Zeitung Heute : Grundkurs Bio

Köln, das ist Alfred Bioleks Stadt. Hier feierte er große Erfolge am Theater und im Fernsehen, hier moderierte er „Boulevard Bio“ und wurde zum erfolgreichsten TV-Koch. Ein Rundgang in sechs Stationen.

Esther Kogelboom

1. DER EIGELSTEIN

Alfred Biolek legt den Kopf schief und schaut durch seine runden Brillengläser an der Hausfront hinauf. „Einmal kam Shirley MacLaine zum Essen“, sagt er. „Doch der Aufzug war ausgerechnet an diesem Tag kaputt. Sie musste bis ins sechste Stockwerk laufen, wo ich lebte.“ Bioleks erste Kölner Wohnung liegt in der Lübecker Straße. Er erzählt von seinem braunen Teppichboden, der damals so schick war, und muss lachen. Inzwischen lebt er ein paar Straßen weiter im selben Viertel, aber ohne flächendeckenden braunen Fußbodenbelag.

Als Biolek 1973 ins Kölner Eigelstein-Viertel zog, ahnte er nicht, wie lange er bleiben würde. Er, der seine Berufslaufbahn als Assessor im Justiziariat des Zweiten Deutschen Fernsehens in Mainz begann, später „Die Drehscheibe“ redaktionell betreute und bei der Sendung „Tips für Autofahrer“ zum ersten Mal vor der Kamera stand, war über München nach Köln gekommen, um gemeinsam mit Rudi Carrell eine neue Sendung zu entwickeln.

Die Lübecker Straße ist eine schmale Straße, die auf das klobige Eigelstein-Tor zuführt. Es wurde im 13. Jahrhundert als Teil der früheren Stadtbefestigung gebaut. Bioleks früheres Wohnhaus ist eines dieser ziemlich uncharmant-funktionalen Nachkriegsgebäude, wie sie das Stadtbild von Köln bestimmen: dunkle Fassade, kleine quadratische Fenster, keine Schnörkel. Im ersten Stockwerk befand sich Anfang der 70er Jahre das Büro der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

„Ich mag die bunte Mischung dieses Viertels, die türkischen Schlachter und italienischen Feinkostläden.“ Biolek erinnert sich an eine Kollegin vom WDR, die ihre Nase rümpfte, als sie erfuhr, wo er wohnt. Wer es in Köln zu Ansehen und Reichtum gebracht hat, lebt eher in der feinen Villengegend Hahnwald.

Aus dem Fenster der ersten Kölner Wohnung konnte der ehemalige Ministrant, der von seinen Eltern streng katholisch erzogen wurde, sogar den Dom sehen – allerdings nur einen Turm, den zweiten muss er sich dazudenken. „Manchmal dachte ich morgens, ich bin in Wirklichkeit in Straßburg und blicke aufs Münster.“ Vom Wintergarten seiner jetzigen Wohnung kann er beide Türme sehen: „Er ist sehr schön, vor allem im letzten Abendlicht und später, wenn er beleuchtet wird. Eine Uhr brauche ich nicht: Um Punkt ein Uhr erlischt das Licht, und der Dom versinkt im Dunkel.“

Ebenfalls in der Lübecker Straße: ein winziges Porno-Kino, aus dem inzwischen das Programm-Kino „Filmpalette“ geworden ist. Erst vor ein Paar Tagen hat er sich dort einen Film über den Künstler Martin Kippenberger angesehen. Der Betreiber der „Filmpalette“ schließt extra für Biolek die Tür auf – der lässt sich gleich in einen der weich gepolsterten Kinosessel des unauffällig in die Häuserzeile eingelassenen Etablissements sinken und betrachtet die Decke, die von hunderten Lämpchen beleuchtet wird. „Das ist das einzige Kino, das ich kenne, in dem es einen Sternenhimmel gibt.“ Die Stoffbespannung an den Wänden ist noch original.

Es ging gut los für Alfred Biolek in Köln: Die Show, die er mit dem gleichaltrigen Rudi Carrell entwickelte, hieß „Am laufenden Band“ – und wurde ein Riesenerfolg.

