Zeitung Heute : Haiti befürchtet bis zu 200 000 Tote

Regierung: Bereits 50 000 Leichen geborgen / UN sprechen von „Katastrophe historischen Ausmaßes“

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Berlin - Das Erdbeben der Stärke 7 vom vergangenen Dienstag in Haiti ist nach Ansicht der Vereinten Nationen (UN) die schlimmste Katastrophe, mit der die Weltorganisation jemals zu tun hatte. Zu dieser Einschätzung kommt die Sprecherin des Büros zur Koordinierung humanitärer Einsätze, Elisabeth Byrs. „Dies ist eine Katastrophe historischen Ausmaßes“, sagte sie am Samstag in Genf.

Unterdessen sind die internationalen Hilfsmaßnahmen, die durch extrem schwierige Bedingungen vor Ort behindert sind, angelaufen. US-Truppen übernahmen am Samstag das Kommando über den Flughafen von Port-au-Prince und koordinieren an diesem logistischen Nadelöhr die eintreffenden Hilfsflüge. Wegen der schlechten Versorgung im Katastrophengebiet kommt es immer häufiger zu Plünderungen und Überfällen.

Neuen Schätzungen zufolge könnten bis zu 200 000 Menschen bei dem Beben ums Leben gekommen sein. „Wir haben bereits etwa 50 000 Leichen geborgen“, sagte der haitianische Innenminister Paul Antoine Bien-Aime am Samstag, vier Tage nach der Katastrophe. Die genaue Zahl der Todesopfer werde man wohl nie kennen. Sollte sich die hohe Zahl bestätigen, wäre das Beben eines der zehn schwerwiegendsten der Geschichte. 1,5 Millionen Menschen sind nach Schätzung der Regierung obdachlos geworden. Allein in Leogane, einer Stadt mit 134 000 Einwohnern westlich von Port-au-Prince wurden 90 Prozent aller Häuser zerstört.

Die Chance, Überlebende zu bergen, verringerte sich angesichts der Tatsache, dass ein Mensch nur etwa drei Tage ohne Wasser auskommen kann, drastisch. Dennoch vermelden die Rettungskräfte immer wieder Erfolge. So holten britische Helfer am Freitag ein zweijähriges Mädchen lebend aus den Trümmern eines Kindergartens. Am Samstag erschütterte ein starkes Nachbeben das Land.

Haitis Präsident René Préval bedankte sich für die weltweit angelaufene Hilfe und bedauerte zugleich, dass bislang so wenig bei den Bedürftigen angekommen sei. Der Präsident und die Regierung, deren Amtssitze bei dem Erdbeben weitgehend zerstört wurden, sind in einer Polizeikaserne am Flughafen untergebracht.

Die USA wollen bis Montag insgesamt 10 000 Soldaten zum Hilfseinsatz abstellen. Sie stützen sich dabei auf den Flugzeugträger „Carl Vinson“, der am Freitag vor der Küste Haitis ankerte. US-Präsident Barack Obama sprach von einer der „größten Hilfsaktionen“ in der Geschichte der USA. Gemeinsam mit seinen beiden Amtsvorgängern George W. Bush und Bill Clinton rief er die amerikanische Bevölkerung zu Spenden auf. Die neu gegründete Stiftung „Clinton Bush Haiti Fund“ soll die Sammlung koordinieren. US-Außenministerin Hillary Clinton traf am Samstag in Port-au-Prince ein, um sich über die Lage zu informieren.

Deutschland erhöht seine Hilfszusage für Haiti auf 7,5 Millionen Euro. Darin sind 2,5 Millionen Euro für Nahrungsmittelhilfe enthalten, zwei Millionen davon gehen an das Welternährungsprogramm (WFP). Außerdem finanziert das Auswärtige Amt den Aufbau einer mobilen Klinik, die das Deutsche Rote Kreuz am Samstagmorgen nach Haiti geschickt hat. Das Technische Hilfswerk hat nach Angaben von Außenminister Guido Westerwelle (FDP) inzwischen zwei Trinkwasseraufbereitungsanlagen in Betrieb, mit denen 60 000 Menschen versorgt werden können. Westerwelle sagte, dass die meisten Deutschen in Haiti inzwischen gefunden worden seien, allerdings würden noch 30 Menschen vermisst. „Wir haben heute erfahren, dass es einen toten Deutschen gibt“, sagte Westerwelle. Weitere Informationen gab es zunächst nicht.

Die UN richteten 15 Zentren für die Auslieferung von Hilfsgütern ein. Viele Menschen sind traumatisiert und warten verzweifelt auf Hilfe. Tausende Leichen wurden nach Medienberichten am Freitag mit Lastwagen aus der Stadt gebracht und in einem Massengrab nahe der Hauptstadt beigesetzt. mit AFP, rtr, dpa

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