Zeitung Heute : Gulasch und Kanonen

In der ungarischen Puszta werden Exiliraker ausgebildet – aber wozu?

Paul Kreiner[Taszár]

Die Wände des Garnisonsklubs von Taszár sprechen viele Sprachen. Da hängen die Einzelteile eines Schleudersitzes – auf der Nackenstütze eine russische Aufschrift. Daneben werben, auf Ungarisch, handkolorierte Plakate für den Faschingsball der Flieger-Veteranen und für das Mittagessen: 350 Forint die Mahlzeit, ein Euro 40. Und zuständig für die Sauberkeit der Toiletten – „Attention: wet floor“ – ist der Quartiermacher der US-Army, die Firma Brown & Root.

Das ehemalige Offizierskasino des Luftwaffenstützpunkts Taszár muss zu gulaschkommunistischen Zeiten der Stolz der kleinen Gemeinde gewesen sein – hier in der südungarischen Puszta, wo heute nicht viel mehr los ist als damals. Jetzt ist das Gebäude mit dem sozialistischen Sperrholzcharme das „Kulturhaus“ des Dorfes. Man müsste es mal wieder renovieren, klagt der Bürgermeister: Wenn die US-Army jetzt wieder den Flugplatz nutzt und mit ihren Lastwagen die Straßen ruiniert, dann sollten doch auch mal für den Ort ein paar Forint herausspringen.

Die beiden Amerikaner, die da eigens die 200 Meter vom „Gate 1“ ins Kulturhaus gekommen sind, weil sie niemanden zu sich auf das Militärgebiet lassen wollen, fühlen sich hier schon ganz heimisch. Major Robert Stern bestellt auf Ungarisch Kaffee und Cola. Stern ist freundlich, auskunftsfreudig ist er nicht. „Keine Zahlen, keine Termine, keine Details“, stellt er gleich klar. Aus Sicherheitsgründen, aber auch, weil sich das täglich ändern könne. Aber warum bilden die Amerikaner ausgerechnet hier in der Puszta Exiliraker aus? Stern antwortet nur: „Wir haben gute Freunde hier.“ Außerdem sei der Standort „great“. Aber eiskalt ist es auch, und Schnee gibt’s hier wie Sand in der Wüste? „Das Klima macht uns nichts aus.“ Und was lernen die Iraker eigentlich hier? „Selbstverteidigung, Kartenlesen, Dolmetschen, die Kommunikation mit der irakischen Bevölkerung herstellen, den verbündeten Streitkräften helfen.“ Die Iraker kämen aus allen Teilen der Welt, sagt der Major. Eine erste Gruppe, so gehen die Gerüchte, sei schon angekommen. Aber wie viele es tatsächlich sind, erzählt Stern nicht – vielleicht 50, vielleicht auch mehrere hundert. Laut Vereinbarung mit der ungarischen Regierung dürfen die US-Soldaten in Taszár bis zu 3000 Araber ausbilden.

Versteht der Major die Befürchtungen der Ungarn ringsherum, dass den Krieg anzieht, wer für den Krieg ausbildet? In der Bevölkerung wächst die Angst vor Terroranschlägen. Der Bürgermeister der Kreisstadt Kaposvár hat davon erzählt. „Ja, aber“, hakt Stern sofort ein, „er hat Ihnen bestimmt auch gesagt, dass das jetzt nicht mehr der Fall ist. Oder?“

Taszár besteht aus zwei Haupt- und ein paar Verbindungsstraßen, an denen kleinste Einfamilienhäuser aufgefädelt sind, ferner aus zwei Kneipen und dem Café „Zur süßen Anna“. Die Straßen enden an den Betonzäunen der Luftwaffenbasis und an dicken Stacheldrahtrollen – die aussehen wie idyllische Girlanden, in dicke Schneewatte gehüllt. Ein Blumengeschäft verhübscht den Betonwall. Der ehemalige Garnisonskindergarten hat das Grau mit Dschungelbuch-Malereien bekämpft. Von der ungarischen Vergangenheit des Stützpunkts künden Soldaten-Wohnbauten, von denen der Putz blättert. Seit 1995 sind die Amerikaner hier. Während des Krieges in Jugoslawien haben sie das verschlafene Dorf mit der dreieinhalb Kilometer langen, allwettertauglichen Piste zum größten Militärumschlagplatz seit dem Zweiten Weltkrieg gemacht, im Kosovokrieg sind sie von hier aus Kampfeinsätze geflogen.

