Zeitung Heute : Hallo, Unendlichkeit!

THOMAS LACKMANN

"Face of the Gods" im Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt "afro-amerikanische Altäre" - die wandernden Weltbilder der MigrationVON THOMAS LACKMANNSchmutzigweiß abgetreten war eben noch der Boden im Präsentationsraum jener Kongreßhalle, deren himmelwärts geschwungenes Schwangere-Auster-Design von Jahr zu Jahr poetischer erscheint: während im Umkreis das funktionale Neuberlin aus dem Boden blockt und Regierungsbauten sich breit machen, in deren Schatten das Haus der Weltkulturen bald wird funkeln dürfen wie ein exotisches Kronjuwel.Die aktuellen, strahlenden Farben des Multikulti-Edelsteins sind gerade eingetroffen, verwandeln den kahlen Ausstellungsraum in ein tropisches Kaleidoskop.Der Boden aber rund um die 15 installierten Objektgruppen wird zunächst geweißt; Anstreicher ziehen ihre Rollen vorbei an den seltsamen Werken, frisches Weiß überkommt den nun unbetretbaren Saal.Die Preziosen vom anderen Ende des Atlantiks ruhen wie Inseln in einem unzugänglichen Meer aus lackiertem Schnee. Zwei Welten? Inzwischen ist das Weiß getrocknet, die Passage gestattet.Heute abend werden "afro-amerikanische Altäre" aus der Karibik, Surinam, Brasilien, den USA - erstmals als Wanderausstellung auf Welttournee, begleitet von einem reichen Tanz, Musik-, Workshop- und Vortragsprogramm - zur Besichtigung freigegeben: für (mehrheitlich) religiös indifferente, weiße Besucher, die mit Kirchenmöbeln soviel eigentlich nicht anfangen können.Aber der "Altar für den Geist Sarabanda Rompe Monte" stammt aus gar keiner Kathedrale.Er imaginiert - garniert von Zimmerpflanzen - Dschungelstimmung, füllt allerdings nur eine toilettengroße Kammer aus: das Kapellchen eines Diaspora-Gläubigen, den es von Kuba mitsamt seiner tradierten Kongo-Religion in die Bronx verschlug.Der lauschig-phantastische Rumpelwinkel ist von außen mit grünen Zeichen markiert, drinnen hängt eine rote, ebenfalls mysteriös beschriftete Fahne.Auf dem Felltischchen ein Kohleneimer voller Macheten, Federn, Glasperlenketten, Knochen.Mit Spiegeln versehene Hörner, genannt "Blätter über den Augen", dienen der Weissagung, ebenso wie die Lippenpaare spaltbreit geöffneter Muscheln.Rumgeruch liegt in der Luft, auf dem Boden stehen Flaschen und Zigarren.Hier wird die Welt, ein Kraut & Rüben-Ensemble, wie vom amerikanischen Künstler Kienholz montiert, geordnet zum rituellen System.Sarabanda ist der Geist eines mächtigen Eisenbahnarbeiters; ein Schutzheiliger, der an dieser Kontaktrampe Sprechstunde hat.Denn ein Altar ist - ob das Wort nun Erhabenheit bezeichnet (altus) oder den Opfertisch der Verbrennung (ardere) - ein Begegnungsort."Face of the Gods", so der Ausstellungstitel, bedeutet "Altar" bei den nigerianischen Yoruba.Grenze und Brücke zwischen hüben und drüben ist der Altar und ein handfestes Modell des Himmels und seiner Gesetze - mit den Augen des Glaubens betrachtet. Der Altar ist die Kreuzung zwischen den Welten: besagt eine Vorstellung in jener Kongo-Religion, die ebenfalls mit den zehn Millionen Sklaven nach Amerika kam.Daß diese kulturellen Wurzeln bei zahlreichen Afroamerikanern verschüttet sind, spielt für "Face of the Gods" keine Rolle: Die Ausstellung konzentriert sich so ausschließlich auf Emanzipatoren afrikanischer Tradition, daß deren Ausdrucksformen als die Manifestation schwarzen Bewußtseins erscheinen.Der Altar als Kreuzung wird zur Chiffre der Wahrnehmung - und erinnert auch an Fundamente einer Popkultur, für die der 1937 ermordete, noch für die Rolling Stones und Cream einflußreiche Bluesbarde Robert Johnson zum Beispiel seine Ballade "Crossroads" hinterlassen hat.Geboren wurde Johnson, der im Lied an der nächtlichen Kreuzung den Teufel trifft, dort wo die legendären Highways 61 und 49 sich schneiden: in Clarksdale, Mississippi.Ein moderner Mann in einer kultischen Alltags-Situation? Der Altar als Koordinate der Krise, der Entscheidung, der Wandlung - diese Lesart überträgt sich, abstrahiert, auf die Ausstellung, in der viele Kreuzungen einander, wie in einem Hochaltar konkurrierender Systeme, überlagern.Praktizierter Animismus (die Naturreligion der göttlichen Dinge, Pflanzen, Tiere) stößt bei den Organisatoren und Besuchern auf selbstkritische Kinder der Aufklärung; die halbierte Moderne der Dritten Welt streift in den metropolitanen Schmelztiegeln die Nachhut einer irritierten Moderne.In den Ursprüngen der Altäre, von denen einige geweiht, andere rekonstruiert, wieder andere durch Künstler konzipiert wurden, überlappen sich westliche Einordnungen von Kunst, Kunstgewerbe, Alltagsobjekt und Sakralität.Im Synkretismus der Kulte wiederum mischen sich afrikanische, indianische und christliche