Zeitung Heute : Gruß und Kuß

ALEXANDER BARTL

Das "Berliner HÖRtheater" bringt DDR-Vergangenheit auf einen TischALEXANDER BARTLWerden Möbel eingehend wahrgenommen und nicht nur wie üblich mit Blicken gestreift, halten sie mitunter Erinnerungen wach, die fast schon verschüttet waren.Im Willy-Brandt-Haus ist jetzt eine Art Tagung der Unsichtbaren zu sehen, deren Lebenslinien in der kleinen Ortschaft Loitz zusammenlaufen, wo ein runder Eichentisch ihre Gedanken an früher weckte.Das "Berliner HÖRtheater" von Isabella Mamatis und Peter Tucholski hat in seiner Produktion "Der Tisch im Gelben Zimmer" diese Tondokumente bewahrt und arrangiert.Aus 15 Lautsprechern dringen Erinnerungen von Menschen, die irgendwann mit dem Tisch in Berührung kamen.Nach Themen geordnet, die sich vom DDR-Sozialismus bis hin zu intimen, auch schmerzhaften Berichten spannen, glaubt sich der Zuhörer in diese Gesellschaft aus Frauen und Männern unterschiedlichen Alters versetzt.In Spiralenform umstellen die Stühle den herbeigeschafften Tisch im Zentrum. Bewegend ist die Vorführung, wenn sie den Weg erhellt, der vom Tisch aus direkt ins persönlich Erlebte trifft.Eine Frau erzählt von ihrem ersten Kuß, eine andere, durchaus naheliegend, was sie auf dieser Platte schon alles verzehrt hat, während mit der Erinnerung ihr Appetit wiederzukehren scheint.Dann kitzelt das Holz die Phantasie, feuert sie an, die Stimmen mit Gesichtern und Körpern zu versehen.Jeder Satz, jedes Wort sogar prägt die Charaktere im Kopf des Hörenden.Ins Mittelmäßige stürzt der Abend dort, wo Kommentare über flache Beschreibungen nicht hinausgelangen, oder digitale Schnitte dem Redenden unentwegt ins Wort fallen, ihn zum Schweigen zwingen.Außerdem geriet die Beleuchtung recht einfältig; zumeist gelb, im Wechsel mit rot, werden die Wände bestrahlt, die den Aufführungsort von der gewaltigen Empfangshalle des Willy-Brandt-Hauses abschirmen.Um zu zeigen, was die Loitzer neben dem Eichentisch sonst noch erfreut, setzte ein Schlager-Newcomer der Region den musikalischen Schlußpunkt (live gesungen!).Vielleicht hat man deshalb im Vorfeld reichlich Doppelkorn serviert. 

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