Zeitung Heute : Halbe Wahrheit

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Kurt Sagatz über Irrungen und Wirrungen in der Computerindustrie

Immer dann, wenn Intel oder AMD einen neuen Computerchip auf den Markt bringen, schreiben die Kollegen – und wir natürlich auch – spätestens beim dritten Synonym für jene Spezies Unternehmen das Wort Halbleiterhersteller. Freilich haben halbe Leitungen nichts mit halber Miete zu tun, und die technisch vorgebildeten unter den Lesern – und wiederum den Schreibern – wissen, dass der Begriff etwas damit zu tun hat, dass Halbleiter wie der Computergrundstoff Silizium unwahrscheinlich gut darin sind, den Strom in der einen Richtung fast ungehindert durchzulassen und in der anderen nahezu komplett zu blockieren. Darum lassen sich die Halbleiter wunderbar zum Schalten gebrauchen, was sie wiederum hervorragend dazu befähigt, Zustände wie 0 und 1 darzustellen. Allerdings könnte man nun anmerken, dass genau diese Eigenschaft eher an eine Einbahnstraße als eine halbe Leitung erinnert. Möglicherweise gibt es genau darum auch noch diverse andere Möglichkeiten, dem Begriff Halbleiter eine Bedeutung zu geben. Zum Beispiel die, dass sich nach dem Mooreschen Gesetz die Leistung der Computerprozessoren regelmäßig alle 18 Monate verdoppelt. Oder andersherum die gleiche Leistung auf dem halben Platz untergebracht werden kann. Auch eine andere, mindestens genauso plausible Erklärung ist denkbar. Wie jeder aufmerksame Zeitungsleser weiß, unterliegen gerade die Hochleistungschips, also jene Prozessoren der jeweils neuesten Generation, dem größten Preisverfall. Fast macht es den Anschein, als ob der gerade noch sündhaft teure SuperChip nach der Hälfte seiner Produktlaufzeit gerade einmal zum halben Preis zu bekommen ist. Man könnte somit fast schon von einer Halbwertzeit sprechen. Denn eins ist sicher: Ohne Computer ist der arbeitende Mensch oftmals nur halb so viel wert, und halbe Sachen machen die Chiphersteller ohnehin nicht.

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