Bilder.Der Schnittpunkt erscheint als Ort der Ganzheit, der Sinngebung. Hüter der Sinngebung, jener "großen Erzählungen", in deren Zusammenhang sich der Gemeinschaftsmensch einreihen möchte, sind die Ahnen.Ein Hofaltar aus Texas ist umgeben von beleuchteten Plastikkanistern mit grün, gelb, blau, orange gefärbtem Wasser.An der Hauswand hängen wachende Puppen, Wagenrad mit Kuhschädel am Zaun und Ventilatorenflügel auf Baumstümpfen symbolisieren die kreisende Fortdauer der Seele.Im festlich leuchtenden Flaschenbaum aus Mississippi mit seinen roten und grünen Früchten blitzen schützende Lichter der Toten auf.Am Tellerbaum aus New York baumelt vielfarbig das Geschirr der Verstorbenenen, derer man dankbar gedenkt, und drei zerbrochene Schüsseln.Fahnenaltäre aus Surinam ehren Vorfahren, die sich durch einen Aufstand von der Sklaverei befreiten: Leinenbahnen flattern von Stangen und Gerüsten.Erinnerung ohne Düsternis, fröhlicher Totenkult.Die "großen Erzählungen" der Genealogie werden ergänzt durch "kleine Erzählungen" spiritueller Alltagsbewältigung.Der Aids-Altar des Krankheitsgottes Omulu aus Salvador da Bahia versammelt auf drei Stufen Tongeschirr, umgestürzte Töpfe unten stehen für die Opfer der Seuche; ausgestreut ist Popcorn das Pocken symbolisiert, ein Strohbild des Gottes lehnt in der Ecke.Eshu, der Botengott, wird verehrt in einem Stein, doppelt so groß wie ein Schädel, auf dem Muscheln - Punkt, Punkt, Strich - das Gesicht markieren.Er ist zuständig für Begegnungen, für rechte Wegwahl an einer Kreuzung, weist aber auch in die Irre. "Face of the Gods" ist eine Recherche über wandernde Weltbilder der globalen Migration.Erdacht wurde die Ausstellung des New Yorker Museum for African Art von dem Kunsthistoriker Robert Farris Thompson, der in El Paso zur Welt gekommen ist, einem Schnittstellen-Ort: hüben die öde texanische Grenzstation - und sobald der Grenzgänger die Brücke nach Ciudad Juarez überquert, tobt drüben, schon auf den ersten Metern, ein völlig anderer, vitaler Planet.Thompson, der renommierte Forscher, hat in Mexiko, in der Karibik und in Brasilien sein Afrika gefunden und ins Museum gebracht; die prächtigsten Tableaus sind Pantheons.Der Altar für sieben Yoruba-Gottheiten aus New Jersey ist eine üppige Kitsch-Komposition aus Pfauenfedern, Sonnenblumen, spitzenumwickelten Gralskörben, Perlen und weißen Tauben, Fischmuster-Krügen, Leopardenpelz, Spiegeln, Pailetten, einer bemalten Kokosnuß und Glöckchen.Der Umbanda Altar von Künstlern aus Rio und New York versammelt Afrikas Götter in christlicher Ikonographie, einen dunklen Jesus, den von Hunden beleckten Krankheitsgott Lazarus, einen kleinen Georg auf großem Schimmel, zweimal Antonius von Padua mit schwarzer sowie weißer Haut und halbnackte Indios."Wir zollen Bildern Respekt, die mehrere Millionen Menschen weltweit bewegen," sagt Thompson."Drei-, vierhundert Jahre haben Menschen gedacht, je weiter man in sie eindringt, desto mysteriöser wird es.Aber wir zeigen mit diesen Wahrheitsmaschinen: Je weiter man eindringt - desto mehr Helligkeit ist dort.Postmoderne adé! Hallo, Spirit!" Ein Schwärmer? Peinlich meidet der Gelehrte die Vokabel Voodoo, als müsse jede kritische Assoziation vorab verhindert werden.Auch die Leute vom Haus der Kulturen öffnen ihre Herzen weit; wie ein Tamagotchi versorgen sie manche der geweihten Altäre, soweit die Priester das angeordnet haben, mit Rum; sie freuen sich auf den Yale-Professor Thompson, der beim Vortrag, heißt es, gern ins Tanzen gerät.Der Respekt für die andere Realitität ist angemessen.Die Differenz des Fremden tritt zurück hinter der Schönheit einer Inszenierung, die sich so philosophisch wie ästhetisch wie optimistisch präsentiert.Offenbar, schreibt die Kunstkritikerin Eleanor Heartney, leiste "ästhetische Kraft einen wichtigen Beitrag zur Wirksamkeit eines Altars.Dieses Paradox wirft eine faszinierende Frage auf: nach der Beziehung zwischen der Idee von Schönheit in der Kunst und der Idee von Anwesenheit in der Religion." Heartneys Frage ist verwandt mit dem mittelalterlichen Vollkommenheits-Konzept voneinander untrennbarer "Transzendentalien": dem Guten, dem Wahren, dem Schönen.Die Vollkommenheits-Illusion für "Face of the Gods" aber ist eine Kopie des unendlichen atlantischen Altars: 20 Meter bemalte Wand - Horizont, Himmel, Wolken, Schaumkronen - , davor Sand und viele Kerzenzirkel um Teller voller Trauben; die pathetisch-schlichte Copacabana-Szenerie zu Sylvester, wenn dort drei Millionen Menschen afrikanischen Meeresgöttern opfern.Individuum adé? Hallo, Unendlichkeit! Haus der Kulturen der Welt: 18.1.- 15.3., Di - So 11 - 18 Uhr, 18.- 23.1.bis 20 Uhr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar