Zeitung Heute : Härte nach Plan

Um die Hisbollah-Miliz militärisch zu verdrängen, nimmt Israel sogar deren politische Stärkung in Kauf

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Israel macht den Rückzug der Hisbollah-Miliz aus dem Südlibanon und die Freilassung zweier Soldaten zur Bedingung für einen Waffenstillstand. Welche politische Strategie verfolgt die israelische Regierung?


Blutlachen bedecken den Boden des Bahndepots auf dem Gelände des Hauptbahnhofs von Haifa. „Als wir ankamen, haben wir die vielen Leichen in ihrem Blut gesehen“, sagt ein Feuerwehrmann. Mit gut einem Dutzend Raketen hat die libanesische Hisbollah-Miliz die Stadt am Sonntag getroffen. In der Decke des Depots klafft ein Loch. Acht Bahnmitarbeiter wurden getötet. „Das erinnert an den Jom-Kippur-Krieg, als Syrien den Norden Israels bombardierte“, heißt es im Militärrundfunk.

Die in Haifa eingeschlagenen Raketen wurden nach Einschätzung des stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten Schaul Mofas in Syrien hergestellt. „Das sind syrische Waffen“, sagte er bei einem Rundgang durch das Depot. Aus israelischen Sicherheitskreisen hatte es zuvor geheißen, die Hisbollah habe für den Angriff Raketen aus dem Iran eingesetzt.

Israels Regierungschef Ehud Olmert kündigte nach dem Beschuss von Haifa „weit reichende Folgen für die gesamte Region“ an. Die israelische Regierung will zwar einen offenen Krieg mit Syrien vermeiden. Sie möchte aber, dass Syrien und vor allem der Iran gezwungen werden, ihre Unterstützung für die Hisbollah einzustellen. Die proiranische Miliz im Südlibanon soll aus israelischer Sicht nicht mehr länger als Befehlsempfänger Teherans agieren können. Viele Experten und auch die Armeespitze in Tel Aviv sind davon überzeugt, dass die Hisbollah Anweisungen aus dem Iran bekommt.

Eine gängige These in israelischen Regierungskreisen lautet, Teheran wolle mit dem derzeitigen Konflikt von der eigenen Atomfrage ablenken. Als Bestätigung wird das G-8-Treffen gewertet, das eigentlich dem Iran gelten sollte und sich jetzt auf den Nahostkonflikt konzentriert. Der libanesische Drusen-Führer Walid Dschumblat hat mit seiner überspitzten Formulierung vom Sonntag durchaus recht. Er sagte: „Dies ist kein Krieg zwischen Israel und dem Libanon, sondern ein Krieg zwischen Israel und dem Iran.“

Für das eigentliche strategische Ziel Israels in diesem Konflikt gibt es in Jerusalem noch keine gemeinsame politische Sprachregelung. Aus Olmerts Umgebung ist zu hören, man wolle „die Hisbollah liquidieren“ und deren Führer Hassan Nasrallah töten. Generalstabschef Dan Halutz stößt ins gleiche Horn; er sagt, es gelte „die Hisbollah auszurotten“. Olmerts Stellvertreter Mofas erklärt, es sei das Ziel, die Hisbollah aus dem Südlibanon „zu entfernen“. Er formuliert schlagzeilenträchtig für das Ausland: „Hisbollah ist Al Qaida, Nasrallah ist Bin Laden.“ Auch andere Minister sind sich sicher: „Nasrallah beendet diesen Krieg nicht als Lebender.“

Offiziell allerdings heißt es in Jerusalem, Nasrallahs Tod sei kein Kriegsziel. Das physische Verschwinden des charismatischen Hisbollah-Chefs von der nahöstlichen Szene ist es aus israelischer Sicht aber sehr wohl – wenn auch zum Beispiel durch „Flucht nach Teheran“.

Klar ist zumindest, dass die israelische Armee bei ihrer raschen Reaktion auf die Aktionen der Hisbollah nicht unvorbereitet handelte. Wie es aussieht, agiert sie nach detaillierten Plänen, die sie offenbar nur aus der Schublade ziehen musste. Nach Angaben der Hisbollah wurde auch der Überfall auf Nordisrael – Entführungen bei gleichzeitigem heftigen Raketenbeschuss auf breiter Front – fünf Monate im voraus geplant.

Offiziell hält die israelische Regierung an ihrer Forderung fest, die libanesische Regierung solle die fast zwei Jahre alte Uno-Resolution 1559 umsetzen, welche die Entwaffnung und Auflösung der Hisbollah-Milizen fordert. Doch in Jerusalem und auch im Armee-Hauptquartier in Tel Aviv weiß man, dass Beirut dazu angesichts der militärischen Stärke der Hisbollah nicht in der Lage ist – zumindest nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Dementsprechend will sich die israelische Führung darauf konzentrieren, die Hisbollah bei anhaltendem, massiven Waffeneinsatz radikal zu dezimieren. Das könnte die Hisbollah umgekehrt politisch sogar stärken. Doch in Israel ist man bereit, diese Konsequenz zu tragen. Nach Angaben von Verteidigungsminister Amir Peretz geht es darum, „dass die Wirklichkeit geändert wird, dass unser Hinterland nicht mehr bedroht wird“. Ein ähnliches Ziel verfolgt die israelische Regierung auch hinsichtlich des Gazastreifens, beziehungsweise der umliegenden israelischen Ortschaften. Die blutigen Kämpfe im Süden sind durch das Geschehen im Norden fast in Vergessenheit geraten.

Allerdings: Das heutige Israel verfolgt nicht mehr dieselben Ziele wie während des Libanonkriegs 1982. „Nein, wir wollen keine ,Neue Ordnung’ im Libanon“, heißt es in Jerusalem energisch. „Wir wollen eine Veränderung des Kräfteverhältnisses. Wir wollen mehr als nur einen Status Quo der Ruhe.“

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