2. DAS SENFTÖPFCHEN

Auch wenn Biolek heute Vorsitzender des Fördervereins des Kabaretts „Senftöpfchen“ ist – vor 31 Jahren erlebte er dort einen der wohl grauenvollsten Momente seiner Karriere. Es sollte ein lustiger Anfangsgag der Theater-Talkshow „Wer kommt, der kommt“ werden. Man hatte eigens einen Stuhl angesägt, der unter Bioleks Gewicht zusammenbrechen sollte. Eigentlich ein sicherer Lacher. Doch der Stuhl brach mit einem lauten Krach schon vorher zusammen. Biolek ließ sich einfach fallen, und jemand im Publikum fragte in die Stille hinein: „Haben Sie sich verletzt?“– „Seitdem hab ich mir nie wieder im Vorfeld einen Gag zurechtgelegt“, sagt er.

Als Alfred Biolek mit seiner Show ins „Senftöpfchen“ zog, befand es sich noch in der Pipinstraße. 1986 eröffnete es neu – mitten in der Altstadt, direkt am Dom. Er blättert im Programmheft. Kommende Woche gastiert hier Thomas Reis mit seinem Programm „Gibt’s ein Leben über 40?!“

Trotz der eher lahmen Premiere entwickelte sich „Wer kommt, der kommt“ schnell zum Publikumsliebling. Schon damals zeigt sich Bioleks untrügliches Gespür für eine bizarre Mischung der Gäste: Zur zweiten Gesprächsrunde erschienen Roberto Blanco, Lisa Fitz und die Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Später luden seine Mitarbeiter immer wieder auch vollkommen unbekannte Gäste ein, die etwas Interessantes erlebt hatten.

Und Biolek machte das, was ihm am meisten entsprach: Er war Gastgeber. Heute sagt er, dass diejenigen irren, die annehmen, er sei Journalist. Das sei ein Missverständnis.

„Die Show im Senftöpfchen war eine tolle Sache“, erzählt Biolek. „Weil es keine Fernsehkameras gab, die alles aufzeichneten, waren die Gäste relativ ungehemmt. Sie plauderten einfach drauf los.“ Und der „Kölner Stadtanzeiger“ schrieb nach der vierten Show: „Das Publikum saß dicht gedrängt und tobte vor Begeisterung. (… ) Eine solche Talk-Show wird es im deutschen Fernsehen wohl nie geben.“

Doch schon kurze Zeit später meldet die „Rheinische Post“: „Ausgerechnet ein Dr. jur. schickt sich an, frischen Wind in die Kölner Fernsehanstalt WDR zu bringen. Alfred Biolek (42) ist dies durchaus zuzutrauen. Ein maghrebinischer Typ mit einem gewinnenden Lächeln, fernab juristischer Pingeligkeit. Biolek ( … ) wird im Dritten Programm zusammen mit Dieter Thoma die Talk-Show ,Kölner Treff‘ moderieren.“

3. DER ALTE WARTESAAL

Der matte Geruch von kaltem Rauch mischt sich mit Essensdüften aus der Küche. Alfred Biolek steht nachmittags an einem der Tischchen im leeren Club und sieht ein bisschen wehmütig aus. Nur die besten Erinnerungen habe er an all die Aftershowpartys, die im Alten Wartesaal stattgefunden haben, erzählt er. Denn nach ihren Fernsehauftritten – vor allem nach „Bei Bio“, „Mensch Meier“, „Boulevard Bio“ – hatte die Prominenz Hunger und Durst, wollte weiterreden und -feiern. Besonders bewegt, sagt er, habe ihn die Gesangseinlage des deutschen, contergangeschädigten Bassbaritons Thomas Quasthoff. Biolek nimmt einen Schluck San Pellegrino. „Oder der Abend, als Nana Mouskouri auf den Tisch sprang und einfach lossang. Das sind Momente, die man nicht vergisst.“

Die Flächenbombardements der Engländer und Amerikaner haben Köln im Zweiten Weltkrieg zu über 90 Prozent zerstört. Heil geblieben sind der Dom und ein Teil des Bahnhofkomplexes – der Wartesaal erster Klasse, ein Kleinod voller Edelhölzer, klassizistischer Kapitelle, Stuck und Marmor, das 1915 eröffnet und rasch zur Institution wurde. Bis 1983 Jahren gehörte der Deutschen Bundesbahn das Gebäude. Es gab Pläne, den Wartesaal zum Supermarkt umbauen zu lassen oder ganz abzureißen.

Alfred Biolek, der sich Anfang der 80er in die traditionsreichen Räumlichkeiten verliebte, konnte dies verhindern. Zusammen mit einem Mitgesellschafter verwandelte er den heruntergekommenen Wartesaal in ein glamouröses Restaurant mit Bar und angrenzendem Club. Wenn man so will, schaffte sich Biolek, der perfekte Gastgeber, einfach ein gigantisches, zentrales, ausgelagertes Wohnzimmer.

4. DER RHEIN

Um beim Eigelstein-Viertel ans Rheinufer zu gelangen, muss man verschiedene Absperrungen überwinden. „In Köln gibt es mehr Baustellen als in Berlin“, sagt Alfred Biolek in den Verkehrslärm hinein – hier, wo er so gerne spazieren geht, wird gerade ein neuer Fahrradweg gebaut.

Ein Drittel seiner Zeit verbringt Biolek in der Stadt am Rhein, die anderen Drittel entweder in Berlin-Prenzlauer Berg oder auf Reisen. Köln sei ihm Heimat geworden, aber er müsse auch immer mal wieder raus. „Die Stadt erschließt sich einem erst auf den zweiten oder dritten Blick. Auf den ersten Blick ist sie ausgesprochen hässlich. Man muss Geduld haben. Die Menschen sind es, die Köln so liebenswürdig machen.“

New York ist die Metropole, die Biolek wohl am meisten besucht hat, um der manchmal drückenden Enge Kölns zu entkommen. Aber das Zurückkehren an den Rhein sei immer wohltuend gewesen. Grau in grau fließt der Fluss vorbei, es ist Rheinkilometer 688. Noch 344,8 Kilometer bis zur Mündung am Hoek van Holland. Grau und diesig ist auch der Himmel, und es ist ein Fehler, die feinen Regentröpfchen nicht ernst zu nehmen. Hohe Luftfeuchtigkeit, die im Sommer oft heftige Gewitter verursacht, ist typisch für Köln. Und: Die enge Kölner Innenstadt soll im Durchschnitt der wärmste Ort Deutschlands sein. Das liegt an dem, was die Meteorologen Eifelbarriere nennen – und am bei Hitze stark verdunstenden Rhein.

Die Jogger, die Alfred Biolek überholen, drehen sich um und lächeln, manche grüßen freundlich, wieder einer fragt: „Herr Biolek, was gibt’s denn heute Abend?“ Der freut sich über die Aufmerksamkeit. Aber was es geben wird, das weiß er noch nicht.

5. DAS FEINKOSTGESCHÄFT

„Ich bin kein Koch“, sagt Alfred Biolek. „Aber ich koche gerne. Mein Motto: Vom Einfachsten das Beste.“ Die Kochshow „alfredissimo!“, die es seit 1994 gibt und deren letzte Staffel vergangene Woche abgedreht wurde, ist Bioleks Leib- und Magenthema. So wurde die Probesendung mit Franca Magnani (Gnocci alla romana) in seiner Wohnung aufgezeichnet, und später die Biolek’sche Küche im Studio originalgetreu nachgebaut.