„Damals hätten wir Angst haben sollen“, sagt der Direktor der Schule, Norbert Tóth. „Damals sind ja versehentlich ein paar Bomben runtergeflogen.“ Aber heute? „Die Leute sind den militärischen Flugbetrieb doch gewohnt.“ Tóth, kaum älter als seine Schüler, Typ Fußballer, hat in seinem Büro eine Karte von Großungarn in den Grenzen von 1914 aufgehängt: 53 Bezirke umfasste das Land damals, 19 sind ihm geblieben – der Verlust nagt bis heute. Wird im Unterricht über die Irak-Krise geredet? „Im Geschichtsunterricht, wenn ein Schüler Fragen aufwirft, werden die natürlich beantwortet.“ Und, schon in der Tür, sagt Tóth: „Wenn hier nicht so viele Journalisten auftauchten, würden wir überhaupt nicht denken, dass was los ist.“

Vergangene Woche hat die Presse einen Brief der obersten Bezirksärztin veröffentlicht: Alle Kollegen sollten ihr Wissen über Milzbrand auffrischen. Die Aufregung war groß, die Ärztin bekam ein Disziplinarverfahren an den Hals: Vor Grippeviren hätte sie warnen dürfen, aber Anthrax falle zur Zeit in die Zuständigkeit der Politik. Bezirkspräsident István Gyenesei nennt den Brief „überflüssige Panikmache“.

Er hat an diesem Morgen kaum Zeit, weil der „Nationale Sicherheitsrat“ des Bezirks tagt. Gibt es einen aktuellen Anlass? „Nein, nein“, wehrt er ab. Die Sicherheitslage habe sich nicht verändert, seit die Iraker da sind. Und der Bezirk tue viel, um die Risiken zu minimieren und die Bevölkerung zu beruhigen: Es gebe jetzt mehr Polizeistreifen in den Dörfern und gemeinsam mit den Amerikanern habe man sogar ein Bürgerbüro eingerichtet. Aber fragt man den dort Dienst habenden Offizier, welche Sorgen seine Landsleute denn auf dem Herzen hätten, bekommt man nur die Antwort: Alle Fragen werden weitergeleitet – nach Budapest und an die Amerikaner.

Nicht nur die Verschwiegenheit ist dieser Tage groß, es wird auch wieder gespitzelt wie seit der Wende nicht mehr. Bezirkspräsident Gyenesei hat, als er der Nutzung des Stützpunkts zustimmte, ausdrücklich um verstärkte Aktivität der Geheimdienste gebeten. Er ärgert sich über die Geheimniskrämerei hinter dem Betonzaun, aber er sagt auch, Ungarn habe dem Ersuchen der USA nicht ausweichen können. Er meint, die Ausbildung von Exilirakern sei noch die „leichteste und feinste“ Form des Beitrags, den die USA dem Nato-Partner Ungarn abverlangen konnte.

Der Bürgermeister ist da anderer Meinung. Anders als in der Kosovokrise gebe es doch diesmal kein internationales Mandat zur Vorbereitung eines Krieges. „Es gab so viele widersprüchliche Informationen darüber, was die Amerikaner in Taszár wirklich vorhaben. Zuerst hat man uns gesagt, sie schulten nur Dolmetscher. Heute hören wir, sie wollen Militärpolizisten ausbilden. Wir hoffen, dass das nun die ganze Wahrheit ist.“

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