Zeitung Heute : Guten Vorsätzen nachweinen

Von Elisabeth Binder

-

IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Der zweite Sonntag eines neuen Jahres ist klassischerweise der Todestag der allermeisten guten Neujahrsvorsätze. Bis dahin liegt noch so ein Nachwehen von feiertäglicher Stille in der Luft, die gut geeignet ist, das Streben nach Besserem also zum Beispiel auch danach, ein besserer Mensch zu werden, zu halten und zu binden. Das Problem mit dem Guten ist nämlich, dass man sich immer wieder daran erinnern muss, dass man es will. Weihnachten, Silvester, Neujahr, kein Problem. Und in der letzten Feiertagsrallye schon mal gar nicht mit all den arbeitnehmerfreundlichen Wochenenden ringsum. Wenn aller Stress durch ausgedehnte Ruhetage selber unter Stress gerät, dann ist es leicht, ein Bild zu entwerfen, von dem nicht rauchenden, nicht saufenden, immer offenen, freundlichen, hilfsbereiten, zielstrebigen, niemals trödelnden, sparsamen, durch und durch positiven Menschen, der man sein könnte.

Ab morgen ist Schluss damit, denn dann geht es wieder richtig los. Kein Platz mehr für Erinnerungen. Die letzten Nachzügler sind aus dem Urlaub zurück, die Teilzeit-Berliner aus Politik und Wirtschaft konkurrieren wieder mit den Alteingesessenen um Parkplätze, das Ringen um Aufmerksamkeit startet voll durch, in den Kaufhäusern geht die Schnäppchenjagd in die Endrunde, und in manchen Büros, so steht zu fürchten, werden die an den ruhigen Tagen auf Eis gelegten Aggressionen mal wieder richtig ausgetobt. Alles beim Alten also.

Haben Sie sich mal gefragt, warum in früheren Epochen Einsiedler oft besonders gute Chancen hatten, zu Heiligen zu avancieren? Wahrscheinlich doch deshalb, weil sie in ihren Einsiedeleien alle Muße der Welt hatten, sich zu erinnern an das Gute, das sie aus sich herausholen wollten. Gab ja kein Telefon, kein Fernsehen, kein Cinemaxx, keine 60-Stunden-Wochen, keine hoffnungslos überfüllten Terminkalender da draußen. Nicht mal Fotohandys soll es gegeben haben. Nur alle Zeit der Welt und nichts Bestimmtes, was einer, der sich für diese Art Leben entschieden hat, damit hätte anfangen müssen. Kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen, ohne völlig schwindelig zu werden. Jemand, der nie drei Anrufbeantworter gleichzeitig in Schach halten musste, weiß wahrscheinlich gar nichts von der Schwere des Lebens außerhalb der guten Vorsätze.

Prominente, die ja immer unter dem Zwang stehen, schön vorbildlich zu sein, weil sie sonst Ärger mit ihren PR-Agenten bekommen, geben beim Thema Vorsätze gern an, dass sie sich mehr Zeit nehmen wollen. Für Freunde und Bekannte, die ja mal Freunde werden könnten. Für Hobbys. Für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Zum Beispiel das Leben selbst.

Morgen, glauben Sie mir nur, morgen spätestens ist es damit wieder vorbei. Wenn Sie kurz vor Ladenschluss mit hängender Zunge ein Frustschnäppchen in Gestalt schöner Schuhe verschmähen, weil die Zeit lediglich noch reicht, eine Packung Vollkornbrot und eine Schachtel Teebeutel zu kaufen, weil es im Büro wegen eigentlich unnötiger, aber dafür sehr schön zeitraubender Streitigkeiten wieder viel zu spät geworden ist… Dann, ja dann schließen Sie in der ultimativen Kassenschlange einen Moment die Augen und streuen ein Vergissmeinnicht auf das Grab der guten Vorsätze. Ist auch eine Art Anfang.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben