Zeitung Heute : Großväter besuchen

Lars von Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Was diese Augen wohl alles gesehen haben. Ernst und stumm schauen zwei Dutzend alte Männer aus großen Schwarzweißfotos heraus jedem ins Gesicht, der sich in diesen Tagen ins sowjetische Museum Karlshorst verirrt. „Kriegsspuren“ heißt die kleine Sonderausstellung mit anrührenden Porträts von Kriegsveteranen, Deutsche wie Russen, die der Fotograf Martin Hertrampf getroffen hat.

Mal stolz, mal erschöpft schauen sie in die Kamera, aus dem Off ertönen leise Aufnahmen der Gespräche, die der Fotograf mit ihnen geführt hat. Da die Männer offenbar anonym bleiben wollten, erfährt man nicht, wer welche Erinnerungen beigesteuert hat. Aber Wortfetzen wie „Einschüsse“, „Historie ist Historie“ oder mit erregter Stimme vorgetragene russische Schilderungen vermitteln eine vielstimmige Kakophonie der Kriegserfahrungen. Auch wenn man nicht weiß, was die alten Herren genau erlebt haben, meint man doch, in ihren von Falten, entbehrungsreichen Jahren und Kriegsnarben geprägten Gesichtern lesen zu können, welch harte Zeiten sie erlebt haben.

Was wohl meine zwei Großväter erzählt hätten, wenn sie nicht gestorben wären, lange bevor ich sie nach dem Krieg hätte fragen können? Dieser Gedanke drängt sich hier auf.

Den aktuellen Bildern sind Jugendfotos von Weltkriegssoldaten gegenübergestellt, die die Besucher an Bilder der eigenen Vorfahren erinnern, samt stolzen Soldatenblicks und Uniform mit Hakenkreuz drauf. In einem Schaukasten liegen Erinnerungsstücke. Das Fotoalbum eines Wehrmachtssoldaten zeigt Schnappschüsse brennender Häuser und Schuppen, vor denen grinsend deutsche Soldaten stehen. Neben einem Marschbefehl und einem eisernen Kreuz liegt ein „Wundzettel“ mit dem Vermerk „Granatsplitter linker Unterschenkel und Gesicht“. Hinterher treten wir auf die verschlafene Straße vor dem Museum und wundern uns fast, wie friedlich die Stadt vor uns liegt.

„Kriegsspuren“, bis 19. Februar im deutsch- russischen Museum Karlshorst, Zwieseler Straße 4, Tel. 5015 0810, Di-So 10-18 Uhr, Eintritt frei, Werkstattgespräch 26. Januar, 18 Uhr

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