Zeitung Heute : Häufig herrscht das Chaos

GUNTER BECKER

"Deutsche Unternehmen haben panische Angst davor, das Internet als Marketing- und Vertriebsinstrument zu nutzen." Christoph Räthke hält mit seiner Meinung über den hiesigen E-Commerce-Markt nicht hinterm Berg.Er ist Projektleiter und Konzepter bei der Berliner Multimediaagentur Melle Pufe Online und hat selbst keine Angst davor, potentielle Kunden zu verprellen.Ganz im Gegenteil: "Wir wollen nicht um jeden Preis verkaufen, sondern mit den Kunden an den Projekten arbeiten und Probleme beseitigen", begründet er seine harten Worte.Zudem stützt Räthke seine Kritik auf Zahlen.Im Februar hat Melle Pufe Online die Internetaktivitäten von mehr als 140 bundesdeutschen Unternehmen auf den Prüfstand gestellt.Die Ergebnisse veranlaßten die Autoren dazu, ihre Untersuchung mit "Kardinalfehler bei der Entwicklung von Internetauftritten" zu betiteln.Ab Mitte Oktober steht die Marktanalyse im Netz ( www.melle-pufe.de/special ).

Vorab: Die Mehrzahl der befragten Firmen, nämlich 67 Prozent, waren selbst unzufrieden mit ihrem Internetauftritt - sie hatten sich wesentlich mehr vom Gang ins Netz erwartet.Glücklicherweise förderte die Befragung aber auch gleich einige Gründe für die Erfolglosigkeit vieler kommerzieller Websites zutage.Erstaunlich, wie planlos und unentschlossen gestandene Unternehmen ihre Premiere im neuen Medium gestalten.Ohne einen klaren Geschäftsbereich definiert zu haben, schieben sie das Thema zwischen EDV- und Marketingabteilung hin und her.Bei 80 Prozent der untersuchten Firmen gab es keine klar definierte Online-Stelle mit klaren Verantwortlichkeiten und eigenem Budget.Schlimmer noch, oft werden kuriose Stabsstellen eingerichtet und mit Mitarbeitern aus den verschiedensten Bereichen besetzt, vielleicht sogar noch unter der Führung fachfremder Projektleiter.Unter einer solchen Konstellation werde das firmeneigene Online-Projekt dann zur "Trockenübung im spekulativen Raum", kritisiert die Studie.Die fehlende Infrastruktur erklärt vielleicht auch, warum 18 Prozent der Firmen nur sporadisch auf Mails reagieren, 53 Prozent immerhin nach 2-3 Wochen und nur 24 Prozent im Verlauf von 48 Stunden nach Eingang.Christoph Räthke räumt allerdings auch sofort ein, daß sich dies langsam ändert: "Es wächst die Einsicht in die Notwendigkeit eigener Strukturen.Unser Kunde Scheering hat zum Beispiel eigens für seinen Netzauftritt redaktionelle Mitarbeiter und Systemadminstratoren eingestellt".Das ist ratsam, weil große Sites ohne permanente Pflege schnell zu digitalen Ruinen verkommen.

Melle Pufe Online hat drei Problemfelder lokalisiert, die das Internet im Betrieb zum Frust- statt zur Lustthema verkommen lassen: Die fehlende innerbetriebliche Planung, die mangelnde Entwicklung und Pflege der Webseiten und schließlich die schlecht koordinierte Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern, Agenturen und Providern.Zudem stünden die Online-Aktivitäten oft isoliert neben den klassischen Vertriebs- und Marketingwegen."Cross Promotion" und "Cross Marketing", die Kombination klassischer und "neuer" Werbe- und Vertriebskampagnen seien vielen Verantwortlichen noch Fremdworte."Vertrieb ist in Deutschland eine ganz heilige Sache und läuft in Strukturen ab, die so unantastbar sind wie die katholische Kirche", beklagt Räthke.Deshalb dürfe das Internet hierzulande bestenfalls den klassischen Vertrieb unterstützen, attraktive eigenständige Online-Vertriebswege seien oft noch tabu.

"Der Handel im Netz braucht Sonderaktionen und Benefits", fordert er und nennt als Beispiel den Online-Auftritt der US-amerikanischen Foto-Kette Wolf Camera ( www.wolfcamera.com ).Dort gibt es - nur in der digitalen Filiale - Entwicklungsgutscheine zum Ausdrucken, Kamera-Sonderangebote und aktuelle Sonderposten.Daß die harte Kritik am Online-Gebaren deutscher Unternehmen natürlich auch ein hervorragendes Verkaufsargument für die eigenen Dienstleistungen ist, will Projektleiter Räthke gar nicht ableugnen.Zumal Melle Pufe Online mit einer "Qualitätskontrolle" der Kundensites und systematischer Weiter- und Ausbildung der Kunden auch umfangreiche Supportangebote im Portfolio hat.

Infos zur Studie "Kardinalfehler bei der Entwicklung von Internetauftritten" bei Christoph Rädtke unter rathke@melle-pufe.de oder unter Telefon 030 284 04 319.

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