Zeitung Heute : Hammer und Hummer

Der chinesische Markt verlangt nach Luxuswagen.

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Mitte Mai hat ein reicher Chinese seiner Unzufriedenheit mit dem Kundenservice für seinen Maserati Quattroporte Ausdruck verliehen: Am Rande der Autoshow in der ostchinesischen Küstenstadt Qingdao ließ er seinen italienischen Sportwagen, der in Deutschland erst für mindestens 146 370 Euro aus dem Showroom fährt, vor Publikum zertrümmern. Drei Männer bedienten die Vorschlaghammer. Zwei Jahre zuvor hatte ein verärgerter Chinese ebenfalls seinen Lamborghini vor Kameras schrottreif schlagen lassen. Beide Aktionen beweisen: Der chinesische Kunde reagiert bisweilen etwas anders als der europäische. Und er hat vor allem im Luxussegmentbereich auch andere Wünsche.

Die europäischen Autohersteller sind sehr gut beraten, die Bedürfnisse der chinesischen Kunden ernst zu nehmen. Trotz zurückgehender Wachstumsraten der Wirtschaft im Reich der Mitte steigen die Absatzzahlen der Autoindustrie weiter an. Von Januar bis April 2013 kauften die Chinesen 7,3 Millionen Fahrzeuge, das entspricht einem Wachstum von 13,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit liegt der Absatz bisher deutlich über der Prognose der chinesischen Vereinigung der Automobilhersteller (CAAM), die für das Jahr 2013 ein Wachstum von 8,5 Prozent auf 16,8 Millionen Fahrzeuge erwartet. Und der Markt könnte sogar weiter zunehmen. Nach einer Studie des Instituts für Wirtschaft und Kommunikation (IWK) wird der Absatzmarkt in China in den nächsten zehn Jahren weiter wachsen. 25 oder sogar 30 Millionen Neuzulassungen pro Jahr seien möglich.

Der chinesische Anteil an diesem bislang unaufhörlich wachsenden Markt liegt bei unter 30 Prozent. Statt den rund 100 einheimischen Autoherstellern, die zumeist preiswerte Kleinwagen anbieten, vertraut der Autokäufer öfter einem internationalen Hersteller. Und dabei sehr oft einem deutschen. Absoluter Krösus auf dem chinesischen Markt ist Volkswagen. Die Wolfsburger brachten 2012 insgesamt 2,8 Millionen Neuwagen an den Chinesen oder die Chinesin – was einem Marktanteil von beinahe 20 Prozent entspricht. Der Konzern profitiert von seiner langjährigen Erfahrung in China, bereits zu Beginn der Achtzigerjahre bedienten die Wolfsburger den chinesischen Markt.

China ist längst der wichtigste für VW geworden. Weshalb der Konzern auch prompt reagieren musste, als das staatliche Fernsehen CCTV von Getriebeproblemen berichtete. Der Konzern rief daraufhin in China 384 000 Fahrzeuge zurück. Bis zum Jahr 2018 will VW sieben neue Produktionsstätten in China eröffnen und die Fertigungskapazitäten von derzeit 2,6 Millionen Fahrzeuge auf vier Millionen Fahrzeuge pro Jahr steigern.

Die VW-Tochter Audi profitierte 2012 mit über 400 000 verkauften Fahrzeugen pro Jahr von der chinesischen Neigung zum Luxusfahrzeugen. Besonders chinesische Behörden kaufen gerne und oft Autos des Ingolstädter Herstellers. Das war auch schön im November 2012 beim 18. Parteitag der Kommunistischen Partei in der Großen Halle des Volkes zu beobachten, als ein Innenhof mit knapp 100 schwarzen Audis der Marke A6 vollgeparkt war. Allerdings versucht die chinesische Regierung im Rahmen ihrer Anti-Korruptionskampagne den dienstlichen Kauf von Luxuswagen zum Beispiel durch das Militär einzuschränken.

Die Attraktion der Luxuswagen als Statussymbol ist ungebrochen. „Die Chinesen stellen bei vielen Premiummarken mittlerweile die größte Kundengruppe“, sagt ein deutscher Vertriebsmanager, „da wären wir schlecht beraten, uns nicht an deren Bedürfnissen zu orientieren.“ Die Chinesen verlangen vermehrt Ungewöhnliches, sie wollen Lifestyle. Längst bieten fast alle Hersteller Langversionen ihrer Modelle für China an. Bundesaußenminister Guido Westerwelle wusste das offenbar noch nicht, als er im Oktober 2012 das neue BMW-Werk in Shenyang besuchte. Beim Rundgang fragte er ungläubig vor einem Fahrzeug der 5er-Reihe: „Den gibt’s nur in China?“ So ist es. Manches gibt es nur in China. Benedikt Voigt

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