Zeitung Heute : Grundriss zum Glück

Architekten denken zu wenig an die Schönheit, sagt der Philosoph und Bestsellerautor Alain de Botton. Dabei würde sie uns glücklicher machen.

Susanne Kippenberger

Was für ein Blick! Wie jeden Vormittag sitzt Alain de Botton an seinem Schreibtisch unterm Westlondoner Dach und genießt die Aussicht: auf eine schäbige Hochhaussiedlung in Shep herd’s Bush. Nicht dass der gebürtige Schweizer was gegen Wolkenkratzer hätte, in New York gibt es einige, die ihm gefallen. „Aber diese scheinen sich selber nicht wohlzufühlen in ihrer Haut. Sie zelebrieren es nicht, hoch zu sein.“

Ein neues Büro würde der Bestseller autor („Versuch über die Liebe“, „Wie Proust Ihr Leben verändern kann“) sich trotzdem nicht suchen. Erstens liegt es so praktisch, auf der anderen Straßenseite des Hauses, in dem er mit seiner Frau und den beiden kleinen Söhnen lebt. Und zweitens, findet der schlanke Ästhet, schult das Hässliche den Blick: für das Schöne.

Schönheit, was für ein Wort! Architekten nehmen es auffallend selten in den Mund, hat der Autor festgestellt bei den Recherchen zu seinem Buch „Glück und Architektur: Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein“ (S.-Fischer-Verlag, 22,90 Euro) und der begleitenden Fernsehserie. Selbst jemand wie Norman Foster, „dessen Bauten doch romantisch sind“, habe im Gespräch vorzugsweise von technischen Fragen geredet. Der Historiker und Philosoph hat eine einfache Erklärung dafür: „Schönheit gilt als etwas Feminines und wird schnell mit dekorativ gleich gesetzt – und Architektur ist bis heute eine von Männern dominierte Profession.“

Als Schule des Sehens legte der Kritiker Alan Posener, Sohn des Architekturhistorikers Julius Posener, seinen Lesern „Glück und Architektur“ ans Herz („eines der wenigen Bücher, das man unbedingt gelesen haben muss“.) In den deutschen Kritiken schwang oft eine Verblüffung über die eigene Zunft mit: dass nicht längst jemand ein solches Buch geschrieben hat. Auch in Texten über Architektur geht es meist um Formen und Fassaden, um Materialien und Kosten, seltener darum, ob die Menschen sich wohlfühlen darin. Der 39-Jährige dagegen, weder Architekt noch Kritiker, hat seine eigenen Alltagsbeobachtungen zum Ausgangspunkt gemacht – so wie in seinen vorhergegangenen Büchern, egal, ob es um die Liebe, den Neid oder das Reisen ging. Auf seinen Lesereisen hatte der Autor in so vielen deprimierenden Hotelzimmern geschlafen, dass er irgendwann die Rockmusiker verstand, die sie zertrümmert haben. „Diese Orte sind regelrecht beleidigend, das Gegenteil von einem Zuhause.“ Das war die Frage, die ihn antrieb, das Buch zu recherchieren: „Warum sind eigentlich so viele Orte auf der Welt so hässlich?“ Und so fing er an, die nahe liegenden Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Taugt das Haus was in der Praxis? Diesen Test hat Le Corbusier, Ikone der Architektur und Erfinder der Wohnmaschine, nicht bestanden.

Die Schönheit, von der der Schriftsteller spricht, und er spricht eloquent und schnell, ist eine, die gerade nicht dekorativ ist. Eine schlichte, klare Schönheit, wie er sie in alten japanischen Häusern gefunden hat, wo sich alles, vom Grundriss bis zum Essen, zu einem harmonischen Gesamtkonzept fügt; oder bei den Shakern in Neu-England, deren anmutige Treppen und Möbel geradezu zu schweben scheinen; oder bei einem Architekten wie Peter Zumthor, der großen Wert auf handwerkliche Qualität und Präzision legt, dessen moderne Betonbauten sich respektvoll gegenüber Tradition und Umgebung verhalten.

Das fast klösterlich Strenge, Ruhige bei Zumthor ist etwas, was der Mensch in der heutigen unruhigen Welt ganz besonders braucht, findet Alain de Botton. Das hat er bei sich selbst bemerkt. Beruflich viel auf Reisen, zu Hause ein turbulentes Familienleben, sehnt er sich in der Architektur nach Ruhe, Harmonie und Ordnung – und wirft den Stararchitekten vor, zu oft laute, spektakuläre Bauten zu entwerfen, sich zu sehr als Künstler zu betrachten. „Die meisten Menschen fühlen sich so, wie ein Bau von Zaha Hadid aussieht. Das Letzte, was sie wollen, ist eine physische Manifestation davon direkt vor der Nase zu haben.“

Der Philosoph ist nicht so naiv, zu glauben, dass gute Architektur uns automatisch zu besseren Menschen macht. Aber zu glücklicheren schon. Er vertritt eine interessante These: dass das ideale Haus nicht Abbild unseres Selbst ist, sondern eine Aufmunterung: „Schöne Dinge und Orte sind wie Vorschläge, wie wir uns verhalten könnten.“

In seinem Herzen, bekennt der Londoner Schweizer, sei er Holländer. So wohnt er auch. In einem der alten Reihenhäuser, wie es sie hier kilometerweise gibt, das aber aus der Reihe springt: Es ist das Einzige, das keine scheußlichen Gardinen hat. Auch keine geblümten Tapeten, keine gemusterten Teppiche, nicht diese schweren düsteren Möbel, die Alain de Botton so deprimierend fand, als er nach England kam. Stattdessen: viel Luft und Klarheit, weiße Wände, Dielenboden, moderne Möbel, die behaglich sind. Und das Plastikspielzeug der Kinder.

