Zeitung Heute : Gute Großmutter

Susanne Kippenberger

Wenn sie ins Bett geht, schminkt sie sich: „Man weiß nie, vielleicht kommt im Traum ein Mann vorbei.“ Wenn sie ins Theater geht, dann richtig: Zwölfmal guckt sie sich Benno Bessons Inszenierung vom „Guten Menschen von Sezuan“ an. „Seltsame Sterne starren zur Erde“ heißt Emine Sevgi Özdamars jüngstes Buch, eine Zeile von Else Lasker-Schüler zitierend, „Wedding-Pankow 1976/77“ der Untertitel. Was sie beschreibt, hat sie selbst erlebt. Auch sie hat in den 70er Jahren die Türkei der Tyrannei verlassen, ist nach Berlin gegangen, hat im Westen in einer WG gewohnt, im Osten an der Volksbühne gearbeitet. Ihre Autobiografie kommt fast wie ein Märchen daher: voller Sehnsucht und Grausamkeit, und die (gute) Großmutter spielt eine Hauptrolle. Ein bisschen selbstverliebt ist es zuweilen, aus ihrer subjektiven Sicht vereinfacht: Ost-Berlin erscheint ihr wie ein Paradies der Menschlichkeit, Klaus Gysi ist der größte Charmeur auf Erden, die WG-Bewohner sind die Unreife in Person. West- und Ost-Berlin sind weiter entfernt voneinander als Berlin und Istanbul, deren Geräusche miteinander verschmelzen: Wecker, Vogelgezwitscher, Möwengeschrei. Ein Buch von großer Dichte und Wahrheit, das zugleich etwas Unwirkliches hat.

Emine Sevgi Özdamar: Seltsame Sterne starren zur Erde. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 248 Seiten, 19,90 €.

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