Zeitung Heute : Hallen Die heiligen

In Paris steht eines der hässlichsten Bauwerke der Welt. Es weckt antikapitalistische Gefühle, Klaustrophobikern gilt es als Hölle. Nun soll ein unbekannter Architekt das Trauma heilen.

Harald Martenstein

David Mangin arbeitet seit 20 Jahren in einem Architektenkollektiv. Heute nennt man so etwas natürlich „Büro“. Mit 55 Jahren verdient er 3800 Euro im Monat. Nebenbei hat er zwei Lehraufträge. Mangin war auf keiner berühmten Universität, er ist kein berühmter Architekt, eher ein Spezialist für die unauffälligen und unspektakulären Sachen. Ein Reparateur, kein Baumeister. Er hat den Mittelstreifen eines Pariser Boulevards begrünt und Büros in Sozialwohnungen umgewandelt. Sein Büro liegt draußen in der Vorstadt, in einer billigen Gegend und einer vermüllten Straße. Ein Neubau, in dem viele Araber und Afrikaner wohnen. Im Bistro um die Ecke wird den Arbeitslosen für 20 Cent ein Glas Leitungswasser angeboten, damit sie sich aufwärmen können.

Mangin trägt einen zerknautschten Pullover, aus dem unten ein Hemdzipfel herausschaut, das Büro ist vollgestopft und zu klein. Seinen letzten Urlaub hat er in der Ukraine verbracht, um für eine Menschenrechtsorganisation die Wahlen zu beobachten. Er redet sehr vorsichtig, leise, lächelt selten, während des Redens zeichnet er ununterbrochen. Wenn er „Brücke“ sagt, mal er eine Brücke. Anschließend schaut er nachdenklich ins Leere. Im Fernsehen kommt er als Typ sicher schlecht. Aber darüber hat er ganz bestimmt noch nie nachgedacht.

Er ist jetzt plötzlich berühmt. Der Mann, der Paris seine Seele zurückgeben soll.

Das „Forum des Halles“ besteht aus fünf Tiefgeschossen und einem Autotunnel, darüber ein Park und ein paar Gebäude mit Sozialwohnungen. In den Tiefgeschossen befinden sich ein Einkaufszentrum und einer der größten Bahnhöfe Europas, 800 000 Passagiere täglich. Hier kommen alle S-Bahn-Linien aus den Vororten im Pariser Zentrum an. Die Vorortbewohner bringen ihre Probleme mit, wenn sie hier, mitten in Paris, aus den Zügen steigen. Sie haben die Armut dabei, die Kriminalität, die geringe Bildung, Fremdsein, all das. Im Grunde ist die Gegend rund um die Hallen ein typisches Bahnhofsviertel geworden, solche Viertel sind selten anheimelnd. Vielleicht könnte nicht einmal eine gelungene Architektur daran etwas ändern.

Wenn man das Forum besuchen möchte, fährt man mit einer Rolltreppe einen engen, finsteren Schlund hinab wie in ein Bergwerk. Unten liegen Gassen und Plätze, eine unterirdische Stadt aus Beton und Kunstlicht. Die Decken sind niedrig, aus Kostengründen. Der Beton ist schmuddlig. Manchmal sieht man Blumen oder bunte Ballons oder andere Versuche, das Forum ein wenig hübscher zu machen. Es wirkt hilflos. Alles Schöne wird vom Forum aufgesaugt wie Wasser von Löschpapier. Die Geschäfte gehören zum Billigpreissektor, hier unten gibt es den größten H & M-Markt der Stadt und den größten FNAC-Medienmarkt. Man verliert schnell die Orientierung. Dauernd ist Schlagermusik zu hören. Das Forum ist ein Ort, an dem sich wie von selbst antikapitalistische Gefühle einstellen, bei Klaustrophobikern gilt es als Inbegriff der Hölle.

Das Forum des Halles ist ein unangenehmes Symbol. Es steht für die Fehler, die in der Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg häufig gemacht wurden. Diese Fehler heißen: Bauen ohne Rücksicht auf die Geschichte, auf die Umgebung, auf die Bewohner des Viertels. Im Kern heißt dieser Fehler: Hochmut. Bauen mit Material, das schon nach wenigen Jahren schäbig aussieht. Bauen als Spektakel, nicht als soziales Handwerk. Modisches Bauen, alle paar Jahre anders, ähnlich wie das Design der Autos.

Es gibt auch ein Schwimmbad dort unten. Auf den Bahnen sind jeweils der Schwimmstil und das Tempo vorgeschrieben. Auf Schildern steht: „Hier nur schnelles Brustschwimmen!“, oder „Hier langsames Kraulen!“. Denn es ist sehr voll.

Das Forum hat, ökonomisch gesehen, Erfolg. Das Paris der Vorstädte kauft hier gern ein. Die Jugendlichen sind oft mit ihren ungewaschenen Boxershorts ins Schwimmbad gegangen, deswegen sind dort jetzt nur noch eng anliegende Badehosen erlaubt. Rund um das Forum, oben in dem viel zu verwinkelten Garten, wird hinter den Büschen mit Drogen gedealt, auch morgens schon. Nachts sind das Forum und seine Umgebung eine No-Go-Area. Gefährlich wie der Central Park von New York.

Die Regierung war einmal wahnsinnig stolz auf das hier.

Vielleicht können wir, seit ein paar Jahrzehnten, nur noch ganz selten etwas wirklich Gutes bauen, etwas, das bleibt. Manche sagen das, am radikalsten Prinz Charles. Falls es wirklich so ist, dann hat die Krise der Architektur eine Adresse, einen Tiefpunkt, dieses „Forum des Halles“ in Paris. Kein Bauwerk der Welt wurde je so geschmäht. Die „deutsche bauzeitung“ schrieb: „Stumpfsinniger Wahn. Schaurig.“ In der „New York Times“ stand: „Verkommen. Ein Desaster. Ugly.“ Der „Canard enchainé“ sagt: „Ein Monster.“ In der „Welt am Sonntag“ meinten sie: „Eines der weltweit schlechtesten Beispiele für die Architektur des 20. Jahrhunderts.“

Es ist eines der hässlichsten Bauwerke der Welt. Jetzt wird es abgerissen. Jetzt wird etwas Neues probiert. In Berlin sind die großen Projekte im Wesentlichen fertig, zuletzt das Holocaust-Mahnmal. Die wichtigste Baustelle Europas, die einmal „Potsdamer Platz“ hieß, wird in den nächsten Jahren „Pariser Hallen“ heißen. Und der Architekt ist jemand, der noch nie etwas Größeres gebaut hat. Niemand kennt ihn. Ein Außenseiter. Mangin.

Dort, wo heute das Forum ist, befand sich seit dem Jahr 1135 der wichtigste Markt von Paris. Im 19. Jahrhundert wurden nach Entwürfen von Victor Baltard aus Stahl und Glas die Markthallen errichtet, ein Dutzend etwa. Der Großmarkt für die Pariser Händler. Fisch, Fleisch, Gemüse. Der Bauch von Paris, der Ort, wo man nach einer durchfeierten Nacht frühmorgens hinging, um heiße Zwiebelsuppe zu essen. Die Stadt wuchs. Die Hallen wurden zu klein, 1969 zogen die Händler um nach Rungis, weit draußen. Theater und Galerien besetzten die verlassenen Hallen. Der Präsident Georges Pompidou aber wollte sich hier, in diesem Viertel, mit einem grandiosen Bauwerk ein Denkmal setzen, so, wie es französische Staatsmänner immer gerne getan haben – große Projekte, Triumphbögen, Museen, Türme. Paris hatte bis 1975 keinen Bürgermeister, es gehörte quasi dem Präsidenten.

1973 kam der Abriss, obwohl es noch kein Konzept für einen Neubau gab, Proteste nutzten nichts. Ein riesiges Loch klaffte, mitten in Paris, dort, wo es doch einmal so unglaublich schön war. Erst 1986 war das Forum fertig, nach fast 15 Jahren Bauzeit. Die Pariser sahen immer wieder das verfluchte Loch und verglichen es mit ihren Erinnerungen. In dieser Zeit ist ein Trauma entstanden, das in der Stadt bis heute nachwirkt. Das Gespenst der alten Hallen – dieser Spuk scheint nie zu verschwinden.

