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Günter de Bruyn über Heinrich Böll in der Berliner SchaubühneWer soeben aus dem Literarischen Colloquium und seinem "Tunnel über der Spree" hervorkriecht, vergißt sie leicht.Aber es gibt sie noch: Schriftsteller, die etwas mitzuteilen wissen, weil sie mancherlei auf dem Herzen haben.Ihre Energien fließen in erster Linie dem Werk zu.Sie stehen daher für das öffentliche Geschnatter nur begrenzt zur Verfügung.Gerade dadurch genießen sie aber oft eine bis zur Verehrung gesteigerte Aufmerksamkeit, weil sie uns nicht nur durch ihre Bücher bereichern, sondern darüber hinaus für manche Unbeträchtlichkeit entschädigen, die heute im Namen von "Literatur" daherkommt. Ein deutscher Autor, dem es mit seiner schnörkellosen Menschlichkeit, seinem durch feinen Humor gefilterten Formulieren der großen Fragen menschlicher Existenz und mit einer von intellektueller Prätention völlig freien Sparche gelingt, uns gefühlsmäßig zu berühren sowie gedanklich zu bewegen, wann immer er mit einem neuen Text hervortritt, ist der einundsiebzigjährige Günter de Bruyn.Zuletzt hat er uns mit seiner zweibändigen Autobiographie das geschenkt, was man früher ein "Hausbuch der Deutschen" genannt hätte: die bescheidene, gebildete - auch und gerade herzensgebildete - Selbstverständigung eines deutschen Intellektuellen in diesem Jahrhundert. So war es denn eine gute Idee von den Regisseuren der Berliner Festspiele, ihre Reihe "Die einen über die anderen", in der sich östliche Schriftsteller über westliche und umgekehrt bis zum Dezember in der Schaubühne äußern werden, mit dem großen brandenburgischen Erzähler zu eröffnen, wie es auch sinnvoll war, daß de Bruyn zum Gegenstand seiner sehr persönlich gehaltenen Porträtkunst Heinrich Böll wählte.Mit ihm wurde dem zahlreich zusammenströmenden Publikum ein Schriftsteller ins Gedächtnis gerufen, der wohl wie kein anderer als Repräsentationsfigur der alten Bundesrepublik gelten darf. "Die alte Bundsrepublik" - damit ist nicht nur die Ära Adenauer, ihre auf Westintegration und wirtschaftlichen Wiederaufbau gerichtete Anstrengung gemeint, wie de Bruyn hervorhob.Mit der "alten Bundesrepublik" erinnerte er auch an eine Gesellschaft, die noch unter dem Schock des Krieges und des Nachkrieges, der ungeheueren deutschen Verbrechen in der Zeit zwischen 1933 und 1945 stand.Stellvertretend für diese Menschen, die über dem allgegenwärtigen Ärmelhochkrempeln sich die Auseinandersetzung mit deutscher Schuld nicht nehmen lassen wollten, sprach und schreib damals Heinrich Böll.Dafür wurde er von alten Nazis und neuen (konservativen) Verdrängern heftig angegriffen.Das konnte jedoch auf Dauer seinem ungeheuren Renomée nichts anhaben: Böll wurde bald im In- und Ausland als moralische Instanz akzeptiert, eine Position, welche die junge Bundesrepublik übrigens dringend benötigte. Vor allem aber, und hier setzte de Bruyn seinen Akzent, wurde Böll für "die Stillen im Lande", für diejenigen, die sich von den mal mehr, mal weniger demokratischen Konstrukteuren einer "verwalteten Welt" - in Ost wie West! - überholt und überschrieen fühlten, zur "seelischen Hilfe".Ja, in Böll haben wir ein Beispiel dafür, daß Literatur eine Sache existentieller Selbstbestätigung zu sein vermag.Weniger in Zeitungen oder offiziellen Verlautbarungen konnte sich zu seiner Zeit wiederfinden, wen es zu Trauerarbeit, Nachdenken über die deutsche Geschichte und Skepsis im Hinblick auf den sozialen Fortschritt drängte.Aber in Bölls Büchern, so de Bruyn, wo der nicht-stromlinienförmige Zeitgenosse die Themen behandelt sah, die ihm selber wichtig waren. Böll, der half, "seelische Kriegsschäden zu überwinden", gilt de Bruyn als Musterbeispiel für einen Autor, der gelesen wird, weil man ihn braucht.Sogenannte "Kunstfehler" werden da sekundär.De Bruyn ermahnte Literaturleser wie -kritiker auch, nicht aus den Augen zu verlieren, daß Literatur nur dann wirkendes Wort sein kann, wenn sie uns beisteht bei dem, was uns umtreibt.Mit anderen Worten: De Bruyn sagte das Selbstverständliche, das auszusprechen offensichtlich so schwierig geworden ist, weil sich unsere Literatur leider so weit von aller seelischen Brauchbarkeit entfernt hat.

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