Zeitung Heute : Guerilla-Taktiken gegen Werbemüll

Viele Fragen, aber kein Umsatz: Verärgerte Internet-Nutzer vermiesen den Spam-Versendern das Geschäft

Maren Klotz

Die E-Mail kam aus Nigeria. Ein Herr Kamara wollte Elisabeth Hanes 16 Millionen US-Dollar überweisen – dafür benötige er aber erst einmal das Geld der Sekretärin. Doch Hanes wollte von diesem zwielichtigen Geschäft nichts wissen. Stattdessen zog sie in den Krieg gegen die unerwünschten Werbe-Mails, kurz „Spam“ genannt. Bereits bei jeder zweiten Mail handelt es sich um eine unaufgefordert zugesandte elektronische Werbebotschaft. Hanes schrieb deshalb dem Herrn Kamara, ausführlich und mit immer absurderen Fragen. Und der Nigerianer antwortete und antwortete und antwortete – natürlich ohne vertrauenswürdige Unterlagen zu senden. Aber er war beschäftigt. Zeit, während der er keine anderen E-Mail Benutzer mit seinen Anfragen nerven konnte – so die Absicht von Elisabeth Hanes. Aktivisten wie Hanes greifen die „Spammer“ an vielen kleinen Fronten an – deshalb werden sie auch „Anti-Spam-Guerillas“ genannt.

Warum diese Aktionen? Die kommerziellen Initiativen gegen Spam laufen noch ins Leere. Im Mai haben sich in den USA und in Deutschland zwar große Internet-Provider zusammengeschlossen, um gemeinsam an technischen Lösungen zu arbeiten. Mehr als eine vielversprechende Infrastruktur wurde allerdings nicht geschaffen – konkrete Ergebnisse sind bislang Fehlanzeige. Und dass der US-Senat am Donnerstag ein Gesetz beschlossen hat, welches notorische Spammer mit einer Höchststrafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis und fünf Millionen Dollar Geldstrafe bedroht, hilft deutschen Internet-Nutzern auch nicht weiter.

Möglichkeiten, sich hier zu Lande vor den unerwünschten E-Mails zu schützen, gibt es allerdings schon: Alle großen Provider haben inzwischen Spam-Filter eingerichtet. Nach Auskunft von Andreas Winterer, dem Anti-Spam Experten der Fachzeitschrift „Com!“, bieten die Filter von AOL, Web.de, Yahoo und GMX ungefähr den gleichen Service. Sie fangen zwar Spam ab – finden aber längst nicht allen Müll, oder blocken auch mal eine erwünschte Nachricht ab. T-Online fällt laut Winterer besonders unangenehm auf: „Es gibt einen Spamfilter, aber Sie müssen selbst bestimmen, wessen Mails Sie nicht haben wollen. Das ist ziemlich uneffektiv“, sagt der Experte. Mehr Sicherheit böten individuell einstellbare Filterprogramme, wie zum Beispiel der kostenlose „Spam Pal“.

Auf gesetzlicher Ebene fehlen dagegen effektive Schutzmöglichkeiten gegen Spam – daran wird auch ein neues Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb nichts ändern, meinen die Experten (siehe auch Interview). Das Bundesministerium für Verbraucherschutz schätzt das freilich anders ein: Man arbeite an einem umfassenderen Rechtsschutz in Sachen Spam, heißt es aus dem Ministerium. Der Industrie geht das nicht weit genug. AOL drängt zum Beispiel darauf, dass die Tarnung von Spam-Mails als individuelle Kommunikation unter Strafe gestellt wird, wie bereits jetzt in Italien. Bis es soweit ist, werden die Anti-Spam-Guerillas noch viel zu tun haben. Manches grenzt dabei schon fast an Selbstjustiz: Ein Hacker stellte die gesamten Festplatten-Inhalte einer Spam-Firma ins Internet, inklusive Nacktfotos der Mitarbeiter.

Mehr zum Thema:

www.tagesspiegel.de /anti-spam

www.spampal.de

www.antispam.de

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