Zeitung Heute : Großzügig sein

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Ich muss so 16 gewesen sein. Jedenfalls war mir furchtbar langweilig. Also fragte ich meine Mutter, ob das denn okay sei, wenn ich jetzt für den Rest des Abends verschwinden würde. Sie hat es erlaubt und so verbrachte ich den Heiligabend bei einem Kumpel, spielte mit ihm und seinem Vater vor deren Weihnachtsbaum Skat. Ich glaube, das war das deprimierendste Weihnachstfest, das ich je erlebt habe.

Heute geht es mir wie dem Bundespräsidenten: „Ich freue mich auf Weihnachten“, hat der neulich gesagt, am Ende seiner Afrikareise. Gut, dass er rechtzeitig wieder zurück ist, in Afrika gibt es keine Tanne – nirgends. Meine Kinder freuen sich übrigens auch auf Weihnachten. Die Kleine saß sogar schon im Oktober über ihrem Wunschzettel. Seit Anfang November hing er dann an ihrer Zimmertür.

Ihr Eifer hat mich ein wenig misstrauisch gestimmt. Ich meine, geht es denn nur noch um das Eine? Und überhaupt, kommt gar nicht in Frage, dass sie alles kriegt, was da drauf steht. „Ist doch nur ein Vorschlag“, hat sie gesagt. Außerdem sei der Brief ja an den Weihnachtsmann gerichtet. Klang fast so, als ob sie mir sagen wollte, das geht mich gar nichts an.

Ausgerechnet der Weihnachtsmann, den sieht man doch an jeder Ecke. Auf dem Teltower Damm in Zehlendorf kam mir neulich sogar einer entgegen, hielt mir einen Pappkarton unter die Nase und fragte, ob ich mal einen Euro hätte. Was heißt hier Weihnachtsmann, weiß meine Tochter überhaupt, wem sie all diese Gaben zu verdanken hat, die da unter dem Baum liegen werden?

Und dann habe ich mein Mädchen dabei beobachtet, wie sie schrieb, drei Tage lang. Was wird denn das, habe ich gefragt, noch mehr Wunschzettel? „Nein“, hat sie geantwortet, „das ist meine Weihnachtspost.“ Sie haben nämlich einen Briefkasten in der Klasse, falls sich die Schüler untereinander etwas mitzuteilen haben. Sie hat an alle geschrieben, 28 Briefe. „An Weihnachten“, hat sie gesagt, „sollen sich alle Menschen freuen“, da dürfe niemand leer ausgehen. Ach, die Kleine, sie ist so gut.

Am 24. 12. findet um 22 Uhr in der Johanneskirche in der Lichterfelde Ringstraße Ecke Pfleidererstraße das traditionelle Turmblasen statt. Wenn einem auf dem Platz davor nicht besinnlich wird – dann kann es nur am Wetter liegen.

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