Zeitung Heute : Guter Ort für Dichter

KERSTIN DECKER

Vor ein paar Jahren fuhr Volker Koepp in die Landschaft Johannes Bobrowskis.Es entstand "Kalte Heimat".Kein Johannes-Bobrowski-Film.Grenzlandschaften faszinieren ihn, sagt Koepp nach der Premiere von "Herr Zwilling und Frau Zuckermann".Darum wollte er auch nach Czernowitz.Wo liegt Czernowitz? Mal in Österreich, mal in Rumänien, mal in Rußland oder jetzt in der Ukraine.Also nirgends wirklich.Paul Celan kam aus Czernowitz.Guter Ort für Dichter.Mag sein, daß Volker Koepp wegen Celan losgefahren ist, aber er wußte gleich, daß es kein Paul-Celan-Film werden sollte.Als er in Czernowitz ankam, kannte Koepp Herrn Zwilling und Frau Zuckermann noch nicht.Diese zwei von der Zeit Vergessenen.Erst wenn Herr Zwilling und Frau Zuckermann nicht mehr da sind, wird die k.u.k.-Monarchie endgültig vorbei sein.

Herr Zwilling hat ein großes, dunkles Melancholikergesicht, damit steht er noch heute vor jungen Ukrainerinnen und erklärt ihnen in düstrem ukrainisch gefärbtem Russisch die Aldehyde und was in der Chemie sonst noch so vorkommt.Aber jeden Abend zwischen sechs und zehn geht Herr Zwilling zu Frau Zuckermann.Und dann sprechen sie nur noch jenes k.u.k.-Czernowitz-Deutsch, das in jedem Wort schon wie hingehaltener Untergang ist, morbides Großbürgertum, kränkelnder Salon.Sie nennt ihn "meinen Ritter mit dem traurigen Gesicht"; er nennt sie wohl Frau Zuckermann.Frau Zuckermann sagt, ihr Ritter bringe ihr seit vielen Jahren jeden Tag eine Hiobsbotschaft.Frau Zuckermann ist Jüdin, neunzig und Optimistin.Herr Zwilling ist Jude, etwas jünger und von Geburt an Pessimist.Volker Koepp ist mit seinen langen Einstellungen immer dabei.Als ob er Geschichtszeit, Erinnerungszeit und Filmzeit eins zu eins haben will.Nicht in allen Filmen geht das auf, aber Herr Zwilling und Frau Zuckermann füllen seine großen, ruhigen Bilder bis zum Rand.

Dazwischen Szenen eines zögernd wiedererwachenden jüdischen Lebens in Czernowitz.Kinder, die lernen, was ihre Eltern längst vergaßen: das Judentum.In einer Stadt, die noch immer dasteht wie ein östliches halbvergessenes Wien.Unbeschädigt, nur verwittert, alt geworden wie Herr Zwilling und Frau Zuckermann."Es ist Zeit, daß sich der Stein zu blühen bequemt", schrieb Paul Celan.Wenn das geschieht, dann hier.Frau Zuckermann hat viele Bücher von Paul Celan.Aber ihr Herz, dieses neunzigjährige, den Dichtern geneigte Herz, gehört noch immer Rainer Maria Rilke.Rilke, sagt Frau Zuckermann, sei doch einfach viel schöner als Celan.Sagt diese Frau, die das schwerste aller möglichen Leben in der schlimmsten aller möglichen Städte hatte.Eben in Czernowitz.Nach dem Kaiser kamen die Deutschen, dann die Rumänen, die Russen.Und alle deportierten die Juden von Czernowitz.

Volker Koepps Film ist sehr lang.126 Minuten.Aber welche hätte er weglassen sollen?

Heute, 19.30, Akademie der Künste

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