Guttenbergs Prüfer : Scham als Fußnote

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Ich schäme mich“ hatte Honorar-Professorin Annette Schavan vorige Woche bekannt, was tags drauf dazu führte, dass der Ex-Doktor Karl- Theodor zu Guttenberg seinen Minister-Hut nahm. Fast 35 000 Doktoranden („Verhöhnung der Wissenschaft“), ein engagierter Bayreuther Professor Lepsius („einem dreisten Betrüger aufgesessen“) und schließlich auch Ministerin Schavan: Die Wissenschaft hatte großen Anteil daran, dass der Plagiator aus dem Amt gejagt wurde. „Gutt so!“

Doch das Schämen will nicht aufhören. Denn trotz des Abgangs bleibt die Frage unbeantwortet: Wie konnte es dazu kommen? Offenbar war es Guttenberg gelungen, mit einer Arbeit, bei der selbst die Einleitung geklaut ist, zwei der renommiertesten deutschen Juristen so zu überzeugen, dass diese ihm die Bestnote „summa cum laude“ gaben, dem Freiherrn mithin herausragende wissenschaftliche Leistungen attestierten. Haben sie den Schmu nicht bemerkt – oder wollten sie ihn nicht sehen?

Die beiden Gutachter, die Professoren Peter Häberle und Rudolf Streinz, haben jetzt eine bemerkenswerte Erklärung abgeliefert. Dass sie die Plagiate nicht erkannten, liege an der Unzulänglichkeit des Internets. Stattdessen wird die Suchmaschine Google zum Mittäter. Diese habe 2006 noch keine so „feinjustierten Suchmethoden“ aufgewiesen, erinnern die Professoren. Als ob 2006 eine Ewigkeit her wäre und die Aufdeckung jeglichen Betruges letztlich nur eine Ableitung des technischen Fortschritts. Haben Häberle und Streinz die Arbeit überhaupt gelesen? Warum fiel ihnen der massenhafte Stilbruch nicht auf, der den Bremer Professor Fischer-Lescano überhaupt erst auf die Idee brachte, dass da was nicht stimmen kann? Der hat das Werk erst studiert und dann die Technik bemüht. Häberle und Streinz hingegen stellen fest, die Überprüfung von Dissertationen mit technischen Mitteln sei seinerzeit „nicht üblich“ gewesen. Nicht üblich wo? In ihrem Lehrstuhl? Oder nur bei Kandidaten mit besonderen Namen? Bei Sponsoren gar?

Guttenberg mag verschwunden sein. Der merkwürdige Eindruck, den seine Arbeit hinterlässt, ist es nicht. Was ist ein wissenschaftlicher Titel noch wert, sind manche in der Wissenschaft gleicher als andere? „Summa cum laude für ein solches Werk“, sagt der Berliner Professor Stefan Hornbostel, „das ist sehr erklärungsbedürftig.“ Höchster moralischer Anspruch sei bei Guttenberg erhoben worden. Nun müsse sich die Wissenschaft selbst an diesen Maßstäben messen lassen. Sonst, sagt Hornbostel, „wird es massive Glaubwürdigkeitsprobleme geben“. Schämen ist dann wohl nicht mehr genug. Antje Sirleschtov

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