Ein paar Meter von den Hallen entfernt, in der Rue Quincampoix, hat Michel Tchakalian seinen Friseursalon. Der Salon sieht aus wie ein Museum, die Einrichtung ist noch die gleiche wie 1932, als sein Vater ihn eröffnet hat, ein Flüchtling aus Armenien. Monsieur Tchakalian wurde etwa um die selbe Zeit in der Rue Quincampoix geboren, er kennt hier alle und alle kennen ihn, den kleinen, runden Herrn mit den buschigen Koteletten.

„Wir gehen selten hin zu den Hallen“, sagt er. „Der Anblick ist zu traurig. Man versucht, das Forum zu ignorieren.“ Über die neuen Pläne weiß er wenig, er interessiert sich nicht dafür. Er kann sich nicht vorstellen, dass etwas Erfreuliches dabei herauskommt. Denn eine Sache, eine einzige, ist gut am Forum des Halles. Weil es so hässlich ist, meint Monsieur Tchakalian, hat es den Zuzug der reichen Leute in das Viertel gebremst. Die Gegend ist ja an sich attraktiv und könnte viel teurer sein. Vielleicht hätten die reichen Leute den kleinen Friseur Tchakalian schon längst vertrieben, wenn es das Monstrum nicht gäbe. Er hasst es trotzdem.

Das heutige Forum ist im Wesentlichen das Werk von Jacques Chirac, der 1977 Pariser Bürgermeister wurde und sich bald darauf selbst zum „Chefarchitekten“ ernannte. Zeitweise gab es Pläne, weite Teile der Pariser Innenstadt abzureißen, 670 Hektar – das heutige Forum ist 15 Hektar groß. Im Herzen der Stadt sollte, als Zeichen der Modernität Frankreichs, ein Autobahnkreuz errichtet werden. Giscard d’Estaing, der nach Pompidou Präsident wurde, setzte immerhin durch, dass über dem Forum ein Park eingeplant wurde. Chirac wollte Bürohäuser. Es gab viel Hin und Her damals, ein Architekt nach dem anderen baute jeweils ein Zipfelchen des Forums, bis am Ende alles hoffnungslos verkorkst aussah: Claude Vasconi, Georges Pencreach, Francois Xavier Lalanne, Ricardo Bofil, Jean Willeval, Paul Chemetov…

Inzwischen wird Paris von einer rotgrünen Koalition regiert und von einem schwulen Bürgermeister, wie Berlin. Bertrand Delanoe hat die Neugestaltung des Hallenviertels zu einem Schwerpunkt seiner Amtzeit erklärt und einen Wettbewerb ausgeschrieben. Etwas Seltsames passierte. Nur 32 Architekten beteiligten sich. Für einen der attraktivsten Bauplätze der Welt! Schämten sich die Architekten? Hatten sie Angst vor dem Gespenst der alten Hallen?

Nur zwei Architektenstars wagten es, sich zu bewerben. Die Moderne nahm also einen zweiten Anlauf. Der Franzose Jean Nouvel schlug dreistöckige hängende Gärten vor, der Holländer Rem Koolhaas gläserne Türme, die wie bunte Parfümflakons aus dem Hallen-Loch emporsteigen und nachts mit Videos bestrahlt werden. In die Endrunde kamen Koolhaas, Nouvel, ein zweiter Holländer, Winy Maas, dazu der unbekannte Außenseiter Mangin.

Man muss sich die Ausschreibung anschauen, um zu begreifen, warum es auf Mangin zulief. Der Bürgermeister verlangte, dass jede Neubebauung bei laufendem Betrieb der S-Bahn und der Läden durchführbar sein muss, er verlangte, dass die alten Häuser in der Umgebung aufgewertet, nicht etwa übertrumpft werden sollen, er sagt, dass nur gebaut wird, wenn die Mehrheit der Anwohner und die Mehrheit der Hallennutzer dem Entwurf zustimmen., Eine zweite Vergewaltigung des Viertels sollte es nicht geben.

Mangin setzte das alles einfach eins zu eins um, bescheiden und unspektakulär. Er schlug einen übersichtlichen, klar gegliederten Park vor, mit einer Allee, die auf den historischen Kuppelbau der Handelsbörse zuläuft, dazu ein großes Glasdach, 150 Meter Seitenlänge, das Tageslicht in die unterirdischen Verkaufspassagen lässt, die Schließung des Autotunnels und viele Verbesserungen im Detail. Mangins Vorschlag bedeutete: Es bleibt, wie es ist, oben ein Park, unten ein Einkaufszentrum, nur, dass wir es diesmal besser machen.

Baubeginn: 2007. Bloß das Glasdach wird noch einmal neu ausgeschrieben.

Nouvel war sofort aus dem Spiel, als die Leute erfuhren, dass für seine Gärten als erste Maßnahme weitere 65 000 Quadratmeter unter Beton gelegt werden sollen. Nacheinander erklärten sich die Grünen, die Anwohner, der größte Teil der Presse und die Betreiberfirma des Einkaufszentrums für Mangin, es war wie ein Sog. Der Bürgermeister sagte: „Vor allem wollen wir etwas bauen, das nicht in 25 Jahren schon wieder abgerissen werden muss.“ Nur ein paar Architekturkritiker waren unzufrieden, sie sprachen von einem „Mangel an Visionen“.

Die Leute im Hallenviertel wollen wirklich keine Visionen. Sie haben Angst. Das ist ihr stärkstes Gefühl: Angst vor Architekten. In der Nähe des Forums wohnt auch Philippe Niez, ein in Frankreich recht bekannter Landschaftsarchitekt. Er gehört zu den neuen Bewohnern, relativ jung, elegant, wohlhabend. Er sagt: „Die Stadt hat kein Geld mehr. Und die Bewohner hier haben kein Vertrauen mehr in die Architektur. Deswegen haben sie Mangin den Auftrag gegeben.“

Mangin spricht über die Stadt, er malt dabei pausenlos. Beim Städtebau komme es heute nicht mehr darauf an, spektakuläre Gebäude zu errichten, vor allem nicht in Paris. „Paris ist nicht Bilbao, Attraktionen gibt es hier schon genug.“ Statt dessen komme es darauf an, die Halbwüsten der Vorstädte zu kultivieren, die Stadtzentren mit den Vorstadt harmonisch zu verbinden, zu verhindern, dass am Ende der Globalisierung alle Zentren gleich aussehen. „Nichts ist leichter, als modisch zu bauen. Sie müssen dazu nur aus dem Fenster schauen und sich die Kleidung der jungen Leute anzuschauen, und in diesem Stil ein Haus zu entwerfen. Jeder kann das.“

Mangin lehrt in seinen Seminaren und Büchern, dass gute Architektur sich der vorhandenen Stadtstruktur anpasst, statt sie aus Eitelkeit zu überstrahlen, dass es darauf ankommt, mit möglichst geringen Mitteln möglichst große Effekte zu erzielen. So versteht er Baukunst.

Sein Großvater war ein berühmter General im Ersten Weltkrieg. Man nannte ihn „den Schlächter von Verdun“. In der Schule hieß der kleine David nur „der Enkel des Schlächters“. Sein Vater kämpfte in der Résistance, war ein enger Mitarbeiter des Generals de Gaulle und einer seiner führenden Beamten. Der General kam bei den Mangins hin und wieder zum Essen. Der alte Mangin aber warf das Staatsamt irgendwann hin, weil er lieber als Anwalt arbeiten wollte. Er war als Anwalt allerdings nicht sehr erfolgreich. Mangins Mutter arbeitete, um den Familienetat aufzubessern, in einer Galerie. Das war damals unüblich in den besseren Kreisen. Ihr Sohn verbrachte viel Zeit bei Vernissagen und Ausstellungen. Dort, wo das linksliberale Bürgertum und die Boheme sich berühren, im Pariser Künstlermilieu der Jahren um 1968 herum, liegen Mangins geistige Wurzeln. Dass er trotz allem „kein Grüner“ sei und „nichts Grundsätzliches gegen große Gebäude“ hat, betont David Mangin jetzt bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Wie finden Sie eigentlich den Potsdamer Platz in Berlin, Herr Mangin? Mangin erzählt, dass er auf dem Potsdamer Platz einen Baum gesehen hat. Der Baum sei ziemlich alt gewesen, deutlich älter als die Häuser um ihn herum. Ein Stück Geschichte. „Dass Renzo Piano diesen Baum stehen gelassen hat – ja, das gefällt mir am besten am Potsdamer Platz.“

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