Zeitung Heute : Halber Sieg auf ganzer Linie

Das Berliner Landgericht schützt Schröders Privatsphäre

Harald Martenstein

In ein paar Zeitungen haben ein paar Gerüchte gestanden, über die Ehe des Kanzlers, über lauten Streit und eine eher stille Affäre. Gerhard Schröder prozessiert nun dagegen. Ist das wirklich klug von ihm? Schwer zu sagen, meint sein Anwalt Michael Nesselhauf, der frühere „Spiegel“-Geschäftsführer. Aber irgendwo müsse man anfangen dagegenzuhalten, sonst gerieten die Dinge außer Kontrolle. Er habe, sagt Nesselhauf, jetzt schon über insgesamt acht Journalistinnen das Gerücht gehört, sie hätten was Sexuelles mit Gerhard Schröder. Nur „Gruppensex mit Kanzler“ wird an der Gerüchtebörse der von erotischen Phantasien durchzuckten Berliner Republik bisher nicht gehandelt. „Da warte ich drauf“, sagt der Anwalt.

Wie gesagt, irgendwo muss man anfangen. Deshalb verhandelt Richter Michael Mauck im Berliner Landgericht in Sachen „Märkische Oderzeitung“ gegen Schröder. Der Kanzler hat der Frankfurter Zeitung, genannt „MOZ“, die Verbreitung des Gerüchts per einstweiliger Verfügung verboten, die Zeitung hält dagegen. Es ist eine Frage der Ehre, auch für die „MOZ“. Schröder hat von „Lüge“ gesprochen. Die „MOZ“ eine Lügnerin? Wo sie doch selber gar nichts behauptet hat? Das Gerücht gibt es doch, die „MOZ“ hat einfach nur darüber berichtet. So sehen es die „MOZ“ und ihr Anwalt.

Der Medienstar dieses Medienprozesses heißt Sarah Oliver. Das ist die Quelle des Übels, die Reporterin der „Mail on Sunday“, die als Erste über Schröders angebliches Eheproblem berichtete. Oliver hat auch mit Hillu, der Ex-Ehefrau, angeblich ein Interview geführt. Hillu bestreitet dies. Aussage gegen Aussage. Die Reporterin geht nicht in den Gerichtssaal, sie schwebt. Sie trägt Netzstrümpfe, üppiges Haarteil, jede Menge Klunker und ist auf spektakuläre Weise in eine Art Ganzkörper-Federboa verpackt. Sie sieht ein bisschen wie Madonna aus, nur nicht so gutmütig. Auf die Frage, ob sie die Deutschlandkorrespondentin ihres Blattes sei, zieht Sarah Oliver nur verachtungsvoll die Augenbraue hoch. „Um Gottes willen, nein. Ich arbeite auf der ganzen Welt.“

Die Justiz meint es gut mit dem Kanzler. Der Autor des Gerüchte-Textes darf die Story nicht wiederholen, die einstweilige Verfügung bleibt gültig. Trotzdem wird es nur ein halber Sieg für Schröder. Seinem Anwalt, dem alten Hasen, ist ein kleiner Formfehler unterlaufen. Er hat den entscheidenden Schriftsatz dem gegnerischen Anwalt nicht zugestellt. Deshalb wird nur gegen den Autor entschieden, das Verfahren zwischen dem Kanzler und dem Verlag der „MOZ“ bleibt in der Schwebe und wird vermutlich erst im so genannten Hauptverfahren entschieden. Womöglich mit peinlichen Zeugen-Vernehmungen.

Der Anwalt der „MOZ“, Johannes Weberling, spricht einen Satz, bei dem fast alle Journalisten im Saal nicken: „Gerhard Schröder hat sein Privatleben systematisch sozialisiert.“ Zum Beweis hat Weberling einen Stapel mit Homestorys aus Illustrierten dabei – die Schröders privat, das Eheidyll, die Wohnung. Was muss sich solch ein Kanzler gefallen lassen, an Einblicken in seine Privatsphäre? Mehr als andere, so viel ist klar. Aber wie viel genau? „Nicht alles“, sagt Richter Mauck. Und: „Mit Gerüchten kann man jemanden totschlagen.“

Ein Schlüsselsatz des umstrittenen Textes in der „MOZ“ lautete so: „Gerüchte sind Fakten, die man nicht ignorieren kann, selbst wenn das, was sie behaupten, nicht zutrifft.“ Gerüchte sind Fakten – gewiss, aus philosophischer Sicht kann man das so sagen. Gerüchte können etwas bewegen, aus Gerüchten kann etwas entstehen. Juristisch sieht die Sache anders aus. Dabei erklären sogar Juristen, dass man unter gewissen Umständen über Gerüchte berichten darf – zum Beispiel, wenn die von dem Gerücht Betroffenen dazu befragt werden. Das war aber nicht der Fall.

Und wie läuft es wirklich bei den Schröders zu Hause? Über Wahrheit oder Lüge sagt der Beschluss des Landgerichts nichts aus. Das ist für Laien schwer zu verstehen: Eine einstweilige Verfügung ist etwas Ähnliches wie eine Gegendarstellung in der Zeitung. Jeder Mensch hat das Recht zu erklären: Ich bin das Opfer einer Verleumdung. Ob er wirklich das Opfer einer Verleumdung ist, kommt meist erst nach und nach heraus. Oder nie.

Bleibt die „Mail on Sunday“. Schröder kann nur gegen die wenigen Exemplare vorgehen, die in Deutschland verkauft werden. Das tut er auch. Die englische Auflage der „Mail“ aber ist für deutsche Gerichte unangreifbar. Und britische Richter denken über Intimsphäre, Gerüchte und Pressefreiheit deutlich anders als ihre deutschen Kollegen. Die „Mail“, eine Boulevardzeitung vom Typus „Bild am Sonntag“, hat den Fehdehandschuh aufgenommen und antwortete geradezu mit einer Kriegserklärung an den Kanzler. Wer immer etwas Negatives, Peinliches oder Bösartiges über Schröder weiß, der soll es ganz schnell der „Mail“ sagen. Die „Mail“ druckt es. Garantiert.

Die Presse in England macht sich zurzeit viele Gedanken über die Deutschen. Ein langer Artikel im „Guardian“ versucht zum Beispiel, den Briten zu erklären, was die Deutschen mit dem drolligen Begriff „Privatsphäre“ meinen. „Sogar Firmen haben in Deutschland eine Privatsphäre.“ In Deutschland würden die Zeitungen in den meisten Fällen einfach das schreiben, was die Mächtigen in Interviews sagen, Punkt, aus. Die Zeitungen würden nicht gerne in der Umgebung der Mächtigen herumrecherchieren, um deren Aussagen zu überprüfen und die Wahrheit herauszufinden. Das gelte als unfein. Die Engländer verstehen das nicht. Politiker sind verdammt mächtig, deswegen muss man so viel wie möglich über ihren Charakter wissen: So ungefähr lautet die britische Position. Jetzt haben dort einige Journalisten das Gefühl, dass Kanzler Schröder die deutschen Sitten nach Großbritannien exportieren möchte. Sie sind natürlich wütend. Als Rächerin haben sie uns Sarah Oliver geschickt.

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