Zeitung Heute : Halt in der Krise

URSULA WEIDENFELD

Im Jahre 1929 brach mit einem Börsencrash die Weltwirtschaftskrise aus.Sie brachte schwere Depression und zerstörte die auf Gold gegründete Weltwährungsordnung.Sie führte Deutschland in die dunkelste Epoche seiner Geschichte und die Welt in den Krieg.Der ökonomische Teil des Desasters wurde unter anderem dadurch ausgelöst, daß Großbritannien seiner Rolle als Ordnungsmacht in der Weltwirtschaft nicht mehr gerecht werden konnte.Es gab niemanden, der den Abwärtstaumel hätte aufhalten können.

Im und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Ordnungsinstitutionen entwickelt, um solche Katastrophen für alle Zukunft zu vermeiden.Mit dem Abkommen von Bretton Woods wurde eine Weltwährungsordnung auf der Grundlage fester Wechselkurse errichtet.Der Internationale Währungsfonds wurde gegründet, um dieses System abzusichern.Die USA übernahmen ihre Verpflichtung als Ordnungsmacht in der westlichen Welt, der Dollar wurde zur Leitwährung.Nun aber droht die erste große Krise der globalen Wirtschaft, in der es mehr Spieler gibt als die westlichen Industrieländer.Eine Krise, die im Stundentakt um die Welt geht und gerade dann nicht zur Ruhe kommt, wenn sie Beruhigung am dringendsten bräuchte.Der Crash in Rußland, die Depression in Asien, die Erschütterungen an den lateinamerikanischen und mitteleuropäischen Märkten, die Unsicherheit über die weitere konjunkturelle Entwicklung in den USA.All das schreit nach irgendjemandem, der hilflosen Notenbankdirektoren, gelähmten Politikern und hysterischen Brokern wenigstens psychologischen Halt gibt, die rettende Ohrfeige verpaßt.

Die Welt sehnt sich nach etwas, das Grund schafft in der Unsicherheit und Tempo herausnimmt.Und stellt erstaunt fest, daß die vorhandenen Ordnungsinstrumente die falschen sind.Immer noch wacht der IWF über das Finanzsystem, obwohl nur noch die wenigsten Währungen in festen Wechselkursen aneinander gebunden sind.Und er arbeitet noch immer mit demselben Axiom: Geld gegen Wirtschaftsreform.Eine Gleichung, die nur noch eine Chiffre für die Hilflosigkeit der Finanzpolitiker ist.Längst überlagern andere Faktoren den Kampf um Stabilität, sie verwässern und konterkarieren sie.Denn Stabilität ist nicht mehr das Thema einer vernetzten Weltwirtschaft.Information ist der Tempomacher der Märkte.Die Börsen sind nicht mehr als Umschlagplätze für Information.Wer eine Aktie kauft, investiert in die Zukunft eines Unternehmens, nicht in seine Gegenwart.Wer Informationen zuerst hat oder zu haben scheint oder zu fälschen in der Lage ist, bewegt den Markt.Je undurchsichtiger, verschlossener und korrupter ein Markt ist, desto wertvoller wird Informationsvorsprung.Wie aber soll in einer solchen Welt eine Behörde - und etwas anderes ist der IWF nicht - helfen können?

Die ordnungsstiftenden Instrumente einer Informationsgesellschaft sind andere als der IWF und die Weltbank.Die Menschen haben in den vergangenen Jahren schmerzhaft lernen müssen, daß Wandel und Flexibilität die beherrschenden Prinzipien des Erwerbslebens sind.Nun muß es die Weltwirtschaft auch lernen.Westeuropa hat im Augenblick eine robuste konjunkturelle Aufwärtsentwicklung.Wenn sich der Pulverdampf der aktuellen Krise verzogen hat, wird sich zeigen, ob Europa zur Wachablösung auf den Weltmärkten bereit ist.Europa könnte dann die Rolle übernehmen, die bisher die konsumfreudigen Amerikaner oder die asiatischen Tigerländer hatten: Hoffnung auf neues Wachstum zu verbreiten.Wer die Weltwirtschaft in Schwung halten will, hat zum Markt keine Alternative.Europa hat sich in der Vergangenheit von der amerikanischen Konjunktur anschieben lassen.Nun muß Europa schieben.

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