Zeitung Heute : Hamburger Harfen

„Wir singen, beten, und es gibt schlecht zu essen: Taizé kann man nicht erklären, nur leben“, sagt einer von 60000, die das zurzeit an der Elbe tun

Fred Grimm[Hamburg]

Das Jahr 2003 lief für Jana aus Göttingen nicht besonders. Kein Praktikumsplatz als Dokumentarfilmerin. Das Institut für Medien- und Kulturwissenschaften, an dem sie studiert, wird eingespart. Dazu 20-Stunden-Tage als Mitorganisatorin eines Studentenstreiks, der folgenlos versickerte. „Da dachte ich: Jetzt geben wir uns das Taizé-Gefühl.“ Die Sehnsucht hat die 23 Jahre alte Frau an einen unwirtlichen Ort getrieben. Hamburg, Messehallen 7. Ein orangefarbener Vorhang an der Wand kaschiert das betonierte Grauen. Kerzen flackern, drei Ikonen verwandeln die Halle in ein Gotteshaus. Ein »Alleluja« weht herbei, schwillt an zum Gesang von Tausenden, die dicht gedrängt auf dem Boden kauern. „Al-le-lu-ja, al-le-lu-ja“, singt jetzt auch Jana. Fünfmal war sie in Taizé. Der Ort, sagt sie, an dem man den Frieden fühlt.

1940 kommt ein von einer schweren Lungenkrankheit genesener Schweizer in das französische Dorf im Burgund. Roger Louis Schulz-Marsauche, den man heute nur noch als Frère Roger kennt, kauft ein leer stehendes Anwesen. Hier will er ein einfaches Leben führen, im Geiste Jesu. Er versteckt Flüchtlinge vor der deutschen Besatzung. Er singt und betet im Wald. Bald schließen sich ihm die ersten Glaubensbrüder an. 1944 gründen sie ihre überkonfessionelle „Communauté de Taizé“. Seit Ende der 50er Jahre kommen aus aller Welt junge Christen, Sinnsucher und Zweifler nach Taizé. Unterkunft in Baracken oder Zelten, drei tägliche Gebetsmeditationen, Gesänge, Gespräche mit den Brüdern, vor allem aber mit anderen Jugendlichen, die sich fragen, was sie auf der Welt sollen oder wie sie sie in einen besseren Ort verwandeln können. Jana betete mit Daniele aus Italien, diskutierte mit Louis aus Portugal die Nächte durch, traf Südafrikaner, Australier, schöpfte Kraft für Monate. „Wir sind viele“, erklärt sie. „Und wir kommen von überall.“

Taizé ist gelebte Utopie. Jeder, der bereit ist, sich sieben Tage in die Gemeinschaft einzufügen, ist willkommen, Katholiken, evangelische Christen, Konfessionslose, Buddhisten. Im Sommer kommen manchmal 8000 Jugendliche in dem kleinen Ort zusammen. Die seit 1978 um Silvester in europäischen Metropolen veranstalteten Jugendtreffen sollen helfen, den Geist von Taizé in die Welt zu tragen.

Über 60000 sind nach Hamburg gekommen, ein Drittel aus Osteuropa. Für 15000 wurden Gastfamilien gefunden, tausende schlafen in Turnhallen, Gemeindehäusern. Manche schlafen wie Oliver aus Paris, „wo Gott mich hinführt“. Martin aus Freiburg reiste mit 16 zu seinem ersten Jugendtreffen nach Breslau. Acht Jahre ist das nun her, und fast jedes Jahr ist er wieder dabei. „Wir singen und beten, und es gibt schlecht zu essen. Taizé kann man nicht erklären, nur leben.“ Freundschaften werden geschlossen, die großen Fragen des Lebens, sie überwältigen einen hier im Minutentakt.

Am Abend wird Martin in einer WG-Küche in St. Pauli sitzen, Rotwein trinken und – buchstäblich – über Gott und die Welt diskutieren. Mit Menschen, die er am Nachmittag noch nicht kannte. „Das Vertrauen ist aller Dinge Anfang“, schreibt Bruder Roger in seiner Grußbotschaft. „Bei einem Gottesdienst in der Kirche würde ich nie singen“, erzählt Martin. Die Texte, die uns Sünder ganz klein machten vor dem Allmächtigen – „das hat mit mir nichts zu tun“. Beim Gottesdienst à la Taizé dagegen hört man auch ihn: „In dunkler Nacht wollen wir ziehen, lebendiges Wasser finden. Nur unser Durst wird uns leuchten.“ Till, der mit Martin in der Küche hockt, stören die Predigten. „Einer erzählt, die Gemeinde hört zu. Das ist nicht die Art, wie ich meinen Glauben erleben möchte.“ Die Welt ist nicht, wie sie sein sollte – Hunger, Krieg, Elend. Und deutsche Kirchenmenschen streiten sich über die korrekte Verabreichung des Abendmahls. Wie klein das sei. „Ich suche nach Gemeinsamkeit zwischen den Religionen, nicht nach Trennendem.“ Der katholische Weihbischof Hans-Jochen Jaschke freute sich bei seiner Ansprache altherrenhaft über die „vielen schönen jungen Mädchen in den Straßen“. Wie gern würden er und die evangelische Bischöfin Maria Jepsen den Schwung der Jugend in ihre überalterten Gemeinden tragen. Aber die, die hier sind, suchen nicht den Weg in den Schoß der Kirche.

Spätestens nach ein paar Stunden werden die „Taizianer“ von der Sehnsucht erfasst, gut zu sein und Gutes zu tun. Wer daheim als komplizierter Eigenbrötler gelten mag, ist hier interessant. Wer Vorbilder sucht, über Gott, Liebe oder einfach nur über sich selbst reden möchte, findet hier Zuhörer. In Halle 2 hocken hunderte auf dem Boden – für die Übersetzungslautsprecher nach Sprachen getrennt. Sie lauschen Bruder Johns persönlichen Ausführungen über das Glück, „den Ruf Gottes in sich“ zu hören.

Zurück beim Abendgebet. Halle 5 – voll, Halle 6 – voll, Halle 7 – übervoll. Meditative Gesänge, plötzlich scheuer, beinahe zärtlicher Applaus. Bruder Roger nimmt Platz bei seiner Bruderschaft, die inmitten der Gläubigen sitzt. Eine Kanzel gibt es nicht, einen sanft genuschelten Neujahrsgruß des 88-Jährigen schon. „Nicht nur die Verantwortlichen der Völker gestalten die Zukunft. Ganz einfache Menschen können dazu beitragen, eine Zukunft des Friedens und Vertrauens aufzubauen.“ Wieder Gesang, dann bittet eine Stimme, das Gebet „mit ein paar Minuten der Stille“ fortzusetzen. Hundertfaches Räuspern, Gehüstel. Viele halten die Augen geschlossen, einem Mädchen laufen Tränen über das Gesicht. Viele sehen aus, als würden sie gern jemanden umarmen, manche tun das auch. Jana liegt fast, der Oberkörper auf den Schenkeln, das Gesicht auf dem Boden. Die Lautsprecheranlage brummt. Dann erhebt sich wieder Gesang. Jana richtet sich auf. „Das Taizé-Gefühl“, sagt sie und lächelt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar