Zeitung Heute : Grüner wohnen: Tango am Stadtrand

Harald Olkus

Normalerweise suchen sich Projektentwickler leerstehende Fabriken in der Innenstadt, um sie zu Büros oder exklusiven Wohnungen umzubauen. Die Bauten stammen idealerweise aus der Gründerzeit, haben eine Backsteinfassade und stehen möglichst in Mitte oder Prenzlauer Berg, auch Kreuzberg und Charlottenburg sind als Adresse noch "hip" genug. Nicht so die Rentaco AG. Ihre Lofts liegen in einer ehemaligen Kaserne der Amerikaner in Lichterfelde. Lichterfelde? Wer von der üblicherweise angesprochenen Zielgruppe der "jungen Kreativen" zieht schon in die Goerzallee, fragt man sich. Dort gibt es weder Clubs noch Bars, keine Theater oder Kinos. Dafür ein Gewerbegebiet und Einfamilienhäuser.

Im Gegensatz zu manch anderen Bauten, die unter dem Etikett "Lofthouse" vermarktet werden, handelt es sich bei den ehemaligen McNair Barracks aber tatsächlich um ein Fabrikgebäude. Von 1937 bis 1940 wurde der Komplex von Siemens-Hausarchitekt Hans Hertlein als Produktionsstätte für die Telefunkenwerke erbaut. Nach 1945 diente der hellgelb verputzte Stahlbeton-Skelettbau als Kaserne für die US-Streitkräfte. Nach dem Abzug der Amerikaner 1994 hatte die Oberfinanzdirektion lange nach einem Käufer für den weitläufigen Komplex gesucht und Anfang diesen Jahres mit der Rentaco AG gefunden. Der Projektentwickler will das denkmalgeschützte Gebäudeensemble mit einer Bruttogeschossfläche von rund 100 000 Quadratmetern jetzt in Wohn- und Bürolofts umbauen.

"Als ich die fast vier Meter hohen, weitgehend stützenfreien Räume sah, wusste ich, damit lässt sich etwas machen", sagt Rentaco-Vorstand Günter Hartwig. Der riesige Komplex mit drei- und viergeschossigen Gebäuden und dem hohen Uhrenturm ist winklig angelegt und umschließt mehrere begrünte Innenhöfe.

Die Kaserne war jahrzehntelang für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Und auch künftig soll eine Schranke die Zufahrt regeln. Hartwig schwebt eine abgeschlossene "Stadt in der Stadt" vor, die dem Bewohner alles bieten soll, was er braucht. Gleich neben dem Haupteingang an der Goerzallee liegt das ehemalige "Fitness Center" der US-Armee. Die Turnhalle soll durch ein Schwimmbad ergänzt und zu einem Wellness Center ausgebaut werden.

Auch die Nutzung der langgestreckten Gebäude rechts vom Eingang an der Goerzallee steht bereits fest: die ehemalige Zahnklinik der US-Armee wird zu Bürolofts umgebaut. Dazu sollen die abgehängten Decken wieder auf ihre ursprüngliche Höhe von 3 Metern 80 gebracht und die von den Amerikanern verkleinerten Fenster durch große Holzfenster ersetzt werden. In knapp die Hälfte der entstehenden Büros will die Rentaco selbst einziehen. Der Rest ist bereits an eine Fondsgesellschaft verkauft und soll vermietet werden.

Auch das Nachbargebäude will die Rentaco zu Bürolofts ausbauen. Auf Grund der niedrigen Preise - die Büros sollen ab 10 Mark pro Quadratmeter kosten - gebe es bereits eine Reihe von Anfragen, sagt Juliane Müller-Mathies von Rentaco. Neben größeren Flächen zwischen 230 und 3200 Quadratmetern werde es auch kleinteilige Büros von 50 bis 200 Quadratmetern geben. Allerdings kann man auch ganze Gebäude mit bis zu 22 000 Quadratmetern anmieten. Die Rentaco will in der ehemaligen Kaserne auch ein Gründerzentrum etablieren. Konkretes stehe aber noch nicht fest.

Auf der anderen Seite der großen Mittelachse und verbunden durch mehrstöckige geschlossene Übergänge liegt ein großes, U-förmiges Gebäude, in dem insgesamt 80 Loftwohnungen ausgebaut werden sollen. Die Lofts werden in Größen von 50 bis 400 Quadratmetern und in unterschiedlichen Ausbaustandards angeboten. Die Basisversion mit Estrichfußboden, Strom- und Wasseranschlüssen und Balkon kostet ab 2500 Mark pro Quadratmeter. Die komplett ausgebauten Lofts sollen ab 3700 Mark pro Quadratmeter kosten. "Die Nachfrage ist gut", sagt Rentaco-Vorstand Günter Hartwig. Drei Wochen nach Vermarktungsbeginn seien bereits sechs der bisher 16 angebotenen Lofts verkauft.

Für die neuen Bewohner soll es auch Einkaufsmöglichkeiten geben. Auf dem großen, von Architekt Hertlein als "Ehrenhof" angelegten Innenhof will die Bavaria Objekt- und Baubetreuung GmbH einen Supermarkt bauen. Die Bavaria errichtet derzeit nebenan auf den ehemaligen Sportplätzen der Kaserne das "Quartier McNair": eine Reihenhaussiedlung mit 520 Wohneinheiten.

In den hinteren Teilen der ehemaligen McNair Barracks könnte man fast meinen, die amerikanischen Soldaten seien erst gestern abgezogen. In einem kleinen Flachbau hat sich der Initiativkreis Berlin Stiftung e.V. ein kleines Museum gebaut. Mit Fahnen, Uniformen und viel Atmosphäre wollen die ehemaligen zivilen Angestellten der Alliierten an die Zeit ihrer Beschäftigung bei den Schutzmächten erinnern. In einem der Fabrikgebäude plant die Rentaco ein Hotel. Das ehemalige Casino der McNair Barracks lasse sich schließlich als Veranstaltungsort nutzen. Während der Theatersaal sich gut für ein Restaurant eignen würde, könnte man in der Bar mit ihrer großen Tanzfläche Tangoabende organisieren. Dann müssten die Bewohner auch nicht mehr in die Innenstadt fahren, meint Juliane Müller-Mathies.

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