Zeitung Heute : Gute Noten allein sind noch keine Eintrittskarte

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Hervorragende fachliche Kompetenzen – im Falle von Schul- und Hochschulabsolventen also 1-A-Zeugnisnoten – sind eine Sache. Doch sie allein öffnen für Bewerber nicht mehr automatisch jede Tür – und schon gar nicht die zum Arbeitsplatz der Wahl. Der aktuelle Arbeitsmarkt versetzt die Personalverantwortlichen in die Lage, nach dem rundum geeigneten Kandidaten für eine zu besetzende Stelle Ausschau zu halten.

Und rundum geeignet heißt, dass auch auf die so genannten weichen Faktoren – heute überwiegend „Soft Skills“ genannt – geachtet wird: soziale Kompetenz, Fähigkeit zur Problemlösung, Mobilität oder Flexibilität. Diese Eigenschaften sind fast überall unverzichtbar geworden. Ganz besonders wichtig aber sind sie bei der Arbeit in Projekten. Die immer wieder neu und aus ganz unterschiedlichen Disziplinen zusammengestellten Teams können nur dann bestmögliche Ergebnisse liefern, wenn die Chemie untereinander stimmt. Die Charaktere müssen harmonieren, die Vorstellungen und Werte der einzelnen Mitwirkenden sollten nicht grundsätzlich verschieden sein.

Umso erstaunlicher ist für Nicole Göttlicher, „dass die gängige Einstellungpraxis der Personaler diesem Interesse an den Softskills wenig Rechnung trägt“. Die Sprecherin des Düsseldorfer Karriere-Portals Stepstone verweist auf eine Umfrage ihres Hauses bei Personalchefs von knapp 150 deutschen Unternehmen. Danach steht bei der Mitarbeiterrekrutierung das Einzelgespräch eindeutig an der Spitze. Fast alle befragten Personaler (92 Prozent) bevorzugen das Vier-Augen-Gespräch. In Unternehmen aus dem technischen Bereich gilt dies sogar zu 100 Prozent.

Die für eine Evaluierung von Soft-Skills vermutlich sehr viel besser geeigneten Methoden wie etwa Rollenspiele, Gruppengespräche, psychologische Tests oder auch Assessment-Center spielen bei den Personalchefs so gut wie keine Rolle. Nicole Göttlicher weiß: „Durch ein Einzelbewerbungsgespräch beispielsweise die Teamfähigkeit eines Kandidaten zu erkennen, erscheint mir nahezu unmöglich. Auch Konfliktfähigkeit und Verhandlungsgeschick lassen sich nur durch mehrstufige Rekrutierungs-Events wie AC oder Recruiting-Workshops erkennen. In vielen Unternehmen – gerade in kleinen und mittleren Betrieben – verfügt die Personalabteilung jedoch nicht über genügend Kapazitäten für solche komplexen Bewerbungsverfahren. In den Einzelgesprächen bleiben dann wichtige Erkenntnisse über die Soft Skills eines Kandidaten verborgen. Das Vorhandensein oder Fehlen zeigt sich unter Umständen erst im Joballtag.“

Die Folgen können fatal sein. Eine Stelle ergattert zu haben, für die man zwar fachlich bestens geeignet ist, in der man aber ansonsten kreuzunglücklich nur dem Feierarbend entgegenarbeitet, bedeutet für niemanden einen Gewinn. Der betroffene Arbeitnehmer leidet, das Team wird geschwächt und die Umsatz- und Ergebnisplanung des Unternehmens wird zur Makulatur.

Soft Skills werden noch aus einem anderen Grund immer wichtiger: 73,8 Prozent der von Stepstone befragten Personalchefs sind der Überzeugung, dass fehlende Soft-Skills für Produktivitätsverluste im Unternehmen verantwortlich sein können. Bei einer Umfrage des Wiesbadener Gallup Institutes kam sogar heraus, dass fünf von sechs Arbeitnehmern „unengagiert“ sind. Die Haltung, zwar „pflichtbewusst“ zu arbeiten, sich aber dem Unternehmen nicht „verbunden“ zu fühlen, kostet die Volkswirtschaft laut Gallup jährlich tund 223 Milliarden Euro – das entspricht beinahe der Größenordnung des Bundeshaushaltes. Auf den einzelnen Mitarbeiter bezogen entsteht ein Schaden von bis zu 12000 Euro jährlich. Nachvollziehbar, dass die Betriebe diese vermeidbaren Kosten sparen wollen und schon bei der Mitarbeiterrekrutierung auf Soft Skills achten. Doch natürlich sind Eigenschaften wie Selbstbewusstein oder Durchsetzungsvermögen keine festen Größen. Sie sind abhängig von der jeweiligen Funktion und der aktuellen Aufgabenstellung im Betrieb. Deshalb steht die Förderung von Soft-Skills auch auf der Weiterbildungs-Agenda der Unternehmen ganz weit oben (siehe Grafik).

Immer mehr Arbeitgeber gehen einen ganz anderen Weg. Weil die Messinstrumente zur Erhebung von Soft Skills umstritten oder zu teuer sind, und weil auch die Weiterbildungsbudgets zunehmend gekürzt werden, setzen Personalchefs verstärkt auf das Allround-Instrument Praktikum. „95 Prozent der Firmen vergeben Praktika“, weiß Hans-Bernd Graupner, langjähriger Berater bei Kienbaum und Autor von „Karriere – einsteigen, aufsteigen, umsteigen“ (Haufe Verlag, Freiburg 2002, 24 Euro 95). rch

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