Zeitung Heute : Hammer ohne Nägel

BERND GUGGENBERGER

BERND GUGGENBERGEREiner der geistigen Väter des Kommunikationszeitalters, Joseph Weizenbaum, hat den Computer einmal als das "ultimative Werkzeug" bezeichnet.Das Elend des neutechnologischen Aufbruchs ist, daß die neuen Mittel ("tools") da sind, die neuen Zwecke, die Anwendungen jedoch, in deren Dienst sie sich zu stellen hätten, trotz aufwendiger Suche immer noch fehlen.Die in gerade mal anderthalb Jahrzehnten an die Front beinahe aller ökonomischer Entwicklungen gestürmten telematischen Avantgardetechnologien haben uns eine arbeitsmarktpolitische Situation beschert, bei der Chance und Scheitern dicht bei dicht liegen.Diese Situation läßt sich vielleicht am besten in der Metapher vom Hammer ausdrücken, der, mit schweißabsorbierendem Griffband und hydraulischem Schwingungsdämpfer versehen, entwickelt und in hoher Stückzahl produziert wurde, für den es aber weder einen Nagel gibt, noch eine Wand, und schon gar kein Bild jener Bilder, die man einmal an ihr hängen sehen möchte.In dieser Situation tut der Arbeitssuchende sich schwer, wenn er nicht zugleich der erste Marktetingexperte seiner selbst ist, d.h.wenn er - um im Bilde zu bleiben - nicht selbst Nägel mitbringt und vor allem Vorstellungen über schöne Bilder, die möglichst viele sich von ihm aufhängen lassen.Die neue Technik, die uns meist nur als Jobkiller präsent ist, kreiert auch unablässig neue Beschäftigungschancen.Beschäftigungschancen sind indes nicht mit Arbeitsplätzen gleich zu setzen.Wer Arbeit sucht, hat künftig verstärkt deutlich zu machen, warum gerade er mit seinem Angebotsprofil gebraucht wird: "...und dann habe ich mir meinen Arbeitsplatz einfach selbst geschaffen!" Allenthalben sind solche Phänomene einer Arbeitsgeschaffung, besser: Arbeitserschaffung in eigener Regie zu beobachten - keineswegs nur bei der Widmung neuer Lehrstühle.Doch wird dies alles, per saldo, nicht reichen, die Arbeitsverluste infolge der neuen Technik wettzumachen.Der Computer als "ultimatives Werkzeug" zwingt uns, endlich über die Identität der Gesellschaft nachzudenken, die nach der alten Arbeitsgesellschaft kommt. Der Autor ist Privatdozent am Institut für Ökonomische Analyse politischer Systeme und Politikfelddebatten am Fachbereich Politik der Freien Universität Berlin.

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