Wie leidenschaftlich Bioleks Zuschauer die Rezepte nachkochen, das zeigt sich an dem Wachtel-Beispiel. Gute Wachteln sind in Köln ja nicht an jeder Ecke zu haben, aber hier, in dem Wild- und Geflügelladen Gustav Brock, gibt es sie – normalerweise. Doch nach der „alfredissimo!“-Wachtel-Folge waren sie wochenlang ausverkauft. Das Feinkostgeschäft, in dem man auch Spezialitäten wie Gänsestopfleber, Bluttauben, original Kapaune und weiße Trüffel aus Alba bekommt, befindet sich in der kleinen Apostelnstraße zwischen Mittel- und Ehrenstraße. Über der Eingangstür hängt ein wuchtiges Hirschgeweih. Nach der Wachtelgeschichte sind Fernsehkoch und Delikatessenhändler gute Freunde geworden. „Immer, wenn er ein besonders ausgesuchtes Stück Fleisch im Sortiment hat, ruft er an, und ich lasse es mir direkt nach Hause schicken“, sagt Alfred Biolek.

So bequem war es nicht immer – das Interesse fürs Kochen begann während seiner Studentenzeit in Freiburg (der zweitwärmsten Stadt Deutschlands), und zwar aus purer Not. In den 50er Jahren wohnte Biolek in einem möblierten Zimmer ohne Kochgelegenheit – zum Ausgleich las er abends in einem Kochbuch mit dem Titel „Was Männern so gut schmeckt“.

Sein Faible für gut ausgestattete Küchen ist noch älter: Als einer der ersten Schüler ließ sich Alfred Biolek 1951 für ein Jahr mit dem Austauschprogramm „American Field Service“ nach Amerika verschiffen. Wieder daheim, hielt er einen Vortrag über die Sitten und Gebräuche des Amerikaners. Bei den Recherchen zu seiner Biografie tauchte das verschollen geglaubte Dokument im Keller seines Wohnhauses wieder auf. Darin heißt es: „Eine amerikanische Küche wäre das Paradies jeder deutschen Hausfrau. Entlang der Wand eingebaute Schränke, ein Spültisch mit elektrischen Mülleimern, in die alles hineingeworfen und zerkleinert wird. In der Höhe des Spültisches befindet sich eine gekachelte ,Arbeitsplattform‘, ein Gasherd mit vier Flammen und zwei Backröhren und natürlich ein großer Kühlschrank. Nicht nur die Küche, das ganze Haus verfügt ständig über warmes Wasser.“

6. DAS SCHAUSPIELHAUS

Hier wird Alfred Biolek am 14. Oktober ein Heimspiel haben, mit seiner neuen Show „Mein Theater mit dem Fernsehen“. Er wird tun, was er tun muss: Geschichten preisgeben aus 40 Jahren Fernsehunterhaltung. Im Winter geht er auf Tournee. Dass ihm jemals langweilig werden könnte, die Gefahr besteht nicht. Eine Rückschau auf die Zeit vor dem Privatfernsehen wird die neue Show werden, nostalgisch und ganz bestimmt etwas sentimental.

„Das Geheimnis guter Unterhaltung ist einfach“, sagt Biolek. Sein Jackett bläht sich auf dem zugigen Theatervorplatz im Wind. „Man muss die Menschen entweder zum Lachen oder Weinen bringen.“

Wie sieht die Zukunft der Fernsehunterhaltung aus? Sicher, einer der letzten großen Fernsehstars seiner Ära sei mit Rudi Carrell beerdigt worden. Alfred Biolek zeigt sich verhalten-beruhigt angesichts des deutschen Comedy-Nachwuchses. Talente gäbe es genug.

Mit der Show „Mein Theater mit dem Fernsehen“ wird Biolek eine besondere Premiere feiern. Er tritt gewissermaßen in einer Doppelrolle auf: Endlich wird er einmal bei sich selbst zu Gast sein dürfen. Und das auch noch in Köln.

Alfred Biolek liest am heutigen Sonntag um 11 Uhr 30 im Renaissance-Theater (Knesebeckstraße 100) gemeinsam mit seinem Co-Autor Veit Schmidinger aus der Biografie „Mein Leben“. Der Eintritt kostet 15, ermäßigt 10 Euro. Das Buch erscheint am 28. September bei Kiepenheuer & Witsch (336 S., 19,90 Euro).

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