Zeitung Heute : Härte und Poesie

VOLKER LÜKE

Herb: Barkmarket aus New York lärmen im TrashDie lieblichen Schallwellen der Love Parade sind kaum abgeklungen, schon kommt eine Rockband in die Stadt gedonnert, um den Spieß mit maximalem Ballerfaktor umzudrehen.Barkmarket aus Brooklyn fletschen ihren Sound wie Mike Tyson seine Zähne: herb.Das Powertrio gehört zur letzten Lärmgeneration New Yorks, also in eine Reihe mit White Zombie, Unsane, Cop Shoot Cop oder Jon Spencers Blue Explosion, die sich um die Entfaltung einer Krachmusik bemühen, wie sie uns von Lou Reeds "Metal Machine Music" über die Auswüchse der "No-Wave-Szene" bis zu den Swans und Sonic Youth vorgestellt worden ist. Verantwortlich für den Aufruhr von Barkmarket ist David Sardy, nicht nur Songwriter, Gitarrist und Sänger, sondern auch ein Soundtüftler und Toningenieur, der schon für Public Enemy und Slayer die Regler bedient hat.Aus dem einstigen Solo-Projekt ist längst eine echte Rockband gewachsen, bei der die Produktionsexzentrizitäten Sardys einem eher songorientierten Komponieren Platz gemacht haben, allerdings nicht ohne ganz auf Tüfteleien zu verzichten.Konzipiert als größtmögliche Dichte von Härte werden auch auf dem aktuellen Album "L.Ron" mutierte Slide-Gitarren mit bedrohlichen Schleifgeräuschen konfrontiert, Tapeschlaufen rückwärts eingespielt und mit allerlei Loops bombastisch anmutende Soundklötze zusammengezimmert. Bei ihrer Live-Präsentation im Trash müssen die ausgetüftelten Studiotricks allerdings der Bühnentechnik geopfert werden.Dafür werden die giftigen Attacken auf die Ohrmuscheln, Magengruben und Nervenbündel im Publikum mit einer großen Portion Spaß aufgeladen.Dabei sehen die beiden unterernährten Mitstreiter von Sardy aus, als seien sie gerade aus einem Gully in Brooklyn gekrochen, um mal kurz Hallo zu sagen.Aber ihren Job machen sie sehr gut - der Baß dröhnt gegen die Erdrotation, und das Schlagzeug schlägt gescheite Zäsuren, damit nicht alles davonfliegt, während sich ihr Bandleader mit plärrender, leicht überkandidelter Brüllstimme durch ein psychotisches Prediger-Szenario wälzt.Eine Tortur für jeden, der weiß, daß man die Welt auch verstehen kann, andererseits aber auch Mittel einer Ausdrucksweise, die noch nicht abgeschlossen ist.Insofern: verblasene Standard-Kneipen-Hauruck-Musik at its best. Und nebenbei hat man noch Zeit für lustige Ansagen gefunden: "The next song is about Michael Jacksons dick - I wrote it with Peter Maffay and Udo Jürgens." Ja, sie haben den Humor gelbäugiger Bisamratten und wir haben noch ein Weilchen weitergelacht, bis die Polizei das Konzert mit der ersten Zugabe für beendet erklärt.Pünktlich wie die Feuerwehr.VOLKER LÜKE

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