Zeitung Heute : Guttenberg geht in die Offensive

Verteidigungsminister setzt Kapitän der Gorch Fock ab / Mutter der toten Soldatin erstattet Strafanzeige

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Berlin - Verteidigungsminister Karl- Theodor zu Guttenberg (CSU) versucht den Befreiungsschlag. Nach dem Unfalltod einer 25-jährigen Offiziersanwärterin auf der Gorch Fock und Berichten über eine angebliche Meuterei hat Guttenberg Kapitän Norbert Schatz als Kommandant des Segelschulschiffs abgesetzt. Guttenberg ordnete außerdem die sofortige Rückkehr des Dreimasters nach Kiel an. Die Zukunft des legendären Schiffs ist ungewiss, eine Stilllegung nicht ausgeschlossen. Der Minister war durch diesen Vorfall, den mysteriösen Tod eines deutschen Soldaten in Afghanistan kurz vor Weihnachten und die Meldung von geöffneter Feldpost in den vergangenen Tagen stark unter Druck geraten.

Nach Rückkehr in den Heimathafen Kiel soll das Schiff bis auf Weiteres nicht mehr auslaufen. Dies gelte, bis eine Kommission auch unter Mitwirkung des Bundestags beurteilt habe, „inwieweit die Gorch Fock als Ausbildungsschiff und Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren Zukunft hat“. Seine Entscheidung begründete Guttenberg am Samstag in Koblenz mit den Worten: „Nach einer derartigen Häufung von faktisch erschütternden Berichten kann niemand zur Tagesordnung übergehen.“

Mitglieder der Stammbesatzung der Gorch Fock sollen Kadetten drangsaliert haben. Auch zu sexuellen Übergriffen soll es gekommen sein. Im November war die 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage 27 Meter tief in den Tod gestürzt. Anschließend soll vier Auszubildenden laut einem Bericht des Wehrbeauftragten Meuterei vorgeworfen worden sein. Kapitän Schatz wurde von Marineinspekteur Axel Schimpf telefonisch über seine Abberufung informiert.

Die Entscheidung Guttenbergs traf auf ein geteiltes Echo. Die Verteidigungsexpertin der FDP-Bundestagsfraktion, Elke Hoff, lobte sein rasches Handeln: „Minister Guttenberg hat die notwendigen und korrekten Entscheidungen getroffen“, sagte Hoff. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP), hält die Entscheidung „aus fürsorgerischen Gründen für richtig“. Auch der Chef des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, sstimmte zu: Wenn jemand so in der Kritik stehe, dann sei das Vertrauensverhältnis derart belastet, dass es günstiger sei, „ihn aus der Verantwortung zu nehmen“, sagte Kirsch dem Sender MDR Info. Anschließend müssten die Dinge allerdings genau analysiert werden, „um dann die richtigen Schlüsse ziehen zu können“.

SPD-Wehrexperte Rainer Arnold kritisierte dagegen, dass die Entlassung über die „Bild“-Zeitung bekannt gemacht und das Parlament „wieder einmal nicht informiert wurde“. Der sicherheitspolitische Sprecher der Grünen- Bundestagsfraktion, Omid Nouripour, sagte, noch am Freitag habe Guttenberg erklärt, es werde von seiner Seite „keine Vorverurteilungen aufgrund von Medienberichten geben, es gelte, die Ermittlungen abzuwarten – und jetzt tut er genau das.“

Die Mutter der Toten erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ausbilder: „Wie konnten die Vorgesetzten Sarah so hoch in die Wanten schicken, obwohl sie noch gar nicht richtig angekommen war?“, fragt Annika Seele im „Spiegel“. Am 5. November sei ihre Tochter nach rund 20-stündiger Reise in Brasilien eingetroffen, erst früh am nächsten Morgen habe sie schlafen können. Schon am Morgen des 7. November habe der Drill begonnen. Auch der Bundeswehrführung macht Seele Vorwürfe: „Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb.“ Sie vermute Vertuschung und habe Strafanzeige gegen die Bundesrepublik wegen fahrlässiger Tötung erstattet.

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