Zeitung Heute : Grüne Woche testen

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Ute hat vorgeschlagen, ich soll doch mal bei der „Grünen Woche“ vorbeischauen: „Heute ist Tag der Kartoffel!“ Das hat mich überzeugt. Ich bin nämlich ein Freund der Kartoffel. Und zumindest früher war ich auch ein großer Freund der Grünen. Frau Künast und ihre Jungs habe ich allerdings nicht getroffen. Leider wussten die Aussteller auf der Grünen Woche auch gar nichts von einem „Tag der Kartoffel“!

Gut, Ute arbeitet bei Inforadio, und da gehört man sozusagen zur Info-Elite. Immerhin habe ich schließlich an einem Stand Kartoffel-Salbe entdeckt. Das war bei den Österreichern. Eine fröhliche Holländerin – „Isch wohne awa in Kärnten!“ – schmierte mir die Hände ein und lobte die Salbe in den höchsten Tönen. Ist das so etwas wie Nivea, wollte ich wissen. „Geh, fü bessa, Nivea isch doch nua Wascha.“ (Besser, Nivea besteht doch nur aus Wasser.)

Die Ösis haben dieses Jahr auch Murmeltieröl gegen Gliederschmerzen im Angebot. Zur Herstellung dieses Heilmittels kocht man Murmeltiere so lange, bis ihr Körperfett flüssig wird, wenn ich das Rezept richtig verstanden habe. Dieses interessante Öl aus den Bergen hätte ich mir fast gekauft, gegen die Gliederschmerzen vom Squash-Spielen. Doch die zahlreichen Greise am Stand haben mich abgeschreckt.

Eine wundersame Welt! Ich dachte immer, die Grüne Woche ist so mit Öko-Mode, biologisch-dynamischen Kohlrüben und glücklichen Hühnern. Aber viele Besucher futtern Currywurst oder Pommes mit Mayo und saufen Bier. Immerhin tragen die Mädels mit den Info-Broschüren knallgrüne Perücken. Und die Aussteller aus meiner alten Heimat haben sich etwas Originelles zum Thema Ökologie einfallen lassen: Plastik statt Jute! Reizende rote Plastiksäckli mit einem Schweizerkreuz drauf.

Nicht nur umweltpolitisch geht hier einiges: Jedes Jahr bringen meine Schweizer Freunde den Besuchern fünf neue Worte Eidgenössisch bei, erzählen sie. „Chueh“ (Kuh) lautet die zweite Lektion und man kann für lediglich drei Euro ein T-Shirt mit dieser Aufschrift erwerben. (Einziger Wehrmutstropfen: „Chueh“ ist Berndeutsch und wir Basler sagen – weitaus wohlklingender – „Kueh“.) Trotzdem, ein Besuch der Grünen Woche lohnt sich absolut – sogar ohne Tag der Kartoffel: diese Vielfalt! Selbst im multikulturellen Kreuzberg habe ich bisher noch nie ein Chueh-T-Shirt gesehen.

Eine Frechheit allerdings, dass die Ösis zehnmal mehr Platz bekommen haben als meine Schweizerlein. Dabei ist das Angebot recht ähnlich. Etwa: „Ferien auf dem Bauernhof“ (CH) und: „Urlaub am Bauernhof“ (Ösiland). Wahrscheinlich haben die Österreicher wieder mal ihren Charme spielen lassen.

Kurz vor Feierabend lädt mich prompt eine rothaarige Ösi-Schönheit zum „Wein-Verkosten“ ein und säuselt: „Vielleicht wird ja mehr draus?“ Tja, da wurde ich natürlich etwas verlegen. Die Dame spekulierte darauf, dass ich ganz viel Wein kaufe, habe ich später raus gekriegt. Um die Grüne Woche wirklich zu verstehen, muss man wohl öfter hin gehen.

Die Grüne Woche läuft noch bis Sonntag, 25. Januar täglich 9-18 Uhr (Freitag bis 21 Uhr), Messedamm 22, 14055 Berlin, www.gruenewoche.de .

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