Zeitung Heute : Gutenbergs Erbe wiegt schwer

BERNHARD SCHULZ

Noch sind Zentralbibliotheken wie die Staatsbibliothek oder die neue Bibliotheque Mitterand gebaute Symbole einer Kulturnation.Ob sie es bleiben, müßte auch hierzulande erörtert werden VON BERNHARD SCHULZ

Bibliotheken gelten, solange der Mensch schriftliche Aufzeichnungen bewahrt, als kollektives Gedächtnis; Nationalbibliotheken aber, wie sie die Neuzeit ersonnen hat, als "Gedächtnis der Nation".So jedenfalls wird die Bibliotheque nationale in Frankreich genannt.Daraus mag man den Umfang der Diskussion erahnen, den Mitterrands einsamer Beschluß seinerzeit auslöste, die angestammte Bibliothek im Herzen von Paris nicht etwa zu erweitern, sondern durch einen Neubau zu ersetzen.Am heutigen Dienstag nun findet die Ära Mitterrand ihren symbolischen Abschluß, wenn dessen Amtsnachfolger Chirac den Neubau einweiht, dem er den Namen seines geistigen Urhebers zugedacht hat. Berlin wünschte sich einen solchen Augenblick wie den in Paris, an dem die Grande nation ihren kulturellen Anspruch zelebriert.Auch Berlin besitzt eine Bibliothek, die unter dem Namen Staatsbibliothek eine vergleichbare Rolle beansprucht.Sie ist, wie alles in der Zeit der gespaltenen Stadt, zwischen Ost und West geteilt worden.In West-Berlin entstand der Scharoun-Bau an der Potsdamer Straße, im Osten verblieb, im Krieg schwer beschädigt, der Altbau.Die Wiedervereinigung bescherte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Trägerin ein gewaltiges, doppeltes Problem: soll der Altbau in früherer Pracht wiedererstehen, mit Kuppel und darunterliegendem Lesesaal wie bei den Vorbildern von Paris und London? Soll ferner die Bibliothek auf zwei Standorte verteilt bleiben, in anderer Systematik zwar als derzeit, aber eben doch räumlich getrennt? Der Selbstverständlichkeit der Wiederaufbauentscheidung hat der Bundestag als Finanzier mittlerweile einen Dämpfer gegeben.Die Kostenschätzungen erreichen, je mehr Bauschäden zutage treten, mit bis 1,5 Milliarden DM astronomische Höhen.Das Konzept der "einen Bibliothek in zwei Häusern" steht auf dem Prüfstand.Dummerweise hat der Senat in der ersten Vereinigungseuphorie die Baulandreserven neben der "Stabi" zugunsten von Investorenvorhaben beschnitten.Eine Erweiterung des "goldenen Bücherbuckels" stieße ihrerseits an absehbare Grenzen.Nicht mehr ausgeschlossen ist, daß die mittlerweile eingesetzte Fachkommission einen gänzlich neuen Neubau vorschlagen wird: eine verzwickte Lage, wie sie Mitterrand vor einem Jahrzehnt in Frankreich zu entscheiden hatte. Damit rücken grundsätzliche Fragen in den Blick.Gutenbergs Erbe wiegt gewiß schwer.Doch muß das Wachstum der Bestände immer weitergehen - zumal im beschleunigten Tempo der unabsehbar steigenden Buchproduktion? Müssen die - vom Zerfall bedrohten - Bestände seit dem Beginn der industrialisierten Buchproduktion im 19.Jahrhundert, koste es was es wolle, zur Gänze erhalten werden? Vor allem aber: bleibt das Buch, bleibt das gedruckte Wort Träger der kulturellen Überlieferung? Solche Fragen werden in Frankreich erwogen.Mit dem Neubau der Bibliotheque Francois Mitterrand geht eine Epoche zu Ende: die der unbestrittenen Vorherrschaft des Buches als des wichtigsten Kulturvermittlers.In einem Land, dem die geschliffene, die druckreife Sprache über alles geht, fällt der Abschied von der hergebrachten Rangskala kultureller Werte besonders schwer.Die neue Bibliothek wird sich aller heutigen Informationsmedien bedienen, und sie wird ihren Benutzern den Gebrauch dieser Medien neben, auf mittlere Sicht aber auch anstelle des Buches anbieten, das sie in so gewaltiger Anzahl beherbergt. Womöglich wird die Bibliothek ihre Rolle als "Gedächtnis der Nation" zwar nicht einbüßen, aber doch mit den elektronischen Medien teilen müssen.Womöglich werden mehr und mehr solche Interessenten eine National- oder Staatsbibliothek aufsuchen, die nicht in allererster Linie die Information, sondern deren historisch gewachsenen Träger in Form des bedruckten Papiers suchen.Noch sind Zentralbibliotheken gebaute Symbole der Kulturnation.Ob sie es aber in jener selbstverständlichen Weise bleiben, wie sie den homme de lettres Mitterrand vor Jahren zu seiner milliardenteuren Neubauentscheidung bewogen hat, müßte auch hierzulande erörtert werden.In Berlin geht es um mehr als eine Bauentscheidung und die Bewilligung von Geldern.Es geht auch um das kulturelle Selbstverständnis - und um den Zukunftsentwurf unseres Landes.

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