Zeitung Heute : Grüner wird’s nicht
Da hinten heult es. Da vorne auch. Nebenan rumpeln Bobby-Cars übers Pflaster. Zwei. Fünf. Zehn. Ein nacktes Kleinkind brüllt sich den Gehsteig entlang. Frauen in hängenden Gewändern gehen vorbei. Nicht alle sind schwanger. Vor dem Eiscafé sitzen zwei Japaner auf einer Bank, ein junger Deutscher hält ihnen einen Vortrag. Die Japaner nicken und lächeln und schreiben etwas in dicke Hefte. „Son-nen-kol-lek-to-ren“, skandiert der Deutsche, die Japaner schreiben. Um die Ecke ist das Oma-Kind-Kontaktbüro.
Ein paar Stunden später, die Sonne ist untergegangen, liegt eine Ruhe über dem Ort, sie könnte heiliger nicht sein. Kein Autolärm stört, die Bobby-Cars sind schlafen gegangen, ihre Besitzer auch, die Sterne stehen ganz leise am Himmel.
der Bach, nun ja, murmelt, und drüben am Schönberg blinkt vom Sendemast ein rotes Licht in die Stille.
Wer hier lebt, lebt anders als andere. Ein Stadtviertel wie dieses gibt es kein zweites Mal in Deutschland. Es ist das wunderlichste, verrückteste, peinlichste, interessanteste – und auf eine gewisse Weise auch eines der liebenswertesten. „Vauban“ heißt dieser Stadtteil, was für deutsche Ohren fremd klingt, denn der Name stammt von einem französischen Festungsbaumeister ferner Tage. Und Frankreich ist hier ja ganz in der Nähe. Das Vauban ist der neueste Stadtteil von Freiburg. 5800 Menschen sollen hier einmal leben, zurzeit sind es 3800.
Fast 88 Prozent von ihnen haben bei der Bundestagswahl 2002 für Rot-Grün gestimmt. Wobei die SPD mit 18,6 hier entschieden der Juniorpartner ist. Die Grünen kamen in diesem Wahlbezirk auf unglaubliche 69 Prozent. Platz drei belegte verblüffenderweise die damals noch gänzlich WASG-lose PDS mit 7,7 Prozent. Die CDU scheiterte mit 3,7 grandios an der Fünf-Prozent-Hürde, nur 41 Bewohner wählten sie, und die FDP schaffte knapp ein Prozent. Die grünen 69 Prozent sind deutscher Rekord, nirgendwo anders wurde dieses Ergebnis auch nur annähernd erreicht. Bei der Oberbürgermeisterwahl 2002 übrigens wählten gar 93 Prozent den grünen Kandidaten Dieter Salomon. Wo also sollte man das grüne Herz besser finden und lauter schlagen hören als hier auf Vauban, in den Gestalt gewordenen grünen Träumen?
„Ja“, sagt Andre Heuss, „da ist ein Traum Wirklichkeit geworden.“ Den träumte er Anfang der 90er Jahre, als der gelernte Bankkaufmann und Student der Stadtgeografie in der Bibliothek saß und fand, dass ihm „das Studium ein bisschen langweilig“ wurde. Und ausgerechnet in den Zeiten der Langeweile war im Süden der Stadt ein riesiges Areal frei geworden. 38 Hektar, das Kasernengelände der französischen Soldaten, die hier stationiert waren, jahrzehntelang, und nun aus Freiburg abgezogen waren. Mit diesem Gelände, dachte Andre Heuss, müsste doch etwas zu machen sein. Keine Hochhaussiedlung, keine Reihenhäuser von der Stange, nein, etwas ganz anderes, etwas, das keiner anderen Stadt so genau aufs Auge passte wie Freiburg: ein Öko-Stadtviertel, alles so bio wie noch nie. Mit Straßen, auf denen (beinahe) keine Autos fahren dürfen; mit Häusern, die kaum Energie verbrauchen; mit Kinderspielplätzen statt Parkplätzen; mit einem Gemeinschaftsgefühl ohnegleichen, mit Nachbarschaftshilfe und mit ganz viel Demokratie bei allen Entscheidungen; mit Menschen, die sich in Baugruppen zusammenschließen, gemeinsam planen, gemeinsam Architekten beauftragen, gemeinsam Baumaterial einkaufen, Baulöwen müssen draußen bleiben. Was für eine Vision.
Sie war so mächtig, dass Andre Heuss sein Studium hinschmiss und von nun an seine Utopie lebte. Er fand Gleichgesinnte, und im Freiburger Gemeinderat fand er eine rot-grüne Mehrheit. So entstand nach tausend Kämpfen jenes Viertel, in das auch heute noch Busse zur Besichtigungstour kommen, Neugier trifft ein aus den USA und aus Fernost, ein Modellstadtteil, den alle sehen wollen, und die Vereinten Nationen verliehen ihm schon in der Planungsphase einen Preis.
Eine Insel. Deshalb sagen ihre Bewohner auch nicht, sie lebten in Vauban, sondern auf Vauban. Eine tiefstgrüne Insel im ohnehin sattgrünen Freiburg. Die Häuser dreistöckig, vierstöckig, mit Pultdächern für die Sonnenkollektoren, eine anarchische architektonische Ideenwelt, die auf Individualismus pocht, aber in der Summe viel Konsensgeschmack herzeigt: Holz ist wunderbar, und noch schöner ist bunt gestrichenes Holz. Rot, blau gelb. Manchmal sieht es aus wie in Bullerbü. War das der Traum, Andre Heuss?
Der sitzt in seiner Maisonette-Wohnung auf Vauban, und der Visionär ist mit seinen 38 Jahren jetzt ganz Realist. Der Traum hat nämlich einen kleinen Fehler. „Die Zusammensetzung ist sehr einseitig“, sagt Heuss. Keine gesunde Stadtstruktur habe man hingekriegt, die Altersmischung stimme so wenig wie die soziale Mischung. Wohl wahr: Zwischen 30 und 40 Jahre sind die meisten Leute hier, sie haben Kinder und ein bisschen Geld. An die 75 Prozent sind hier privates Eigentum, und 55 Prozent verzichten aufs eigene Auto. „Großwohngemeinschaft für gebildete Besserverdiener“, spottete die örtliche „Badische Zeitung“, und sie hat Recht: Arme, Alte, Ausländer ziehen kaum auf Vauban. Gleich und Gleich gesellt sich nirgendwo so gern wie hier, jeder kennt jeden, und jeder kennt auch ein bisschen die Gedanken des anderen: Sie sind ja so ähnlich wie die eigenen. Ein selbst gewähltes Ghetto.
Einspruch, sagt Ulrike Schnellbach. Sie ist Journalistin, Ehefrau des Vauban-Erfinders und hat zwei Kinder. Deshalb sieht sie die Vauban’sche Monokultur mit ganz anderen Augen. Weil alle so gleich sind, brauchen auch alle das Gleiche, das ist praktisch. „Du musst dich nicht schämen, wenn dein Kind brüllt.“ Das Kind von nebenan brüllt ja auch. „Und du musst dir nicht vorstellen, dass dein Kind von Nachbarn mit Schokolade voll gestopft wird, vor dem Fernseher sitzt oder Gameboy spielt.“ Stimmt gewiss, in der Nähe ihrer Wohnung hängt ein Zettel am Gartentor, der verheißt, dass Kinder hier ganz ohne Waffen spielen.
Die Kinder. Sie sind die Herren über Vauban. Große Spielplätze, kleine Spielplätze, sie sind nicht zu zählen. Und weil es so viele sind, wohnt jedermann so gut wie neben einem Spielplatz. Die Lärmbelastung ist enorm, und manchmal muss gar das auf der Hauptstraße residierende Büro der „Konstruktiven Konfliktberatung“ erboste Gemüter beruhigen. Manche Verzweifelte, berichtet die „Badische Zeitung“, hätten „ob des Dauerdröhnens der Bobby-Car-Invasion allen Ernstes über eine Flüsterreifen-Initiative“ nachgedacht. Ohnehin geht es bei aller Harmonie ganz ohne Konflikte nicht ab. Denn der Vauban-Mensch verfügt über ein erstaunliches Maß an Selbstbewusstsein. Das musste auch der grüne OB Salomon erfahren, der übrigens nicht auf Vauban wohnt: „Für die Stadt war diese selbstbewusst-fordernde Form der Interessenvertretung eine neue und ungewohnte Form der Partizipation, die nicht immer konfliktfrei abläuft.“ Wer aus dieser Verschnörkelung einen Seufzer heraushört, hat sich wahrscheinlich nicht getäuscht.
Größer als das Seufzen ist das Staunen. Vauban ist eine Wunderwelt. Im „Bauprojekt Buntspecht“ etwa hat eine Doris Müller, Heilpraktikerin, eine Glasvitrine in ihren Vorgarten gestellt, in dem sie dem Spaziergänger Bücher („Ekstatische Trance“), Kräuter und Heilsteine empfiehlt. Gar nicht weit davon entfernt findet sich der „Venusraum, eine Wohlfühloase für Frauen“. Diese kommen hier jeden dritten Freitag im Monat zur „Kuschelgruppe“ zusammen. Jeden dritten Mittwoch hingegen hat das „Männercafé“ geöffnet. Auf einer Wiese steht ein steinerner Backofen. Hier können Familien ihr eigenes Bio-Brot backen, Benny, der Bäcker, hilft gerne dabei. An den Laternenmasten preisen unzählige Zettel rasche Heilung von allen Sorgen mit Hilfe der magischen Kräfte des Mondes, der Sterne, des Tanzes und der Pflanzen an. Schamanen wollen jedem Mühseligen und Beladenen helfen, und irgendwo an einer Bürotür hängt der entwaffnende Spruch: „Der Cashflow steht in direktem Zusammenhang mit deinem Magnetismus.“
Wo so viel Hilfe ist, muss wohl auch viel Not sein. Vielleicht hat das mit der Besessenheit mancher Bewohner zu tun, mit der sie ihre Vision vom besseren Leben zur Selbstgewissheit des besseren Menschen machen. Denn der Vauban-Bewohner ist gerne ein Retter: des ökologischen Gleichgewichts; der Natur; der Welt. Das ist natürlich nicht einfach. Wer grün sein will, muss leiden.
Zum Beispiel an jenen, die es mit den Geboten der Ökologie nicht so genau nehmen und mit ihren Autos einfach ins Viertel fahren statt es am Rand im Parkhaus abzustellen. Da wird so ein Schandauto schon mal des Nachts mit Farbe besprüht, erzählt ein Anwohner. Und der weiß gleich noch eine Geschichte, damit man sieht, wie tüchtig hier auf das Wohl der Bewohner geachtet und herkömmliche Verhaltensweisen von Grund auf umgestürzt werden. Neulich habe er, sagt der Anwohner, einen abendlichen Spaziergang durchs Viertel unternommen und einen Mann in seinem Vorgarten stehen sehen, der dort vergnügt eine Zigarette rauchte. Da sei eine andere Person herbeigekommen, die dies stark missbilligte und in barschem Ton verfügte: „Gehen Sie zum Rauchen gefälligst ins Haus!“
Weitere Aussichten: Auch bei der Wahl im September wird es hier klare Verhältnisse geben. Die Grünen werden triumphieren. Und der zweite Sieger wird die Linkspartei sein.
Die Wahldaten wurden ermittelt vom Institut für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung, Kaufbeuren.





