbild beiträgt.Doch selbst wenn man dessen Stimmenanteil von 3,4 Prozent hinzuzählt, kommt das Gesamtresultat beider Kandidaten nicht in Dimensionen, die einer Volkspartei zur Ehre gereichen.Auch wenn also jede Stadt ihre Sondergeschichte hat, allein mit schwäbischer Lokalexklusivität läßt sich das Ergebnis nicht erklären.Die Wurzeln des sozialdemokratischen Wahldesasters sitzen tiefer.Die SPD hat ein Großstadtproblem.Dort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert, das der einstmals geborenen Oberbürgermeisterpartei langsam die kommunalpolitische Luft abzuschnüren droht.Der Wandel der Städte von Industrie-zu Dienstleistungszentren zerschlägt die traditionellen sozialdemokratischen Wählermilieus. Indizien dafür gibt es viele.In den 70er Jahren war es die CDU, die über die Rathäuser den Weg zurück an die Macht in Bonn antrat.Manfred Rommel leitete ihn in Stuttgart 1974 ein, als mit ihm erstmals ein CDU-Kandidat als Nachfolger des parteilosen Nachkriegs-Oberbürgermeisters Arnulf Klett an die Spitze einer Stadt mit mehr als 500.000 Einwohner gewählt wurde.Walter Wallmann, der 1977 Frankfurt am Main für die CDU gewann, gehört in diese Reihe, ebenso Richard von Weizsäcker in West-Berlin 1981.Und jetzt sind es die Grünen, die ihren dritten Platz im Parteiengefüge der Bundesrepublik mit festem kommunalpolitischem Fundament im Westen der Republik untermauern.Mit dem Rechtsanwalt Horst Frank wurde in Konstanz im Juli erstmals ein Grüner zum Oberbürgermeister gewählt.Rezzo Schlauch, schillernder Realo, blieb in Stuttgart nur um 8000 Stimmen hinter dem siegreichen CDU-Kandidaten Wolfgang Schuster.Bei diesem ungewöhnlichen Erfolg der Grünen hat natürlich auch die Persönlichkeit Schlauchs eine Rolle gespielt, der gegen Brechtken und den selbst für schwäbische Verhältnisse eher drögen Schuster nicht ohne Grund mit dem Slogan warb, "Keiner kennt den Roten, keiner kennt den Schwarzen, alle kennen Rezzo".Die Popularität des Zwei-Zentner-Mannes hat den allgemeinen Trend jedoch nur verstärkt, den die Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen 1994 und in Niedersachsen 1996 zeigten.Die Grünen haben in den westdeutschen Großstädten ein Wählermilieu, auf das sie zuverlässig zählen können.Der Hamburger Politologe Joachim Raschke nennt diese Gruppe den alternativen Mittelstand mit Altersbauch; für die Sozialdemokraten ist sie weitgehend verloren. Die Republik verändert sich.In den Städten, die eher als die Provinz Orte des Wandels sind, zeigt sich das schneller und deutlicher.Die Bindungen der traditionellen sozialen Milieus bröckeln.Das Ende des sozialdemokratischen Zeitalters, in den Großstädten scheint es tatsächlich angebrochen zu sein.

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