Zeitung Heute : Gute Nachricht, schlechte Nachricht

MORITZ MÜLLER-WIRTH

Ringen ums Metropol-Theater: Erst wenn die Voraussetzungen stimmen, sollte das Haus an der Friedrichstraße einem neuen Betreiber übertragen werdenVON MORITZ MÜLLER-WIRTHDie gute Nachricht zuerst: Berlins Kultursenator Peter Radunski plant, Wort zu halten - und das im vergangenen Jahr geschlossene Metropol-Theater im Herbst wieder zu eröffnen.Radunskis Motive sind klar und aller Ehren Wert.Nach monatelanger Sichtung steht das Bewerbungsverfahren kurz vor dem Abschluß.Drei Kandidaten, so verlautet, seien in der engeren Wahl: Der Freundes- und Förderkreis um den früheren Intendanten Seiffert.Dann der ehemalige Betriebsrat, der sich in Sachen künstlerischer Leiter noch bedeckt hält.Und schließlich eine Tochter des Stuttgarter Unternehmens Dekra, bekannt durch die Abnahme von Kfz-Gutachten, ihrerseits Betreiber des neuen Festspielhauses in der Kurstadt Baden-Baden.In letzter Zeit deutete sich ein deutliches Prä für den externen Bewerber an, verspricht er doch, in Zusammenarbeit mit Investoren ein solides Finanzierungsmodell und Kooperationen mit dem Stammhaus in Baden-Baden.Und: In Sachen künstlerischer Leiter ist man nicht festgelegt.Auch dies könnte hilfreich sein. Allen drei Bewerbern mangelt es jedoch bisher offenkundig an einem klaren künstlerischen Profil.Das scheint man auch in der Senatskulturverwaltung erkannt zu haben.Wie anders wäre es sonst zu erklären, daß man vor kurzem von sich aus an einen weiteren Kandidaten herangetreten ist, der im vergangenen Jahr für einen, wenn nicht gar den Bühnenhöhepunkt in der Hauptstadt sorgte: Christoph Hagel, als Dirigent und Organisator verantwortlich für Katharina Thalbachs umjubeltes, subventionsfrei durchgezogenes und restlos ausverkauftes "Don Giovanni"-Projekt.Hagel, dessen Fähigkeiten als Orchesterleiter nicht unumstritten sind, dessen hohe Managementbegabung aber außer Frage steht, dieser Hagel kann natürlich ein künstlerisches Gesamtkonzept inklusive Leiter auch nicht aus dem Ärmel schütteln.Man traut ihm jedoch offenbar zu, durch sein enggeknüpftes Netzwerk Qualitätsprodukte in dem gebeutelten Haus zu realisieren.Er habe, so heißt es jedenfalls, nachträglich seine Bewerbung eingereicht, Finanzierungskonzept inklusive.In aller Eile. Und die ist in der Tat geboten, denn: Wird ein neuer Betreiber nicht gefunden, bevor die angelaufene sogenannte Gesamtvollstreckung abgeschlossen ist, müßte ein neuer Hausherr im Metropol den kompletten Personalbestand zum Zeitpunkt des Konkurses wieder übernehmen.Es klingt makaber und ist es auch: Unter diesen Voraussetzungen wäre die Chance, einen Investor zu finden, der wenigstens einen Teil der Arbeitsplätze erhalten hilft, nahezu aussichtslos.Das Ende des Gesamtvollstreckungsverfahrens ist aber offenbar nur noch eine Frage von Wochen, wird doch die "Kriegskasse" durch die Prozeßlawine gekündigter Metropol-Mitarbeiter belastet.Ist sie leer, endet das Verfahren. Also: vier Bewerber für ein, sowohl nach Meinung von Fachleuten als auch dem Augenschein nach baufälliges Haus; Investoren, die sich für ein attraktives Grundstück, auf dem nicht nur das Bühnenhaus Platz hat, interessieren, außerdem zugesagte Subventionen in Millionenhöhe.Wo ist das Problem? Es liegt in einer vom Kultursenator höchstselbst in seinem "Kreisepapier" lange vor dem Kollo-Konkurs ins Spiel gebrachten Lösung, der Zusammenarbeit zwischen Helmut Baumanns Theater des Westens (TdW) und dem Metropol.Angesichts der aktuellen Entwicklungen bekommt diese Lösung neuen, beträchtlichen