Zeitung Heute : Grüße vom Mars

Der Tagesspiegel

Von Eckart Granitza

Seit Jahrmillionen schweben Meteoriten durch den Weltraum. Könnte es sein, dass wir unser Leben einem solchen Gesteinsbrocken verdanken? Genau das vermuten manche Forscher. Sie glauben, das Leben wurde von einem Marsmeteorit auf die Erde gebracht.

Kommt ein Meteorit in das Gravitationsfeld eines Planeten, verglüht er in seiner Atmosphäre oder schlägt auf dem Boden ein. Auf der Erde sind Tausende von Meteoritenfunden bekannt. Nur 21 sind eindeutig als Marsmeteoriten identifiziert. War einer von ihnen der Bote des Lebens?

Grundvoraussetzung dafür wäre, dass auf dem Mars jemals Wasser und damit möglicherweise Leben existiert hat. Die jüngsten Bilder der amerikanischen Raumsonde „Mars Odyssey" zeigen eindeutig: Auf dem Urmars war Wasser in flüssiger Form vorhanden. Täler und Canyons können nur durch die Erosion von großen Wassermassen entstanden sein. Da sie fast ausschließlich in den urzeitlich geformten, stark verkraterten Gebieten des Mars vorkommen, wird ihr Alter auf etwa 3,8 Milliarden Jahre geschätzt. Zur gleichen Zeit entwickelten sich auf der wasserreichen Urerde die ersten Mikroben. Astronomen glauben, dass diese Entwicklung gleichzeitig auch auf dem Urmars stattfinden konnte. Die Bedingungen waren ähnlich ideal.

Doch selbst wenn es Bakterien auf dem Mars gab: Wie hätten sie den langen Flug zur Erde überstehen können? Biologen vom Deutschen Forschungszentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln testen seit zehn Jahren das Verhalten von Bakteriensporen im Weltraum. Sporen sind Einkapselungen von Bakterien, die Tausende von Jahren ohne Wasser und Nährstoffe überleben können. Die Kölner „Exobiologen“ verpackten die Sporen in Behälter, die mit speziellen Filtern verschlossen wurden. So sind sie ähnlich wie in einem Meteorit vor der todbringenden UV- Strahlung geschützt. Dann wurden die Sporen in eine Simulationsanlage gesteckt. „In unserer Anlage herrschen genau die gleichen Bedingungen wie im echten Weltraum: Totales Vakuum und ungefilterte UV Strahlung“, sagt die Leiterin des Projekts Gerda Horneck.

Die Ergebnisse waren selbst für die Exobiologin verblüffend: „Der größte Anteil der vor UV- Licht geschützten Sporen überlebte unsere simulierten Reisen durch den Weltraum“, sagt Horneck. Der Erfolg stimulierte die Wissenschaftler derart, dass sie die Überlebensfähigkeit der Bakterien nicht nur in ihren Simulationskammern, sondern auch im echten Weltraum testeten. Auf den Forschungssatelliten Eureca und Foton wurden die Sporen diesmal auf eine wirkliche Reise ins All geschickt.

Die Anfang des Jahres im Wissenschaftsmagazin „New Scientist" publizierten Ergebnisse von Hornecks jüngstem Bakterienexperiment auf dem russischen Forschungssatelliten Foton erregten weltweites Aufsehen: Geschützt durch eine Materialmischung aus Gestein, die dem Marsboden entspricht, überlebten fast alle Sporen den monatelangen Flug durchs All – ungeschützt starben sie ab. „Damit scheint es möglich, dass Mikroorganismen einige Jahre, ohne Schaden zu nehmen, durch den Weltraum reisen können, zumindest wenn sie im Inneren eines Marsmeteoriten sitzen“, sagt die Exobiologin.

Das größte Problem für den Transfer von Leben vom Mars liegt darin, wie das Marsgestein samt Bakterien gegen die Anziehungskraft des roten Planeten hinaus in den Weltraum geschleudert sein könnte. Nur so haben die Bakterien überhaupt eine Chance, einmal auf anderen Planeten, wie etwa der Erde zu landen. Dieter Stöffler vom Naturkundemuseum Berlin ist sicher, dass dazu der Einschlag eines größeren Himmelskörpers auf die Marsoberfläche nötig ist. „So ein Meteorit hat die Kraft, das Marsmaterial in den Weltraum zu schleudern“, meint Stöffler.

Das wirft eine weitere Frage auf: Konnten die primitiven Organismen auch den extremen Druck und die hohen Temperaturen überleben, die bei einem solchen Einschlag auf sie einwirkten? Die Antwort des Mineralogen ist eindeutig: „Wir haben das überprüft, indem wir eine Bakterienkultur durch Explosivstoffe extrem hohem Druck von bis zu 320 000 Atmosphären ausgesetzt haben. Zehn Prozent der Bakterien haben diese Extrembedingungen überlebt.“ Der Lebenstransfer vom Mars zur Erde ist also zumindest theoretisch möglich.

Wie sieht es mit den 21 Marsmeteoriten selbst aus? Sichere Indizien für Lebensspuren wurden auf ihnen noch nicht ausgemacht. Ob der 1996 in der Antarktis gefundene, berühmteste Marsmeteorit ALH84001 mit seinen wurmartigen Mikrostrukturen wirklich fossile Lebensspuren aufweist, ist bei den Wissenschaftlern nach wie vor umstritten.

Um sich auf die Suche nach einem Beweis zu machen, wird die Europäische Weltraumbehörde Esa ihre erste eigene Marsmission starten. „Mars Express“ soll im Mai 2003 vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur abheben. Aus gutem Grund nennt die Esa ihr Landegerät „Beagle2“: Denn sollten Spuren von fossilem Leben auf dem Mars gefunden werden, könnte das für die Wissenschaft genauso revolutionär sein wie die Forschungsfahrt von Charles Darwin mit seinem Schiff „Beagle“ zu den Galapagosinseln.

Allerdings denken die Astronomen nicht an eine Suche auf der Oberfläche des Mars. Die dünne Atmosphäre und Nachttemperaturen um minus 70 Grad machen die Existenz von flüssigem Wasser unmöglich. Wasser kommt nach Meinung der Wissenschaftler auf dem Mars oberflächlich nur noch als Wasserdampf oder Eis an den Polkappen vor.

Die jüngsten Ergebnisse der Marssonde „Odyssey“ bestätigten diese Annahme. Die amerikanische Sonde konnte bereits wenige Tage nach Aufnahme ihres Messbetriebs Wassereis am Südpol des roten Planeten nachweisen. Doch selbst wenn es nur Eis auf dem Mars zu finden gibt, Bakterien könnten sich dort trotzdem tummeln: „Auf der Erde, besiedeln Mikroorganismen auch so extreme Lebensräume wie die Antarktis. Auf dem Mars könnte sich das Leben also durchaus in unterirdische Eisschichten verkrochen haben“, vermutet Gerda Horneck.

Im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln haben Astroingenieure für diese Suche ein spezielles Gerät entwickelt: Pluto. Der kleine Bohrer soll in den Marsboden eindringen, Proben nehmen und untersuchen. Der Entwickler des Geräts, der Luft- und Raumfahrt- Ingenieur Lutz Richter, glaubt, „dass der oberste Meter des Marsbodens stark oxidiert ist und dort derzeit aggressive Bedingungen herrschen“. Solche oxidative Verhältnisse würden Spuren von früherem Leben innerhalb weniger Jahre zerstören. Deswegen wollen die Wissenschaftler mit ihrem Bohrer bis zu anderthalb Meter tief in den Marsboden hineingraben. „Wir hoffen so zum ersten Mal bei einer Marsmission Material zu bekommen, in dem die Spuren von früheren Lebensprozessen noch erhalten sind“, sagt Richter.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar