Handy am Lenker : Simsende Radfahrer sitzen nicht sehr fest im Sattel

Telefonieren und SMS senden auf dem Fahrrad ist in Deutschland strikt verboten. Doch viele Radler halten sich nicht an diese Verkehrsregel.

Juurd Eijsvoogel
Frühlingsgefühle in Schriftform. Es gibt eine Grundregel: Solange man Fahrrad fährt, gehört das Handy in die Tasche. Sonst wird es schnell gefährlich.
Frühlingsgefühle in Schriftform. Es gibt eine Grundregel: Solange man Fahrrad fährt, gehört das Handy in die Tasche. Sonst wird es...Foto: Maurice Boyer

Wer es noch nie gesehen hat, könnte an eine Zirkusnummer auf der Straße denken. Für viele Radfahrer aber ist es Alltag: simsen während der Fahrt, bei Facebook blättern, E-Mails checken und natürlich: telefonieren. Für den modernen Menschen ist „Multitasking“ Pflicht – ohne Einschränkungen?

Effizient mag das sein, aber es ist auch gefährlich. In New York zum Beispiel landete der damalige Manager der Baseballmannschaft Red Sox, Bobby Valentine, im vergangenen Oktober in einem Graben des Central Parks. Er hatte versucht, auf dem Fahrrad eine SMS zu lesen. „Smart phone, dumb rider“, hieß es anschließend – kluges Handy, dummer Fahrer. Zum Glück trug der Mann einen Helm und verletzte sich nur leicht.

In den Niederlanden wird das Phänomen schon seit Jahren untersucht. Bei neun Prozent der Fahrradunfälle mit Verletzungsfolgen ist im Augenblick des Unfalls elektronisches Gerät im Spiel. Die allgemeine Aufmerksamkeit des Radfahrers nimmt ab, wenn er auf das Display seines Handy sieht, heißt es in einem Bericht der Niederländischen Stiftung für wissenschaftliche Erforschung der Verkehrssicherheit (SWOV). Wenn Unerwartetes passiert, brauchen Radfahrer, die sich auf ihr Handy konzentrieren, 30 Prozent mehr Zeit, um reagieren zu können. Sie fahren langsamer, gerne auch in der Mitte ihres Weges. Und sie pendeln dort oft von einer Seite zur anderen. Simsen auf dem Fahrrad – das ist, als wenn der Fahrer drei Bier intus hätte, fasste eine Zeitung die Problematik zur Schlagzeile zusammen.

Wie sich diese im übertragenen Sinne leicht angetrunkenen Radler mit Handy im Anschlag in den dichten Verkehr stürzen, lässt sich zum Beispiel in Amsterdam jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend beobachten. Verboten ist der Gebrauch eines Handys auf dem Fahrrad in den Niederlanden nicht. Im Oktober startet zunächst eine Informationskampagne, die von der Regierung unterstützt wird. Auto- und Radfahrer sollen ermutigt werden, ihre Augen doch bitte auf die Straße zu lenken, statt sich digitalen Verführungen hinzugeben.

In Deutschland ist die Benutzung von Handys auf dem Fahrrad strikt verboten. Das gilt für Anrufe wie für das Versenden von SMS. Trotzdem gibt es das Problem auch in deutschen Landen, sagt Bettina Cibulski, Pressesprecherin des Allgemeinen Deutsche Fahrrad-Clubs (ADFC). ,,Ich sehe es andauernd“, sagt Cibulski. Sie glaube, dass es möglicherweise in Deutschland ein noch größeres Problem sei als im kleinen Nachbarland. Harte Zahlen hat der ADFC dazu aber nicht. Das Problem ist hinlänglich bekannt, sagt die ADFC-Sprecherin. Doch eine Strategie, wie die Risiken einzuschränken seien, gibt es in Deutschland noch nicht. Die verkehrspolitische Debatte habe sich die letzten Jahre vor allem auf die „Kampfradler“ konzentriert, erklärt sie.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hat im vergangenen Jahr die Unaufmerksamkeit von Verkehrsteilnehmern als hohes Unfallrisiko beklagt: „Es kann Verursachern und Unschuldigen das Leben ruinieren“, sagte er. Auch über simsende Radler sei er besorgt, bestätigt seine Pressesprecherin.

Laut einer Untersuchung der Universität Groningen aus dem Jahr 2010 versenden 0,3 Prozent der niederländischen Radfahrer SMS-Meldungen aus dem Sattel heraus. Auf den ersten Blick erscheint das wenig. Aber übertragen auf Deutschland würde das bedeuten, dass von rund 70 Millionen Fahrrädern etwa 200 000 von unachtsamen Radlern gelenkt werden.

,,Jeder Verkehrsteilnehmer sollte einen Beitrag zum Vermeiden von Unfällen leisten, aber wer sich ablenken lässt, gefährdet sich selbst und andere“, sagt Roelof Wittink, Experte der Dutch Cycling Embassy, eine öffentlich-private Organisation für nachhaltige Mobilität. „Radfahrer, die jemanden anrufen oder simsen wollen oder einfach nur neugierig sind, wer ihnen eine Nachricht geschickt hat, sollten absteigen.“

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