Guiness Buch der Rekorde : Höher, schneller, weiter
20.07.2012 20:25 UhrDen Titel „größte Stadt der Welt“ hat London lange verloren. Mexiko-City nimmt ihn für sich in Anspruch. Selbst in Europa reicht es mit 7,8 Millionen Einwohnern nur noch für Rang zwei hinter Moskau. Aber es bleibt genügend Spielraum für unglaublich viele Disziplinen, in denen Englands Hauptstadt führend ist. Im Juni erst haben Londons Studenten einen Weltrekord aufgestellt – im massenhaften, gleichzeitigen Doktorhut-Hochwerfen. 295 waren beteiligt, es war bereits der 14. Weltrekord made in London in diesem Jahr.
Wahrscheinlich hat diese Form des Extremismus damit zu tun, dass an der Drummond Street eine Institution ihren Sitz hat, die zwar noch keine 60 Jahre alt ist, die sich dabei aber einen Ruf als Weltschiedsrichter erarbeitet hat: Guinness World Records, eine Gesellschaft, die seit 1954 ein Jahrbuch herausgibt.
Sechs Milliarden Exemplare wurden seit der Gründung verkauft, Weltrekord übrigens. Nur Titel ohne Copyright wie die Bibel oder der Koran bringen es auf höhere Stückzahlen. Jahr für Jahr unternehmen um die 65 000 Kandidaten einen Versuch, in dieses Buch zu kommen.
Das allerletzte Wort, ob ihnen das nun gelingt oder nicht, hat Craig Glenday, ein 38 Jahre alter, untersetzter Schotte mit schwarzem Haar und knubbeligen Fingern, die er beim Überlegen manchmal knetet. Normalerweise ist Glenday oft auf Reisen, es gehört zu seinen Aufgaben, Rekordversuche persönlich abzunehmen. Heute wird er Besuch bekommen.
Die Tür geht auf, ein Mann im blauen Hemd kommt rein: Paul Hunn, 42 Jahre alt, aber jünger aussehend, Sekretär in einer Anwaltskanzlei. Hunn ist amtierender Weltrekordhalter, lebt in London. Nun will er eine Probe seines Könnens abgeben, damit die mit der Kamera dokumentiert wird. Oh, ob man das auch aufzeichnen dürfe? Natürlich, nur Vorsicht, er könne nicht für das Mikro garantieren. Und dann richtet sich Hunn in der kleinen Bibliothek zwischen Tisch und Bücherwand auf, pumpt mehrmals mit dem Oberkörper und lässt einen Rülpser hören, der einem Löwen zur Ehre gereichen würde. Sein Rekord liegt nachgewiesen bei 109.9 Dezibel, er will aber auch schon mal 117 geschafft haben. Ein Geräusch zwischen Motorsäge und Presslufthammer.
Warum tut jemand so etwas? Weil er es kann, und weil ihn andere dafür bejubeln. So wie jetzt draußen auf dem Flur, wo sich ein paar Guinness-Angestellte versammelt haben, erst lachen und dann klatschen. So war es schon einst auf dem Schulhof, sagt Hunn. So ist es in Reggiolo in der Emilia Romagna, wo regelmäßig ein Hardrockfestival stattfindet, einer der Höhepunkte ist der Rülpswettbewerb, und Hunn ist dort nicht der Anwaltssekretär, sondern der Champion aus London, den man nach einem Autogramm fragt, der sogar eine eigene Webseite hat und schon bei „Großbritannien sucht das Super-Talent“ mitmachte.
Wenn Hunn nicht als Rülpser auf einer Bühne steht, lebt er ein ganz normales Leben. Er ist verheiratet, hat einen Job und eine kleine Tochter. Seine einzige Schwäche: dass er schon versucht hat, der Kleinen das Rülpsen beizubringen. Seine Frau schätzt das nicht besonders. Keine Frage, Hunn ist glücklich. Glücklicher wahrscheinlich als der Mann, der eine meilenlange Kette aus Kaugummi-Einwickelpapier fertigte. Weil der an nichts anderes mehr dachte, riskierte er seine Ehe, ja, Haus und Hof, erzählt Glenday. Der Grat zwischen Tragik und Erfolg ist für einen Weltrekordler zuweilen schmal.
Craig Glenday ist seit sieben Jahren Chefredakteur des „Guinness-Buch der Rekorde“. Natürlich kennt er das Buch schon viel länger. Er wuchs in der schottischen Stadt Dundee damit auf. Am meisten fasziniert hat ihn damals der Mann, der sieben Blitzeinschläge überlebt hatte. Sieben Mal, ist das nicht unglaublich? Glenday lacht. Er tut das oft und gern. Sich seine kindliche Seele bewahren, sagt er, das sei wichtig in diesem Job.
Und dann wird er ernst, das kann er nämlich auch, sonst wäre er hier nicht der Chefredakteur. Der Mann ist nicht an einem Blitzschlag gestorben, er hat sich erschossen, wegen unerwiderter Liebe. Was für eine Tragik, man stelle sich vor, da überlebt jemand auf wundersame Weise sieben Blitzschläge, um sich dann zu erschießen! Das hat Glenday wirklich berührt. Obwohl er als Kind den Inder mit den superlangen Fingernägeln auch ziemlich cool fand.
Den Mann mit den Blitzen sucht man in der aktuellen 2012er Ausgabe des Guinness-Buches vergeblich. Ebenso den Inder. In der Rubrik menschlicher Körper zeigt heute Chris „The Dutchess“ Walton aus den USA ihre Krallen auf einer ganzen Buchseite. Was ehrlich gesagt kein schöner Anblick ist. So funktioniert die Guinness-Welt, sie lebt von Extremen.
Ist der Drang, über so etwas Buch zu führen, typisch britisch? Glenday meint ja. Erstens liebten Briten die Exzentrik. Und zweitens habe das Ganze auch mit dem kolonialen Erbe aus viktorianischer Zeit zu tun: „Wir gehen gern überall hin, dokumentieren die Fakten und vermessen die Welt.“ Wenn man so will, steht das Guinness-Buch in der Tradition der großen britischen Abenteurer und Entdecker. Robert Scott fällt einem da ein, der vor 100 Jahren als Erster den Südpol erreichen wollte, ein Rekordversuch, den er allerdings mit dem Leben bezahlte.
Als Sir Hugh Beaver 1951 die neue Geschäftsidee anschob, gab es noch genau ein Rennen auf dieser Erde, das nicht entschieden war: Wer würde als Erster den Mount Everest erklimmen. Zwei Jahre später standen Edmund Hillary und Tenzing Norgay auf dem Gipfel. Im Jahr darauf, 1954, erschien das erste Guinness-Buch. Gutes Timing. Denn das Buch gab nun all jenen ein Forum, die sich neue Herausforderungen ausdenken mussten.
Die Idee kam Beaver freilich nicht beim Gipfelsturm oder in eisigen Polarregionen, sondern in Irland auf der Jagd. Mehrfach legte er auf den Goldregenpfeifer an und verfehlte. Was in der Jagdgesellschaft eine Debatte auslöste, die abends noch anhielt. Es ging um die Frage, wer denn der schnellste jagdbare Vogel in Großbritannien sei, der Goldregenpfeifer oder das schottische Moorschneehuhn. Keiner konnte seine Antwort belegen.
Da traf es sich, dass Sir Hugh Beaver geschäftsführender Direktor der GuinnessBrauereien war. Was, wenn es ein Buch gäbe, das genau solche Fragen beantwortet? Die Frage nach den Ersten, den Schnellsten, den Höchsten, nach allen nur denkbaren Extremen. Es wäre unverzichtbar bei den schon damals populären Pub-Quiz-Abenden. Zusammen mit dem Guinness-Bier sollte das neue Buch in Kneipen vertrieben werden. Beaver beauftragte eine Rechercheagentur mit der Ausarbeitung des Buches. Die hatte ihren Sitz in London, was nur logisch war, denn auch die irische Guinness-Brauerei hatte bereits 1932 ihr Hauptquartier aus Dublin nach London verlegt.
Vielleicht stellt man sich deshalb die Zentrale von Guinness World Records irgendwie gediegener vor. Mit Mahagoni, Messing und grünen Ledermöbeln. So wie den vornehmen Reform Club, in dem Jules Verne seinen Phileas Fogg einst zur Reise in 80 Tagen um die Welt aufbrechen ließ. Tatsächlich residiert Craig Glenday mit seinem ungefähr 40 Köpfe starken Team ziemlich unscheinbar. Das Spektakulärste an der Etage im dritten Stock eines vierstöckigen Bürohauses nahe dem Regent’s Park ist noch die Stahltür mit dem Guckfenster und dem Zahlenschloss sowie ein Foto in Originalgröße auf dem Treppenabsatz davor: Es zeigt Sultan Kösen aus der Türkei, mit 2,51 Metern der aktuell größte Mann der Welt. Und Kösen wäre wahrscheinlich noch größer, wäre es Ärzten in den USA vor zwei Jahren nicht gelungen, bei ihm die Produktion von Wachstumshormonen zu stoppen.
2,51 Meter, das ist spektakulär. Aber ist das nun ein Rekord oder eine Krankheit? Marco Frigatti hat das Büro betreten. Der Italiener spricht nicht nur fünf Sprachen fließend, darunter auch Deutsch, er ist auch der Chief Adjudicator hier, der Oberschiedsrichter. Ein freundlicher Mann von 42 Jahren, gepflegte Erscheinung, leise Stimme. Neben Glenday wirkt er ein bisschen humorlos. „Unser Job“, sagt Frigatti, „ist alles zu dokumentieren, dazu gehören die fundamentalen Körperdinge, groß, klein, Gewicht.“ Natürlich gebe es immer wieder Grenzfälle. Gerade diskutiere man, ob man die größte Milz ins Buch aufnehmen sollte. Man wolle auf keinen Fall die Leute ermutigen, ihre Gesundheit zu missachten. Und in den wöchentlichen Sitzungen, die die Schiedsrichterrunde abhält, tendiere man dazu, sich auf jene Dinge zu beschränken, die außerhalb des Körpers lägen, also sichtbar seien.
Die längste Zunge, die werde zum Beispiel gezeigt. Aber was ist dann mit dem längsten Penis? Glenday und Frigatti schauen sich an. Auch das sei eine Frage, die man momentan diskutiere. Sie werde nämlich sehr oft gestellt. Und man habe bereits mit medizinischen Institutionen Kontakt aufgenommen, ob es darüber Befunde gäbe. Denn wenn, dann werde man die Frage wissenschaftlich verhandeln und auf keinen Fall im Bild beantworten.
Der Pub als Vertriebsweg für das Guinness-Buch hat schon lange ausgedient. Das Modell funktionierte auch nicht besonders gut. Heute versteht man sich eher als Familienbuch, Jugendliche in der frühen Pubertät seien die wichtigste Klientel. Ein Alter, in dem vor allem Jungs für Extreme sehr zu haben sind.
Deshalb muss das Buch bizarr sein, braucht man ein paar eklige Sachen. Darauf besteht Glenday. „Heranwachsende Jungs“, glaubt er, „gehen da ganz unschuldig ran. Die sagen sich, die Welt geht von hier bis hier“, und dabei zeigt er von einer Seite der schmalen Bibliothek zur anderen. Das Guinness-Buch helfe ihnen, sich ihrer Normalität zu vergewissern. Der längste Penis könnte da nur verstören.
Und was ist mit denen, die scheitern? Über die tragischen Fälle wird im Guinness-Hauptquartier nicht gern geredet. Natürlich sei es Glenday mulmig geworden, als er mal in New York einem Weltrekord im Luftanhalten beiwohnte. Wenn das jetzt schiefgeht? Und es geht ziemlich viel schief. Von den 65 000 Anträgen, die im Jahr die Guinness-Zentrale erreichen, scheitern nach internen Schätzungen 80 Prozent sofort. Ganz einfach, weil viele unterschätzen, was alles schon versucht wurde. Für jene, die behaupten, sie können mit der eigenen Zunge den Ellenbogen ablecken, so etwas kriegen sie hier dreimal die Woche, gibt es schon eine Standardabsage. Zumal das auch nicht dem üblichen Vierklang entspricht: Ein Rekord muss messbar, verifizierbar und zu brechen sein, und er muss auf ein internationales Interesse stoßen, darf also nicht zu lokalspezifisch sein. Seinen Ellbogen ablecken können, das ist allenfalls eine besondere Fähigkeit, aber kein Rekord.
Die Gescheiterten landen nicht im Guinness-Buch, die landen im Internet. So wie die iranischen Frauen, die angeblich das längste Baguette der Welt schmieren wollten, aber scheiterten, weil die Zuschauer schon anfingen zu essen, bevor sie fertig waren. Was noch harmlos ist. Andere riskieren Leib und Leben, wie der Singhalese, der den Rekord im Lebendig-Begraben-Sein aufstellen wollte und nicht mehr lebendig aus seiner Grube kam, wie der „Daily Mirror“ im März meldete.
Draußen im Großraumbüro bearbeiten die Guinness-Leute derweil eingehende Anfragen, allein hier in London sind es um die 1000 die Woche, weitere werden in den Außenstellen in Tokio, Peking und New York entgegengenommen, kleinere Repräsentanzen gibt es in Hamburg, Mumbai und in Paraguay. Die meisten Rekordversuche, fast 50 Prozent, kommen aus den USA. Doch China und Indien holen langsam auf.
Um für würdig befunden zu werden, muss nicht unbedingt ein Guinness-Schiedsrichter vor Ort gewesen sein. Es reicht, wenn glaubhafte Aussagen unabhängiger Zeugen vorliegen, wenn der Rekord zweifelsfrei auch in Bild und Film dokumentiert ist. Manchmal allerdings müssen die Schiedsrichter tätig werden. Und zu den schwierigsten Aufgaben gehört es, wenn jemand für sich in Anspruch nimmt, der älteste Mensch zu sein und die eingereichten Unterlagen auf Stichhaltigkeit geprüft werden müssen. So wurde der Japaner Izumi Shigechiyo, 1986 angeblich im Alter von 120 Jahren verstorben, 2011 wieder aus dem Buch entfernt, weil der Verdacht bestand, seine Geburtsurkunde sei mit der des gleichnamigen älteren Bruders vertauscht worden. Izumi wäre danach „nur“ 105 Jahre alt geworden. Nachweislich ältester Mensch war übrigens die Französin Jeanne Calment, die 1997 mit 122 Jahren starb.
Als beinahe ebenso schwer zu klären erwies sich für die Guinness-Leute die allererste Frage, wer nun schneller sei, der Goldregenpfeifer oder das schottische Moorschneehuhn. Erst nach 34 Jahren, die Gründer waren längst tot, rang man sich zu einer Antwort durch: Es ist das Moorschneehuhn. Zwar werde behauptet, ein Goldregenpfeifer habe schon einmal unschlagbare 117 Stundenkilometer erreicht. Aber das ließ sich nicht nachprüfen. Und dann kommt es auch nicht ins Guinness-Buch.












