Zeitung Heute : Gute Geschichten und die Kraft der Mythen

LENNART PAUL

Filme des afrikanischen Festivals "Fespaco" im Berliner Haus der Kulturen der WeltVON LENNART PAULDurch das gesamte Berlinaleprogramm wandert der Blick, von den Filmen des Wettbewerbs über das Panorama und das Forum bis zum Kinderfilmfest.Doch kein Ort findet sich hier für den afrikanischen Film.Nirgends.Auf Asien guckt die weltweite Cineastengemeinde, mit der wachsenden Wirtschaft im Südosten des größten Kontinents wächst auch die Filmproduktion.Afrika aber interessiert niemanden. Gerade einmal eine Koproduktion zwischen Belgien und Benin schaffte den Sprung in das Programm des Forums, im Begleittext des Festivalprogramms unter der Überschrift "Orte der Welt" aufgelistet.Nein, eine Plattform für den afrikanischen Film ist die Berlinale weiß Gott nicht.Aber das sieht auf anderen europäischen Festivals nicht anders aus.Allein Cannes hält den Afrikanern Jahr für Jahr einige Leinwandstunden frei, vor allem für Werke aus ehemaligen französischen Kolonien.Und in Paris haben auch die meisten Produktionsfirmen afrikanischer Filme ihren Sitz. Seit 1969 aber verfügen die Afrikaner über ein eigenes Festival in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos.Heute findet das Festival unter dem Namen "Fespaco" alle zwei Jahre statt, im Wechsel mit den "Journées Cinématographiques de Carthage".Das "Haus der Kulturen der Welt" zeigt vom 13.Februar bis zum 29.März eine Auswahl der vor knapp einem Jahr in Ouagadougou präsentierten 170 Filme."Cinema Afrika" ist der Titel der Reihe, und der Veranstaltungsbeginn parallel zur Berlinale kann auch als Kommentar verstanden werden: Seht her, was ihr übergangen habt! Vergeßt nicht einen ganzen Kontinent! Aber vielleicht hat der afrikanische Film zu wenig Qualität, um auf Festivals präsentiert zu werden? Ja und nein.Obwohl die Entwicklung des afrikanischen Films nicht immer parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung verlief, läßt es sich nicht völlig leugnen, daß Filmkunst eben auch etwas mit Budgets zu tun hat.Und nicht jedes Thema kann mit ein Paar Dollar fünfzig angemessen umgesetzt werden.Außerdem sind viele Geschichten für europäische Augen unfilmisch inszeniert, die meisten afrikanischen Filmemacher nutzen die Möglichkeiten des Mediums nur wenig aus.Gerade das aber macht auch die Stärke der afrikanischen Filme aus.Selten werden die Bilder zum Selbstzweck, nie triumphiert die Form über den Inhalt.Die Langeweile purer Ästhetik bleibt dem Zuschauer erspart.Afrikanische Regisseure wollen vor allem eine Geschichte erzählen, und das meist sehr geradlinig. Ohne Zweifel entsteht so eine besondere thematische Qualität."Buud Yam", der Sieger des "Fespaco", läuft im Haus der Kulturen der Welt als Eröffnungsfilm.Regisseur Gaston Kaboré aus Burkina Faso beschwört traditionelle Lebenswelten und die Kraft der Mythen.Der junge Wend Kuuni muß sich aus seiner Dorfgemeinschaft lösen, um für seine kranke Schwester einen Heiler zu suchen.Seine Reise ist nicht nur eine Tour durch ein heiles Afrika, sondern auch eine Suche nach der eigenen Identität."Buud Yam" erzählt vom Afrika, wie wir es uns gerne vorstellen: runde Hütten, weite Buschlandschaften, geschlossene Dorfgemeinschaften, bunte Märkte, mächtige Heiler.Alle Politik bleibt ausgeblendet, Konflikte entstehen nur aus der persönlichen Konfrontation.Mythen und Legenden sind der gemeinsame Fluchtpunkt, auf den mehrere Filmemacher zusteuern.Den Vorwurf an den afrikanischen Film, er blende die Gegenwart aus und ziehe sich auf ein utopisches Afrika im Nirgendwo zurück, bestätigt die Reihe im Haus der Kulturen der Welt dennoch nicht.Armut und Landflucht, Aids, Unterdrückung und Folter, Bürgerkriegsopfer und Flüchtlingsschicksale in Europa, all das sind Themen des afrikanischen Kinos. In "Clando" aus Kamerun gerät ein Programmierer in die staatliche Foltermaschinerie, weil er politische Flugblätter kopiert."Kini & Adams" stammt von einem der wenigen auch in Europa bekannten afrikanischen Regisseure: Idrissa Ouédraogo aus Burkina Faso.Für die beiden Titelhelden wird ein schrottreifes Auto zum Symbol für die Flucht aus ärmlichen Verhältnissen.Sie wollen den Wagen gemeinsam wieder in Fahrt bringen und in der Stadt ihr Glück machen.Was als Komödie beginnt, endet in bitterem Sarkasmus.Eine gelungene Satire kommt aus Zaire.In einem imaginären afrikanischen Land herrscht ein Mobutu-Verschnitt, der sich seine langweiligen Tage mit dem Damespiel vertreibt.In seiner Nationalgarde findet sich niemand mehr, der ihm Paroli bieten kann, und so läßt er eines Nachts einen Mann aus den Slums in den Palast kommen, der ihn nicht nur besiegt, sondern auch beschimpft.Der Herrscher sieht sich der Stimme aus dem Volk hilflos ausgesetzt und überlegt, wie er sie zum Schweigen bringen kann. Mehrere Filme stellen Frauenschicksale in ihren Mittelpunkt.Die senegalesische Komödie "Tableau Feraille" erzählt, wie die beiden Frauen des jungen Politikers Daam sich aus der Umklammerung von Korruption und Familienleben lösen.Das dichteste Werk der Filmreihe, "Faraw, Mère de Sable" aus Mali, beschreibt einen Tag im Leben einer Frau aus dem Stamme der Songhaä.Faraws Mann ist schwer behindert, sie alleine muß ihre Familie ernähren.Bei den Händlern des Dorfes bekommt Faraw schon lange keinen Kredit mehr eingeräumt.Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich den verhaßten Fremden in der Stadt als Haushälterin anzubieten.Doch nichts ist ihr wichtiger, als im täglichen Überlebenskampf die Würde ihrer Familie zu bewahren. Gibt es den afrikanischen Film aber überhaupt? Lassen sich so verschiedene Länder wie Ägypten, Burkina Faso, Senegal, Kamerun und Angola durch einen Begriff bündeln? Nein und ja.Zunächst ist dieser Begriff des afrikanischen Films ein mühsames Konstrukt, vielleicht noch gezwungener als das des europäischen Films.Aber nicht nur die zahlreichen gemeinsamen Probleme schweißen die Filme zusammen.Überraschend viele Stoffe sind bewußt nicht an ein bestimmtes Land gebunden.Sie könnten in jeder afrikanischen Großstadt spielen, ihre Helden könnten Angehörige eines jeden Stammes oder einer jeden Nation sein.Das Gefühl, von der restlichen Welt ausgegrenzt zu sein, läßt ein gemeinsames afrikanisches Bewußtsein stärker erwachsen. Die Filmreihe wird am Freitag, 19 Uhr, mit dem Film "Buud Yam" im Haus der Kulturen der Welt eröffnet.

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