Zeitung Heute : "Hallo, Herr 13-Tore", sagen die Leute

OLIVER TRUST

TOULOUSE .Just Fontaine streichelt sich liebevoll über das dicke Bäuchlein.Er lächelt.Mit 64 darf einer so rundlich aussehen.Auch ein WM-Held.Selbst der "Torschütze des Jahrhunderts", der mit 13 Treffern die meisten Tore bei einem Fußball-WM-Turnier geschossen hat.40 Jahre nach Schweden 1958, wenn der Puls nach oben geht, ist die Nase ein bißchen rot und auf der Stirn schimmern kleine Schweißperlen.

Verlernt hat er nichts.Der Ball zischt ins Netz: schnurgerade, knallhart, Vollspann.Der Schuh fliegt hinterher."Mit links.Wie gegen Brasilien", sagt der Franzose und sammelt den Schuh ein.In der Halle des Flughafens Toulouse klatschen ein paar, die sich in die Just-Fontaine-Ecke des Fremdenverkehrsamtes verloren haben.Dort steht er, der Triumphator vergangener Tage, ein wenig stolz und auch ein wenig verlegen.Ein Videorecorder liefert die unerschütterlichen Beweise.Treffer für Treffer der Rekordtorquote flimmert über den Bildschirm.Auch seine vier Tore beim 6:3 über Deutschland im Spiel um Platz drei.

"Ich bin einen halben Zentimeter größer als Gerd Müller", erzählt Fontaine, als reiche allein das als Gütesiegel.Noch heute liegt Autogrammpost im Briefkasten.Nicht nur, weil er Bewacher Karl-Heinz Schnellinger damals davonlief.Nein, sie pflegen ihren Just, besonders jetzt vor der WM.Schließlich macht er für die Franzosen draußen in der Welt einen wesentlich besseren Eindruck als die streikenden Piloten der Air France.

27 Tore in 20 Länderspielen, nur Platini und Papin trafen häufiger für die "Grande Nation", ein Pokalsieg, zwei Meisterschaften.Im Wohnzimmer seines Hauses mit der Nr.13 hängen die Bilder der Karriere, die mit 27 früh beendet war.Beinbrüche im März 1960 und im Januar 1961, beide links.Nichts ging mehr.Noch heute macht ihm die Verletzung zu schaffen."Ich hätte meinen Weltrekord gerne hergegeben für ein paar Jahre mehr", sagt er.

Die schweren Gedanken schiebt er beiseite.Just Fontaine, der ewige Optimist.Er schaffte es, populär zu bleiben.Über vier Jahrzehnte hinweg.Die Geschäfte laufen prächtig.Just Fontaine auf Gänseleber und Bohnenspezialitäten einer Delikatessenkette, auf T-Shirts und Sporttaschen, die er und seine Frau in ihren Laden verkaufen.Er zieht ein Fax von Franz Beckenbauer aus dem Jackett.Der Kaiser ißt gerne Gänseleberpastete und bedankt sich artig.

"Hallo, Herr 13-Tore", sagen die Leute zu mir."Ist das nicht toll?".Just Fontaine scheint glücklich, genießt die Auftritte im Rampenlicht."Meine Frau weiß, ich bin jetzt einen Monat weg.Ich möchte möglichst alle Spiele sehen", sagt er und schlendert am Ufer der Garonne entlang.Im Schlepptau eine Fernsehkamera.Die Leute drehen sich um.Daheim knistern die Zeitungsausschnitte.Just Fontaine auf dem Titelblatt, Just Fontaine im Sportteil.Alle geordnet im großen Karton.Gefürchteter Torjäger bei Stade Rennes und in Nizza, dann Nationaltrainer in Marokko und Frankreich - mit weniger Erfolg."Ich will immer alleine Chef sein, das war nichts für mich", sagt er.1961 ging er in Toulouse vor Anker, der Liebe wegen."Wenn meine Frau nicht wäre ...", sinniert er.Wer weiß was aus ihm geworden wäre und, ob sie ihm eine Just-Fontaine-Ecke auf dem Flughafen eingerichtet hätten.Er streichelt sich über den Kugelbauch und lächelt.Aus dem Fernseher tönt Jubel."Schaut", sagt er, "mit links".

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