Seit Jahrzehnten lebt der Sohn eines Finanziers und Kunsthändlers in Groß britannien. Er ist dort aufs Internat gegangen, hat in Cambridge studiert, spricht makellosestes Oxfordenglisch, ist so höflich, wie man sich einen Briten denkt. Und doch ist er nach wie vor schockiert von der britischen Architektur. Von der miserablen handwerklichen Qualität („hier scheint alles auseinanderzufallen“) und der ästhetischen Unehrlichkeit. Dass man sich aus dem Hier und Heute flüchtet in Neoklassizismus und Pseudo-Tudor-Stil, dass man Siedlungen wie Dörfchen aus dem 18. Jahrhundert baut. „Wenn es nach mir ginge, sähe ganz London aus wie die Tate Modern.“ Was ihm besonders gefällt an dem ehemaligen Heizkraftwerk, das die Schweizer Herzog und de Meuron zum Museum umgebaut haben: dass man sich dort zur eigenen Geschichte, zum Industriezeitalter bekennt und zur eigenen Zeitgenossenschaft. Und dass das Haus, fast unabhängig von der Kunst, zu einem enorm beliebten Treffpunkt geworden ist.

Architektur, das ist für Alain de Botton weit mehr als eine Hülle – er zählt die ganze gestaltete Umgebung dazu, auch die Türklinke, den Stuhl, alles hat seiner Meinung nach einen enormen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Umso mehr wundert er sich, dass Architektur eher selten zum Thema gemacht wird, auch in der Schule nicht, es kaum Debatten gibt wie in Umweltfragen. So hätten die meisten auch keine Sprache dafür entwickelt, keine Worte für Wünsche und Gefühle. „Deswegen haben es Immobilienentwickler so leicht zu sagen: Okay, wenn ihr nicht wisst, was ihr wollt, entscheiden wir das für euch.“

De Botton ist der Meinung, dass die Menschen einen Anspruch darauf haben, sich zu Hause wohlzufühlen. Wenn Bauherren und Architekten nicht von sich aus dafür sorgen, müssten die Leute es eben selber einfordern. „Es müssen viel mehr Leute gegen zu niedrige Decken und tropfende Wasserhähne protestieren.“

Mehr als jedes seiner anderen Bücher, erzählt der Autor, habe ihn dieses in die politische Arena getrieben. Immer wieder wird er in Großbritannien zu Vorträgen und Debatten eingeladen – oft von Architekten, um zum Beispiel über Wohnungsbau zu sprechen. Und zum ersten Mal sei er etwas frustriert über den eigenen Beruf gewesen: Das Schreiben war ihm zu wenig. „Du willst ja was ändern, und zwar jetzt gleich.“ Deswegen will er auch mit anderen zusammen Häuser bauen, wo man übernachten und gute moderne Architektur selber erleben kann – ähnlich wie in historischen Ferienhäusern.

Dass gute Architektur, bei Zumthor zum Beispiel, auch eine Frage des Geldes ist, lässt er nicht gelten. „Im Grunde ist das Geld ja nur eine Reflexion dessen, was uns wichtig ist.“ Als leuchtendes Beispiel zitiert er wieder die Niederlande, wo viele Architekten, junge und renommierte Architekten, im Wohnungsbau, auch im sozialen engagiert sind.

In Großbritannien ist der Wohnungsbau weitgehend kommerziellen Anbietern überlassen. Nicht ohne Stolz erzählt Alain de Botton, wie er in seiner Fernsehdokumentation einen der großen Immobilienentwickler von Siedlungen im rückwärtsgewandten Einheitslook mit den holländischen Gegenbeispielen konfrontiert hat – und dieser dann tatsächlich angefangen hat, auch modernere Hausmodelle zu entwickeln.

Eine pädagogische Ader kommt in all seinen Büchern durch. Im letzten Jahr nun hat er in London eine „School of Life“ mitgegründet, die unter anderem eine Schule des Sehens ist. De Botton hat sich dort als Reiseführer betätigt, Teilnehmer mehrtägiger Ausflüge durch den Flug hafen Heathrow und entlang der berüchtigten Autobahn M1 begleitet.

Mit dem Schreiben aufgehört hat er nicht. Im Juni erscheint sein neues Buch, mit dem er vermutlich wieder den Zeitgeist trifft. Der Titel: „Work.“

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