Zeitung Heute : Häßler und die 120 Prozent

KLAUS ROCCA

NIZZA .Er wirkte irgendwie zerknittert, fast wie ein Häufchen Unglück.Man spürt es: Thomas Häßler ist mit sich und der Fußball-Welt unzufrieden.Vielleicht aber sieht das heute abend in Montpellier schon ganz anders aus.Der Bundestrainer, so Thomas Häßler, habe ihm in einem Gespräch Hoffnung gemacht, daß er heute gegen die Iraner dabeisein werde.Eine vage Hoffnung, gewiß, aber in Thomas Häßlers Situation ist auch der berühmte Strohhalm willkommen.

Beim Auftaktspiel im Praiser Prinzenparkstadion gegen die USA war der kleine Berliner 50 Minuten dabei.50 Minuten, in denen das Spiel an ihm vorbeilief.Fast schien es für ihn eine Erlösung zu sein, als er dann, leicht angeschlagen, das Spielfeld verlassen und Dietmar Hamann Platz machen mußte."Ich hatte mich selbst zu sehr unter Druck gesetzt", resümierte Häßler gestern.Und weiter, mit einem Schuß Ironie in der Stimme: "Es war sicher nicht mein bestes Spiel." Mitnichten.

Nun, da alle über den "Weichling" Andreas Möller lästern, da dieser auch gegen die "Jugos" orientierungslos über den Rasen des Stadions von Lens lief und dann wie Häßler Tage zuvor mit den harten Kanten der Reservebank vorliebnehmen mußte, könnten Häßlers Aktien steigen.Die Kreativ-Abteilung im Mittelfeld könnte heute gefragt sein.Zu der gehört Häßler zweifellos.Doch er weiß auch, daß er sich steigern muß."Zu 120 Prozent", sagt er.Wieviel auch immer das sein mag.

Diese Tiefs, sie sind symptomatisch für "Icke", wie sie ihn rufen.Bei der Europameisterschaft vor sechs Jahren in Schweden bewahrte er mit seinem glänzenden Freistoßtor die Deutschen im Duell mit der GUS-Auswahl vor einer Auftakt-Blamage, wurde später zum besten Spieler des gesamten Turniers gewählt.Vor vier Jahren bei der Weltmeisterschaft in den USA rutschte der "Fußballer des Jahres 1992" wieder ins Leistungstief.Häßler verlor das entscheidende Kopfballduell mit Jordan Letschkow, das zum 2:1-Siegtreffer der Bulgaren im Viertelfinale führte.Vor zwei Jahren bei der EM in England trug er nicht allzu viel zum Titelgewinn bei und spielte zeitweilig sogar mit dem Gedanken an Rücktritt.Bundestrainer Berti Vogts hatte Mühe, ihn davon abzubringen.Knöchelbruch, Haarriß im Wadenbein, Abstieg mit dem Karlsruher SC - es gab noch viele Tiefs.

Nach dem Vertrag mit Borussia Dortmund schien Häßler den Kopf frei zu haben.Zudem, Mittelfeld-Offensivkräfte wie Mario Basler und Mehmet Scholl wurden von Vogts ignoriert, Häßlers Chancen waren gestiegen.Er hat sie bislang nicht genutzt."Wir sind von uns selbst enttäuscht", sagt er.Betont dieses "wir", Möller mit einbeziehend.Zwei Frustrierte, gemeinsam auf die Vogtssche Gnade hoffend.Wohl wissend, daß in dessen Kalkulation die Defensiven, die sogenannten "Staubsauger" vor der Abwehr bessere Karten haben.

Auch heute? Alles ist offen, ließ der Bundestrainer gestern vor dem Abflug nach Montpellier wissen.Auch für Thomas Häßler.Man spürt, er will es allen zeigen, was er noch immer kann."Man muß mir nur die Chance dazu geben".Es klingt fast flehentlich.Wie tags zuvor bei Andreas Möller.Einen "psychologischen Knacks" habe er, Möller, nicht.Das sagt auch Teamkollege Häßler.Er sei topfit, körperlich und mental.Mit diesen Worten haben sich schon viele empfohlen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar