Zeitung Heute : Großväterchen Frost

An Stalins 50. Todestag wird sein Enkel wohl eine Flasche Wodka auf ihn trinken – und im Geburtsort des Diktators wird die ganze Stadt auf den Beinen sein

Stephan Hille[Tiflis]

Er hat die Fernbedienung in den Händen, er will einen Film zeigen, es gibt gerade Strom, „wer weiß, wie lange noch“, murmelt er. Er spult das Videoband vor. Endlich kommt die Szene: „Da, Stalin und Molotow im Kreml.“ Man sieht zwei Herren in prunkvoller Uniform über einen Hof spazieren. Einen Moment nur, dann verschwindet das Bild mit einem leisen Blitz, Stromausfall. „Verflucht“, sagt der Mann.

Jewgenij Jakowlewitsch Dschugaschwili, 67, ist der Enkel von Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, von Stalin, und der Strom fällt häufig aus in Tiflis, wie in ganz Georgien. Mal für ein paar Minuten, mal stundenlang. „Aber dafür sind wir ja frei und unabhängig“, spottet Dschugaschwili. Lenin hat einmal die Parole ausgegeben, Kommunismus ist gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung. Jetzt, 50 Jahre nach Stalins Tod, ist auch der Strom weg.

Es wird also nichts mit der Vorführung. Vor rund zehn Jahren hatte Dschugaschwili seinen Großvater gespielt – sein einziger Filmauftritt. Die Maskenbildner dürften wenig Schwierigkeiten mit ihm gehabt haben. Das sieht man, wenn er sich unter dem großen Stalin-Bild niedersetzt. Auf Seide gedruckt blickt der Diktator streng durchs Zimmer. „Ein Geschenk aus China“, sagt Dschugaschwili.

Der Seidenstalin trägt die gleiche Frisur wie sein Enkel, nur dass dessen Haar grau ist und nicht mehr so voll. Auch den Schnurrbart hat er sich kürzer geschnitten. Doch mit dem Gesichtsausdruck, den Augen und den schweren dunklen Brauen, kommt er dem Großvater sehr nahe. Doch während Stalin mit starkem georgischen Einschlag Russisch sprach, kann der Enkel gar kein Georgisch.

Als der „Vater der Sowjetvölker“ am 5.März 1953 starb, war Dschugaschwili 17 Jahre alt. Er hat seinen Großvater nie kennen gelernt. „Von seinen acht Enkelkindern hat Stalin nur drei gesehen, die hatten Glück“, sagt er. Jewgenij wuchs auch ohne Vater auf. Jakow, der Sohn aus Stalins erster Ehe, geriet in deutsche Kriegsgefangenschaft und starb 1943 im KZ Sachsenhausen.

Jewgenij machte Karriere bei der Armee und lehrte bis zu seiner Pensionierung 1991 an der Moskauer Militärakademie. Bei den letzten Parlamentswahlen in Russland vor vier Jahren hatte er sich als Spitzenkandidat des „Stalin-Blocks für die Sowjetunion“ aufstellen lassen und war kolossal gescheitert. Jetzt kümmert er sich um seine beiden Enkel.

Zwar hat Dschugaschwili vor einem Jahr in Georgien eine neue kommunistische Partei gegründet, doch die existiert nur auf dem Papier. „Ich will nicht tatenlos zusehen, wie das Land verkommt“, sagt er. Mit der Autorität des Familiennamens lasse sich in Georgien noch etwas bewegen. „Ich bin der einzige Enkel, der ihn mit Stolz trägt.“

In schlechten Zeiten sind die Rufe nach dem starken Mann am lautesten. Und in Georgien sind die Zeiten schon lange schlecht. Das ist auf der Fahrt von Tiflis ins 80 Kilometer entfernte Gori, den Geburtsort Stalins, nicht zu übersehen: die Straße durchs hügelige unfruchtbare Land voller Schlaglöcher führt vorbei an verrosteten Industrieanlagen und Tankstellen, an denen schon seit Jahren kein Auto mehr hält. Wer übers Land fährt, kauft den Sprit am Straßenrand bei Spekulanten aus Kanistern.

Georgien hatte Anfang der 90er Jahre einen schlechten Start in die Unabhängigkeit: einen Bürgerkrieg und zwei blutige ethnische Konflikte, die mit der Abspaltung der Regionen Abchasien und Süd-Ossetien endeten. Die Wirtschaft hat sich bis heute nicht erholt. Am Ortseingang von Gori muss sich jedes Auto durch eine Straßensperre quetschen, durch riesige Betonquader. Daneben wärmen sich Polizisten am Feuer. Fast jede Nacht werden hier Autos gestohlen.

Gori ist eine Stadt mit 60000 Einwohnern. Stalins Geburtshaus und ein riesiger Museumspalast inmitten eines Parks, eingerahmt vom Stalin-Prospekt, sind die Attraktionen des Ortes. Auf dem zentralen Platz steht ein 16 Meter hohes Stalin-Denkmal. Und es gibt wohl nur wenige in Gori, die das anstößig finden. Die Verkäuferin, die sich im Kaufhaus gleich nebenan an einem Heizofen wärmt, wünscht sich die alten Zeiten herbei. „Von vier Fabriken hier arbeitet nur noch eine. Was wir brauchen, ist ein neuer Stalin. Der würde aufräumen.“

1937 ließen die Stadtväter die Umgebung des Geburtshauses abreißen und stülpten über die Bauernkate eine Art griechischen Tempel, getragen von 20 Marmorsäulen. 1957, vier Jahre nach Stalins Tod und ein Jahr nach Chruschtschows berühmter Abrechnung mit dem Stalinismus, wurde direkt daneben das Stalin-Museum eröffnet, ein zweistöckiger Marmorbau. Die Eingangshalle ist leer. Zwei Wachmänner kauen Sonnenblumenkerne, kein Mantel hängt an der Garderobe. Seit 15 Jahren wird hier nicht mehr geheizt. Es hat nur wenige Grad über Null. Olga Toptschischwili, 48, die „leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin“ hier, führt im neonblauen Anorak durch die Ausstellung. Seit 20 Jahren tut sie das. „Früher kamen viel mehr Besucher, busseweise, sicher eine halbe Million pro Jahr“, sagt sie. Heute seien es noch 20000. „Aber jetzt ist es zu kalt, die Saison beginnt erst im April.“

Das Museum zeigt Fotos, Dokumente und Kleidungsstücke. Alles liegt im Halbdunkel, einzig die bronzene Totenmaske des Diktators wird in einem abgedunkelten Andachtsraum mit rotem Teppich und Marmorsäulen von einem Scheinwerfer angestrahlt. Als Toptschischwili den Raum betritt, fällt wieder der Strom aus. Für einen Moment sieht man die Hand vor Augen nicht mehr. Mit Stalins Totenmaske allein im Dunkeln.

Schulzeit, Priesterseminar, Revolutionär im Untergrund, Verbannter, Bolschewik und schließlich fast 30 Jahre lang Führer der Sowjetunion, Olga Toptschischwili kennt auch die letzten Details der Lebensstationen Stalins. So hatte sich zum Beispiel der neunjährige Jossif noch vor der Einschulung selbst lesen und schreiben beigebracht. Und sein ganzes Leben lang habe Stalin bescheiden gelebt. „Er trug stets nur einen Orden, obwohl er zwölf verliehen bekommen hatte.“

Es ist nicht allein die Kälte, die den Besucher im Museum frösteln lässt. Lenin kommt nicht vor. Kein Wort, kein Bild zu Trotzki oder Bucharin und all den anderen, die Stalin erst aus der Macht drängte und dann umbringen ließ. Über die Lager und die Deportationen ganzer Völker erfährt der Besucher nichts.

Aleko Nursmanaschwili, 49 Jahre alt, Weinhändler und KP-Chef von Gori, ist überzeugt, dass früher oder später auch der Westen zur richtigen Beurteilung Stalins kommen werde. „Er hat der Welt gezeigt, wie man einen mächtigen Staat baut und ihn zusammenschweißt“, sagt er. Stalin habe im Grunde den Prototypen für die Europäische Union geschaffen. Am Todestag, am 5.März, werde „die ganze Stadt auf den Beinen sein“.

Natürlich werde es wie in jedem Jahr eine Kranzniederlegung am Stalin-Denkmal und ein offizielles Grußwort geben, sagt Sasa Mebaduri, der stellvertretende Bezirkschef der Region Gori. Er hat einen besonderen Zugang zu dem Sowjetführer gefunden, der in seiner Jugend im Priesterseminar Gedichte schrieb: „In der Literatur über Stalin und in seiner eigenen Poesie entdecke ich seine Persönlichkeit immer wieder aufs Neue.“

Für Dschugaschwili, den Enkel, war Stalin stets nur der „geniale Staatenlenker“, nicht der Dichter und nicht der Großvater. Daheim in Tiflis sitzt er unterm Seidenporträt und sagt: „Erst Stalin hat das ganze Land zu einer Industrienation aufgebaut.“ Des Großvaters eigentliche Leistung bestehe jedoch darin, „dass er seit 1918 dafür gekämpft hat, mit den Henkern und Verrätern der Revolution aufzuräumen“. Und der Gulag, die Massenerschießungen, der Terror von 1937 bis 1938? „Je unverschämter die Lügen, desto eher glauben die Menschen diesen Unsinn“, sagt Dschugaschwili. Gedankenverloren greift er sich einen der roten Wurfpfeile seiner Enkel, die vor ihm auf dem Tisch liegen. „Wer hat denn den Ukas über die Konzentrationslager 1918 unterschrieben? Trotzki natürlich.“

Nun setzt Dschugaschwili zum großen historischen Irrflug an: „Nur wegen Trotzki waren die Lager bis 1937 voller Patrioten. Die Lagerkommandeure waren doch alles Juden. Erst Stalin hat damit Schluss gemacht und die Trotzkisten ins Lager gesteckt. 1937 begann nicht der Terror, sondern die längst fällige Vergeltung.“

So muss man ihn sich also vorstellen, den Prototypen des Alt-Stalinisten: nationalistisch und zutiefst antisemitisch. Jewgenij Dschugaschwili verkörpert geradezu die Überzeugung, wonach unter Stalin die Welt noch in Ordnung war: „Nach seinem Tod begann der große Betrug, Chruschtschow, dieser Verbrecher.“ Wie sie nicht alle heißen, die „Feinde des Volkes“, Dschugaschwili zählt sie auf: „Gorbatschow natürlich“, Jelzin mit „dem von ihm gelegten Ei Putin“. Und erst Schewardnadse. Der habe Georgien völlig zerstört. „Zu Stalins Zeiten hätte man solche Verbrecher erschossen.“ Heute würde der Enkel, wenn er könnte, als Erstes die neuen Ölbarone und Oligarchen an die Wand stellen lassen.

Er ist hinausgegangen auf den Balkon, dort steht er, eine Zigarette rauchend, und schaut die fünf Stockwerke herunter auf den hupenden Verkehr. „Fast wie auf dem Leninmausoleum, wo früher die Paraden abgenommen wurden“, scherzt er. Ob er am 5.März nach Gori fahren wird? „Möglich“, sagt er, er wisse es noch nicht. Vielleicht wird er auch einfach in einem Restaurant in Tiflis eine Flasche Wodka aufmachen, trinken und dann nach Hause fahren. „Ich habe schließlich den Vorteil, dass kein Verkehrspolizist es wagen würde, mich am Steuer zu behelligen.“

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