Zeitung Heute : Gysi, Gauck und Horch & Guck

MATTHIAS SCHLEGEL

Gregor Gysi, der Chef der PDS-Bundestagsgruppe, verliert vor dem Bundesverfassungsgericht und gewinnt eigentlichVON MATTHIAS SCHLEGELSein Vorwurf war hinfällig geworden, nachdem der Untersuchungsausschuß zur Bewertung von Gysis MfS-Kontakten auf Grund einer Nachfrage aus Karlsruhe dem PDS-Mann die Frist zu seiner Stellungnahme verlängert hatte.Zuvor hatte der Ausschuß mit immer neuen Verzögerungen seines Abschlußberichtes und der Zerstrittenheit über dessen Fazit auf sich aufmerksam gemacht.Kurz, im Fall Gysi hat sich das parlamentarische Gremium bislang nicht mit Ruhm bekleckert. Noch erinnert man sich auch der Debatten über den von der Gauck-Behörde vorgelegten Bericht zu den Stasi-Kontakten des früheren Rechtsanwalts.Der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde selbst mußte sich immer wieder vorwerfen lassen, er habe seinen Auftrag mißbraucht, indem er vorschnelle Bewertungen vorgenommen und Informationen in bestimmte Medien lanciert habe.Jüngst erreichte die Kritik an den Aktenverwaltern einen vorläufigen Höhepunkt, als der Schriftsteller Jürgen Fuchs mit einem mühsam als Roman deklarierten Sachbericht das ohnehin angeschlagene Image der Behörde garstig demolierte. Man mag zu Gysi stehen wie man will.Und man mag das, was Untersuchungsausschuß und Gauck-Behörde leisten, bewerten wie man will.Aber wenn Pannen und Mißgriffe solcher Gremien den fundierten und rechtsstaatlich legitimierten Versuch, DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten, diskreditieren, ist das schädlich für das politische Klima in diesem Land.Denn es spielt jenen über die Maßen in die Hände, die - aus welchen Motiven auch immer, oft aus eigennützigen - den Sinn solcher Beschäftigung mit dem Vergangenen generell in Frage stellen und ihr das Odium der Hexenjagd andichten wollen.Gerade deshalb ist es unverzichtbar, daß dort, wo diese diffizile Arbeit geleistet wird, eben nichts passiert, was den Anspruch und Auftrag von Objektivität, Unabhängigkeit und strenger Wissenschaftlichkeit zerstört. Blauäugig wäre, die allgegenwärtigen Versuche zu übersehen, aus der Vergangenheitsaufarbeitung parteipolitisch Kapital zu schlagen.Natürlich bedienen sich die Parteien ganz massiv nicht nur des Themas, sondern auch der Personen, die es repräsentieren.Um so wichtiger ist für eine Behörde, wie die, der Gauck vorsteht, absolute Durchschaubarkeit der Verwaltungsabläufe, der inhaltlichen Schwerpunkte, der personellen Struktur zu gewährleisten.Nur damit vermag sie etwa dem ernstzunehmenden Vorwurf begegnen, den Westen betreffende Recherchen würden verschleppt und behindert. Schließlich: Wenn ein ärgerlicher Streit wie der zwischen Gauck und Fuchs letztlich auf das Niveau eines ominösen geheimdienstähnlichen Dossiers über den Roman des früheren Bürgerrechtlers abrutscht, freuen sich die Kritiker diebisch.Die Aufgabe dieses Hauses verträgt sich eben nicht mit einer Beamtenhaftigkeit, die sich andernorts als trutziges Fundament der Republik bewährt haben mag.Es ist eine merkwürdige Vorstellung, daß sich auf Ärmelschonern Schriftzüge aus Opferakten abdrücken. Hunderttausende Ostdeutsche haben mittlerweile von ihrem Recht Gebrauch gemacht, mehr über ihre Vergangenheit zu erfahren, als sie in ihr selbst erfahren haben.Sie waren entsetzt, verstört, ernüchtert und belustigt.Das, was die Gegner anfangs als Szenario voraussahen, trat nicht ein: Selbstjustiz und Racheakte.Mindestens ebenso wichtig ist das, was die Behörde im wissenschaftlichen Bereich leistet, was sie der Öffentlichkeit an Informationen und Denkanstöße über das Funktionieren einer Diktatur gibt. Setzen wir voraus, daß die Stasi-Unterlagenbehörde als ein Mosaikstein im Puzzle, aus dem sich das Bild über die untergegangene DDR zusammensetzt, unverzichtbar ist: Welche Alternativen hätte es gegeben, ihre Arbeit zu organisieren? Man hatte keinerlei Erfahrungen.Von Beginn an wurde darüber gestritten, ob es richtig sei, das Insiderwissen ehemaliger Stasi-Mitarbeiter heranzuziehen.Aber hätte man darauf verzichten können? Andere Länder, die ihre verschlossenen Aktenberge noch immer wie einen Klotz am Bein herumschleppen, kommen mittlerweile in die Normannenstraße, um zu lernen.Aber genau damit ist man dort selbst noch nicht fertig.

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