Haiti : Das erschütterte Land

Am 12. Januar vor drei Jahren bebte in Haiti die Erde, das arme Land liegt seither in Trümmern. Es gilt als „Republik der NGOs“. Die Hilfsorganisationen haben die Macht übernommen - und bringen die Bevölkerung in neue Abhängigkeiten.

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Gewalt der Natur. Zwei Hurrikane fegten 2012 über Haiti hinweg. Die Wassermassen machten viel von dem zunichte, was nach dem Erdbeben aufgebaut worden war. Foto: dapd
Gewalt der Natur. Zwei Hurrikane fegten 2012 über Haiti hinweg. Die Wassermassen machten viel von dem zunichte, was nach dem...Foto: dapd

Sie nennen ihn Monster, fürchten seine überschäumende Kraft, die alles mit sich reißt. Ihre Plantagen einfach auffrisst, ihre Häuser, ihr Leben zermalmen kann. Der Große Fluss von Marigot. Wenn er über die Ufer steigt, ist das Unglück nicht mehr aufzuhalten. „Er macht mir Angst“, sagt die Bäuerin Teresia Jeudi, legt die Schaufel beiseite und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Das Monster schläft an diesem sonnig-schwülen Tag, es ist das Ende der Regenzeit, der Fluss der Küstenstadt Marigot im Süden Haitis ist nur mehr ein Rinnsal in einem gigantischen Schotterbett, umrahmt von Geröll auf 200 Meter Breite, als hätten die Götter mit Kieseln gespielt.

„Dort war mein Feld mit Bohnen und Bananen“, klagt die Haitianerin und zeigt auf einen Grünstreifen mit einzelnen Palmen, „fast alles ist weg.“ Teresia Jeudi trägt Gummistiefel und einen Bauhelm, der ihre hohen, kräftigen Wangenknochen noch stärker hervorhebt. Sie schleppt mit ein paar Dutzend anderen Bauern Steine aus dem Flussbett, in einer Menschenkette reichen sie die kiloschweren Brocken weiter. Mühsame Handarbeit, es geht nur langsam voran. „Wir legen die verschütteten Bewässerungskanäle frei“, sagt die 52-Jährige, „die Zeit drängt, wir wollen wieder aussäen.“

Es liegt ein Fluch auf Haiti. Erst forderte das Erdbeben am 12. Januar 2010 mindestens 220 000 Leben. Und 1,2 Millionen Menschen hatten kein Dach mehr über dem Kopf. Dann brach in einem Camp von UN-Blauhelmsoldaten, die den Frieden ins Land bringen sollten, die Cholera aus. 7600 Menschen starben an dem Bakterium, das sich im Land schnell ausbreitete, weil sauberes Wasser und Seife rar sind. Hurrikans zerstören, was übrig geblieben ist. Isaac tobte im August dieses Jahres, Sandy tötete Ende Oktober 60 Menschen, zerlegte Brücken und 20 000 Häuser. Die Wirbelstürme bringen den Hunger. Mehr als eine Million Menschen werden wegen der Ernteausfälle nicht genug zu essen haben.

Die Hoffnung auf bessere Zeiten hat Teresia Jeudi trotzdem nicht aufgeben. „Drei Ziegen, drei Schweine und meine Rinder sind ertrunken, aber ich mache weiter“, erzählt die Bäuerin, die es mit einem Krämerladen zu etwas Wohlstand gebracht hat. Sie und ihr Mann versorgen fünf Kinder, dazu die zwei Kleinen ihres Bruders, der starb, weil sie ihn während der Choleraepidemie nicht rechtzeitig zur Krankenstation bringen konnten. Den letzten Kredit steckten sie in ein neues Dach, das alte hatte Isaac weggerissen. Jetzt ist Teresia Jeudi froh, fürs Steinetragen Geld zu bekommen. Die deutsche Welthungerhilfe zahlt fünf US-Dollar pro Tag, nach zwei Wochen hat sie genug zusammen, um Saatgut für die nächste Saison zu kaufen.

Die Katastrophen sind kein Naturgesetz. „Das Problem liegt weiter oben in den Bergen“, sagt Beate Maaß, Projektleiterin bei der Welthungerhilfe. Die 37-Jährige mit der Energie einer pragmatischen Frau, die mehr erreichen will, als nur Symptome zu bekämpfen, spricht von „Schutzwällen“ und „Steinstufen“. Haiti wurde kahl geschlagen über die Jahrzehnte, fast nackt ist es der Erosion ausgeliefert, nur noch zwei Prozent des Landes sind bewaldet. So hätten Sandy, Isaac und all die anderen Stürme ungebremst wüten und die fruchtbare Erde abtragen können. Statt zu versickern, flutet der Regen die Insel. „Haiti braucht Erosionsprojekte, es braucht Bepflanzungen und Erdbefestigungen“, sagt Maaß.

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