Charme.Erstens: Baumanns Vertrag läuft zum 31.Juli aus.Bislang liegt keine Anschlußvereinbarung vor.Ihn in Berlin zu halten, da besteht kaum Zweifel, ist oberste Senatoren-Pflicht.Zweitens: Mit der bis 1999 auf 15 Millionen (1995: 24,8 Millionen) Mark gekürzten Subventionssumme wird das TdW auf Dauer nicht überleben können.Genausowenig wie das Metropol in seiner bisherigen Konstruktion mit 25 Millionen Mark.Eine Kooperation, das Zusammenlegen der Verwaltungen, vielleicht auch der Tanzkompagnien oder der Orchester, könnte für beide Häuser überlebensnotwendige Einsparungen erbringen.Außerdem könnten die Werkstätten des Metropol auch für das TdW Bühnenbilder bauen.Wer Baumann kennt, weiß, daß er diesen Plänen nur unter einer Voraussetzung zustimmen würde: die Leitung eines solchen Großunternehmens müßte bei ihm liegen.Und: (auch) er würde gewiß ein baulich marodes Haus nicht übernehmen wollen.Baumann weiß, daß er mit der programmatischen Leitung beider Häuser überfordert wäre.Unabhängig davon täte eine belebende Brise jugendlicher Unbeschwertheit dem schwerfällig gewordenen Betrieb der leichten Muse nicht schlecht, wie das Beispiel der Neuköllner Oper unter Peter Lunds Regie beweist.In jedem Fall müßte das Metropol-Theater mit eigenem Ensemble und eigener künstlerischen Leitung ausgestattet werden.Neben Kagel gibt es dafür noch andere Namen in der Stadt.Peter Lund ist nur einer von ihnen. Fest steht jedenfalls: Eine Wiedereröffnung des Metropol-Theaters, die nicht in dem gleichen Desaster enden soll wie das Experiment "Kollo", ist nur zu verantworten, wenn über die finanziellen, künstlerischen und baulichen Gegebenheiten Klarheit herrscht.Die künstlerische Seite ist zumindest bei den bisherigen Bewerbern offen, die finanzielle aufgrund der nicht absehbaren Entwicklung des Kulturhaushaltes fraglich.Die bauliche Seite schließlich stellt zumindest für den Fall einer Sanierung bei laufendem Spielbetrieb ein erhebliches Risiko dar.So könnte die gute Nachricht einer schnellen Wiedereröffnung rasch zu einer schlechten werden.Warum sollte es andererseits nicht möglich sein, mittelfristig mit offenbar bereitstehenden Investoren (auch die "Hanseatica"-Gruppe soll ihre aus der Wendezeit rührende Affinität noch nicht ganz abgelegt haben), einem ausgeruht erarbeiteten künstlerischen Konzept und den zur Verfügung stehenden Subventionsmillionen das Metropol-Theater nach einer baulich-schöpferischen Pause in neu-altem Glanz wiederzueröffnen? Die Subventionsgelder müßten dabei zur Renovierung des Hauses verwendet werden - und dürften keinesfalls als Verschiebemasse mißbraucht werden, und seien die Begehrlichkeiten noch so groß.Es wäre geradezu absurd, müßte der Kultursenator das baufällige Metropol nur deshalb übereilt wieder eröffnen, um Übergriffen der Finanzsenatorin vorzubeugen. Zum baulichen Zustand wurde im übrigen vor nicht allzulanger Zeit von kompetenter Seite folgendes festgestellt: "Das Gebäude (...) verfügt nicht über die technischen Möglichkeiten, die an einen modernen (und wirtschaftlich effizienten) Theaterbetrieb zu stellen sind." Eine Renovierung, so wird veranschlagt, würde bis zu 100 Millionen Mark verschlingen.Zusammenfassend wird festgestellt, daß "innerhalb der nächsten fünf Jahre das Land eine Total-, zumindest jedoch eine kostenintensive Teilsanierung des Gebäudes vornehmen oder das Metropol-Theater an einen anderen Standort (wird) umsiedeln müssen." Zu lesen ist dies im sogenannten Kreisepapier des Kultursenators vom 9.September 1996.

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