Zeitung Heute : Gute Menschen haben Lieder

SILVIA HALLENSLEBEN

In "On connait la chanson" läßt Alain Resnais über geborgte Gefühle singenVON SILVIA HALLENSLEBENEs gibt Filme, die machen einem schlagartig klar, warum Gott das Kino geschaffen hat.So ein Film war gestern abend im Cinema Paris zu sehen: "Les Demoiselles de Rochefort", ein Musical aus dem Jahre 1967 von Jaques Demy, das in Cinemascope, Sixties-Color und ohne Dolby-Surround die Leinwand in allen Farben des Regenbogens erleuchten und unter den Füßen der Deneuve und ihrer Mittänzer und -tänzerinnen erzittern ließ.Farbe, Licht, Bewegung.Ein Jahr später hat Demy mit den "Parapluies de Cherbourg" einen weiteren Schritt in Richtung Experiment unternommen, nämlich den von Anfang bis Ende durchgesungenen Film.Das kann lächerlich sein, aber auch wunderschön, und ein guter Ort, um dreißig Jahre später Alain Resnais anknüpfen zu lassen. Denn auch der französische Regie-Altmeister, der ja die Musik und auch das Experiment schon immer liebte, versucht in seinem neuestem Film Neues - und er setzt dabei auf Altbekanntes.Er macht einen Film mit Gesang, der doch kein Musical ist.Getanzt wird gar nicht, die Musik kommt aus der Konserve.Dabei werden einzelnen Dialogstücken im Playback-Verfahren ein paar Takte aus der Sorte von Schlagern unterlegt, die man auch bei uns Chansons nennt.Das läßt sich so vorstellen, daß, sagen wir, mitten im Ehestreit der Schauspieler Pierre Arditi beginnt, mit der Stimme von Alain Delon "Parole, Parole..." zu schmettern.Oder ein Mann, der sich gerade in eine Stadtführerin verguckt hat, verfällt für ein paar Sekunden in den Taumel bécaudscher "Natalie"-Beschwörung.Erstaunlich ist das nicht, schließlich hat man in und über Paris ja schon immer gern gesungen, eher amüsant.Und alle, wirklich alle, von Aznavour bis Sylvie Vartan sind mit von der Partie. Während die Tanz- und Gesangseinlagen im Musical die Handlung ja immer für eine Weile stillstellen und im Ausdruck auflösen, funktionieren die winzigen Chansonfetzen, auch wenn sie durchgängig Gefühle beschwören, hier eher als Distanzzeichen.Es sind geborgte, standardisierte Emotionen.Gefühlszitate, die dem Plot, der sich mit einigen Liebesränken um das Ehepaar Azéma / Arditi, eine kleine Schwester, einen Ex-Freund und zwei Immobilienmakler schlingt, etwas abgeklärt Schwebendes verleiht, das ihn wohltuend von vielen ähnlich angelegten Geschichten unterscheidet.Auch die Kamera setzt auf Distanz. Die kleine Schwester Camille, sie hat gerade eine Dissertation über ein gewichtig-verschrobenes historisches Thema beendet, trifft endlich den Mann, der echte Gefühle zu haben scheint.Einer der Immobilienmakler gibt sich als Rundfunkautor aus.Der andere hat die Traumwohnung anzubieten.Doch nichts ist hier so, wie es aussieht.Muß Camille darum in Marcs Gegenwart kotzen? In schrittweiser, doch stetiger Bewegung treibt dieser Film seine anfangs verstreuten Protagonisten aufeinander zu, bis sie am Ende auf einer turbulenten Party in dem Apartment weit über den Dächern von Paris kollidieren.Und die Wahrheiten, die dieser Abend entdeckt, treffen tief, und nicht nur die jeweils anderen.Über die Art der Verwicklungen sei nicht mehr verraten, als daß die Immobilienmakler dabei nicht gut wegkommen, Rundfunkautoren und Stadtführerinnen schon eher.Das ist sympathisch. Es scheint Regisseure zu geben, deren Filme mit zunehmendem Alter immer leichter und spielerischer werden.Alain Resnias, mittlerweile über siebzig Jahre alt, gehört offensichtlich dazu.In Frankreich, wo der Film im vergangenen Jahr startete, wurde er zu einem Riesenerfolg.Dabei ist "On connait la chanson" ein Film, der es nicht allzu leicht hat, die Sprachgrenze zu überschreiten.Einerseits lassen sich die Chanson-Clips kaum synchronisieren, auf der anderen Seite funktioniert das Potpourri der Anspielungen auch nur so recht, wenn alle Mitspieler mit den Grundlagen vertraut sind.Doch auch, wenn wir die Lieder nicht kennen: Es bleiben auch hier die Farben, das Licht, die Bewegung.Und Gesichter, die man anschauen mag.Ja, vielleicht ist das schönste an diesem Film, daß wir nie vergessen, daß wir im Kino sind. Heute 20 Uhr (Zoo), morgen 12.30 Uhr (Royal) und 21.15 Uhr (Urania), Mittwoch 20 Uhr (International)

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