Zeitung Heute : Haare schneiden

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Ich bin der Schrecken aller Friseure. Nicht wegen meiner Haare, die sind nicht weiter furchterregend. Nein, wegen meines Munds.

Zum Friseur zu gehen, ist Luxus für mich, dafür zahle ich ja auch, und nicht zu knapp. Eine Auszeit, wo ich selber nichts tun muss, nicht bügeln, nicht telefonieren, keine Artikel schreiben, wo ich meine Ruhe haben und lesen will: die Zeitschriften, die ich mir nie kaufen würde, von „Wallpaper“ bis „Vogue“, wenn’s sein muss, auch Arbeitsunterlagen.

Der Stuhl ist keine Couch für mich: Ich gehe nicht zum Friseur, um einem wildfremden Menschen mein Herz auszuschütten. Nie würde ich wie meine Stuhlnachbarin am Wochenende anfangen, von meinem Ex-Freund zu erzählen und meiner Wohnsituation und meinem Job. Ich habe keine Lust, von meinen Urlaubsplänen zu berichten oder mir anderer Leute Reiseerlebnisse anzuhören. Ich gehe zum Friseur, damit meine Haare und ich hinterher besser aussehen. Und um das Nichtstunmüssen in Ruhe zu genießen. Im Schweigen bin ich Weltmeister.

Ich glaube, Friseure hassen mich dafür. Einmal hat sich eine von ihnen gerächt, indem sie sich mit ihrer Kollegin am anderen Ende des Salons unterhalten hat, so kreischend wie möglich. Jetzt am Wochenende war ich in einem neuen Laden in Mitte, wo ich ziemlich lange friedlich schweigen durfte. Die Friseure in dem Salon, darauf sind stolz, nehmen sich Zeit für ihre Kunden. Das müssen diese allerdings auch: dreieinviertel Stunden in meinem Fall. Genügend Zeit, drei Zeitschriften und ein ganzes Buch zu lesen.

Anschließend bin ich ins Deutsche Theater gegangen, in Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Die Aufführung kann ich nur empfehlen, da lernt man eine Menge über Reden und Schweigen. Dort traf ich auch die Freundin, die mir am Tag zuvor erklärt hatte, ich müsse unbedingt was mit meinen Haaren machen. „Du wolltest doch zum Friseur gehen!“, meinte sie vorwurfsvoll, als sie mich sah.

Eugene O’Neills Theaterstück wird am Samstag wieder im DT aufgeführt, Tel. 284 41-225.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben