Zeitung Heute : Großzügige Angebote an kleinen Orten

Umzugspaket, Auto, Firmenwohnung - was Unternehmen fern der Großstadt für ihre Mitarbeiter tun

Stefan Jacobs

Büdelsdorf hat neuerdings Stadtrecht. 24782 Büdelsdorf bei Rendsburg, wo es 50 Kilometer bis zum Wattenmeer und 30 Kilometer bis Kiel sind. Die Gegend dazwischen ist so platt, dass man schon morgens sieht, wer mittags vorbeikommt.

Mobilcom hat Büdelsdorf zur Stadt gemacht. Gut 10000 Einwohner hat der Ort, 1000 arbeiten bei dem Mobilfunkunternehmen. Die Kunst ist, die Mitarbeiter anzulocken – trotz der hohen Arbeitslosigkeit oft eine Herausforderung, für die sich große Unternehmen in kleinen Orten einiges einfallen lassen.

„Unser Einzugsgebiet reicht praktisch über ganz Schleswig-Holstein“, sagt Mobilcom-Sprecherin Kirsten Schaper. Wer nicht nach Büdelsdorf ziehen will, kann mit dem Dienstwagen pendeln: Die Firma bietet ihren Mitarbeitern VW Polo, Golf und Touran zu günstigen Leasingkonditionen an, übernimmt den Sprit für 25 000 Kilometer pro Jahr und kümmert sich um den Service: Ob ein Ölwechsel ansteht oder morgens ein Bremslicht durchgebrannt ist – im Laufe des Arbeitstages wird die Sache erledigt.

Weil auch die glücklichsten Pendler dem Unternehmen nur nützen, wenn sie arbeiten, hat Mobilcom eine Anwesenheitsprämie eingeführt: Wer an allen Arbeitstagen des Monats da war, bekommt 3,5 Prozent mehr Geld. Zusätzlich wird den Mitarbeitern Betriebssport vom Kart fahren über Bowling bis Schach angeboten. Und wer während der Arbeitszeit fit werden will, kann sich für einen dreitägigen „Power for the Job“-Kurs anmelden.

Sörge Drosten, Europa-Chef der Personalberatung Kienbaum, kennt die Herausforderung, Spitzenkräfte in kleine Orte zu locken. „Gerade internationale Leute bevorzugen Städte wie Hamburg oder München.“ Je abgelegener der Arbeitsort, desto besser müsse das Angebot sein. „Dienstwagen sind ab einer gewissen Ebene ohnehin Standard.“ Also seien Umzugspakete, eine Firmenwohnung fürs erste halbe Jahr und Sprachkurse für den Partner gefragt. Kandidaten aus entfernteren Staaten würden zusätzlich interkulturelle Trainings angeboten. Dennoch: Wenn ein Unternehmen fern der Großstadt residiere und der Partner des Kandidaten nicht mit in der Firma untergebracht werden könne, „dann müssen wir unsere Kunden darauf hinweisen, dass es sehr, sehr schwierig werden kann, da jemanden zu finden.“

Adidas-Salomon in Herzogenaurach hat das volle Programm im Angebot, um die Leute zu ködern: 20 Kilometer von Nürnberg entfernt arbeiten gut 2000 Menschen für den Sportartikel-Konzern. Mehr als 300 davon sind Ausländer, Firmensprache ist Englisch. Der Standort ähnelt einem Campus, auf dem es nicht nur Tennis- und Beachvolleyballplätze gibt, sondern auch einen Kollegen, „der sich um das sportliche Wohlergehen der Mitarbeiter kümmert“, wie Konzernsprecherin Anne Pütz sagt. Auch der Skiurlaub kann gleich beim Arbeitgeber gebucht werden. Für Partnerinnen zugezogener Angestellter gibt es eine Frauengruppe, für ihre Kinder die „Franconian International School“, die von Adidas mitgegründet wurde und englischen Unterricht bis zum internationalen Abitur anbietet. Umzugsservice und Hilfe bei Behördengängen sind ohnehin selbstverständlich.

Weltkonzernen wie der Telekom in Bonn oder VW in Wolfsburg hilft schon ihr renommierter Name über das Provinz-Problem hinweg. Auch Jenoptik in Jena kennt dank einer Uni im Ort keine Nachwuchssorgen. Etwas weniger populäre Firmen wie der Medizintechnik-Hersteller B.Braun in Melsungen bei Kassel oder der Landmaschinenproduzent Claas in Harsewinkel bei Bielefeld machen Bewerber dagegen gezielt auf die intakte Natur und die sympathischen Immobilienpreise in ihrer Umgebung aufmerksam. So wenig die beiden Unternehmen gemein haben – in einem Punkt ähneln sie sich: Sie müssen es schaffen, Job-Aspiranten anzulocken. Wer erst einmal da gewesen sei, rede nicht mehr von Standortnachteil, heißt es hier wie da.

Auch SAP legt sich ins Zeug, um Bewerbern Walldorf schmackhaft zu machen. Neben fürstlicher Bezahlung bietet der Software-Hersteller Baudarlehen, großzügige Dienstwagen-Regelungen und einen Kita-Service. Wie viele Menschen man damit in das Städtchen zwischen Rhein und Neckar lockt, sei statistisch nicht erfasst, sagt SAP-Sprecher Axel Kersten. „Aber vielleicht verkaufen wir diese Pakete ein bisschen offensiver, als wir das an anderen Standorten machen müssten.“ Wer dann noch über die Entbehrungen der Provinz klage, sei vielleicht auch nicht der ideale Kandidat: Schließlich solle es Bewerbern in erster Linie um die Arbeit gehen – und nicht um den kürzesten Weg ins Theater.

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