Zeitung Heute : Habel

Teltower Rübchen mit Karottenstroh

Elisabeth Binder

Habel Weinkultur, Luisenstr. 19, Mitte, Tel. 280 984 84, geöffnet montags bis samstags von 12 Uhr an. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das anmutige Arrangement von Weinkorken auf den Fensterbänken sieht schon mal viel versprechend nach ausgiebig durchzechten Nächten aus. Trotz der eher dunkelbraunen Einrichtung wirkt das Lokal luftig und modern. Bunte Rebenposter an den Wänden, kleine Gestecke auf den blanken Tischen und die lustig zu kleinen Jacketts gefalteten dunkelroten Servietten: Die Weinkulturstube Habel, die sich auf eine 225-jährige Tradition in der Gegend nahe den Linden beruft, empfängt ihre Gäste mit einem kleinen Augenzwinkern. Schön, dass ausreichend Platz ist zwischen den Tischen, so dass man den Nachbarn nicht auf dem Schoß und am Ohr hängen muss. Kerzen flackern in Messingständern, große, oben abgerundete Spiegel geben dem Raum Weite.

Die teils dekorativ verteilten Weinvorräte scheinen unermesslich. Der Wein des Monats wird halbliterweise im Tonkrug offeriert, es handelt sich um einen unaufgeregten, sanften Montepulciano (6,50 Euro). Vorweg gibt es frisches Baguette und Vollkornbrot mit winzigen, harten Kügelchen aus dreierlei Sorten Butter, dazu einen frischen, offenen Sekt vom Schloss Vaux im Rheingau (5,50 Euro). Den hat auch die Queen bei ihrem Berlinbesuch serviert bekommen.

Die Weinkarte richtet sich an unprätentiöse Genießer, die Preise bewegen sich überwiegend in den 20ern, mit einer guten Auswahl deutscher, französischer, italienischer und österreichischer Weine plus einigen notwendigen Ergänzungen aus Chile, Australien, Südafrika.

Dazu kann man praktischerweise vom Antipasti-Teller oder aus einer Käseauswahl naschen, man kann aber auch richtig essen. Der Stil wird geprägt von gebremster Deftigkeit. Die Rahmsuppe von Teltower Rübchen mit Karottenstroh war in ihrer Konsistenz eine überwältigende Streicheleinheit für die Zunge und schmeckte sehr gut, vielleicht weil sie sich sündhaft kalorienreich anfühlte (4,50 Euro). Kräftig war die Gänsekraftbrühe mit Sherry und säuerlichen Thymian-Grießnocken (3,50 Euro). Die Medaillons vom Seeteufel schmeckten frisch und waren bissfest zubereitet. Dazu gab es Kräuter-Risotto und jede Menge glasierter Karottenscheiben (17 Euro).

Das nächste Gericht brüstete sich mit zu vielen in der Schale belassenen Kartoffeln (Bamberger Hörnchen), die rings um den Teller drapiert waren und die pikante Insel in der Mitte fast erschlugen: schneeweißes, nicht zu saures Rahmsauerkraut, darauf ein kräftig-köstliches Gemisch aus gebratener Blut- und Leberwurst, das noch mit Wurstchips aufgelockert und mit einem definitiv sauren Apfelring gekrönt war (9,50 Euro). Die moderne Aufbereitung alter Hausmannskost ist leider noch zu selten, dies ist daher ein guter Ort, an den man Besucher hinführen kann, die das alte Berlin in zivilisierter Form erleben wollen.

Auf die Frage, was er als Dessert empfehlen könne, verblüffte uns der stoisch-nette Oberkellner. Zunächst nannte er Reis Trauttmansdorff mit Rumtopf. Auf unsere Befürchtung, dass das zu schwer sein könne, bot er spontan an, zwei Portionen Obstsalat zu machen. Es kamen dann auch relativ rasch zwei Müsli-Schalen voll mit Würfeln von Äpfeln und Orangen, mit dunklen Weintrauben und einer Kapkirsche sowie Pistazienstreuseln oben drauf. Vielleicht verdankten wir diesen unverhofften Genuss der Tatsache, dass in dem Lokal auch ein Frühstücksbüffet angeboten wird. Obstsalat ist auf jeden Fall ein so angenehmes Dessert, dass es viel häufiger an Stelle von Tiramisu oder Eisbechern angeboten werden sollte (3 Euro).

Habel Weinkultur ist dem alten Wein Guy gefolgt und liegt zwar im Regierungsviertel, aber nicht an einer Stelle, wo man es ohne weiteres entdeckt. Wer seinen Wein liebt, wird es aber für einen Blick in den Stadtplan für wert befinden, denn man kann dort ein vollklimatisiertes Weinschließfach mieten, in dem auch Flaschen gelagert werden dürfen, die nicht im Hause gekauft wurden. Für die 300 Euro, die das im Jahr kostet, kann allerdings eine Menge Merlot ungelagert die Kehle runter fließen. Auch ohne Schnickschnack kann man sich hier durchaus wohl fühlen. Nur finden muss man es halt.

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